Neu im Kino – POOR THINGS 

Der Mitgefühl suggerierende Unterton im Filmtitel täuscht: POOR THINGS von Yorgos Lanthimos ist eine bizarre, schwarze, opulente Melange aus Monsterfilm, feministische Coming-of-Age-Geschichte und eine freizügige Sex-Posse, die der griechische Regisseur zu einem grandiosen, stimmigen Meisterwerk verbindet.  

Emma Stone brilliert in der Rolle der Bella, einer jungen Frau mit dem Geist eines Kleinkindes. Sie wächst im viktorianischen London in der Obhut von Dr. Godwin Baxter (Willem Dafoe) auf, den sie „Gott“ nennt. Einst hatte sie versucht, sich das Leben zu nehmen, indem sie sich von der Tower Bridge stürzte. Doch Baxter zog ihren halbtoten Körper aus dem Wasser und erweckte ihn wieder zum Leben mit Methoden, deren exotische Grausamkeit erst am Ende der Geschichte enthüllt wird.

Dr. Godwin Baxter (Willem Dafoe) (Foto: Searchlight Pictures)

Baxter ist eine Mischung aus Shelleys Viktor Frankenstein, der sich auf bizarre Versuche an Tieren und Menschen spezialisiert hat, und Henry Higgins aus Shaws „Pymalion“, einem wohlmeinenden, gütigen Professor, der Bella nach seinen Ideen formen will. Im Garten seiner riesigen, verschachtelten Villa stolzieren allerlei hybride Wesen, die offensichtlich das Ergebnis seiner Experimente sind. Auch Bella ist eine Art Experiment für ihn. Um ihre Entwicklung zu fördern und zu protokollieren, nimmt er die Hilfe des jungen, naiven Medizinstudenten Max McCandles (Ramy Youssef) in Anspruch.

Max (Ramy Youssef) und Bella (Emma Stone) Foto: Searchlight Pictures)

Bella hat die Ungeschicklichkeit und Neugier eines Kindes, aber die erwachenden sexuellen Bedürfnisse einer jungen Frau, die zunehmend ihren Körper entdeckt und ohne Scham über ihre Lust am Masturbieren spricht. Max ist von ihr hingerissen und verliebt sich Hals über Kopf in sie. Baxter bemerkt, dass sein Assistent Gefallen an seinem Mündel findet und schlägt ihm vor, Bella zu heiraten, allerdings unter der Bedingung, dass das Ehepaar weiterhin in seiner Villa lebt. Als Baxter den zwielichtigen Anwalt Duncan Wedderburn (Mark Ruffalo) hinzuzieht, um den Ehevertrag aufzusetzen, nimmt das Unheil seinen Lauf. Der schnauzbärtige egomanische Widerling verführt Bella und nimmt sie mit auf eine europäische Grand Tour voller sexuellen Freuden und Abenteuer, die sie nach Lissabon, Alexandria und schließlich Paris führt, wo sie schließlich in einem Bordell anschaffen geht, um die Rechnungen zu bezahlen.  

Für Bella ist diese Reise nicht nur ein Abenteuer, das aus exotischen Schauplätzen, kulinarischen Genüssen und hemmungslosen Sex besteht, von dem sie nicht genug bekommen kann. Gleichzeitig ist sie eine Odyssee der Erleuchtung, die sie ihr Selbst erkennen lässt und sie lehrt, dass die Welt nicht immer lustig und gerecht ist und die Menschen in ihr nicht immer freundlich sind.

Auf dieser Reise hat Lanthimos viel zu sagen über Genderpolitik, über die Rolle der Frau in der Gesellschaft, über die Art und Weise, wie Gespräche über Sex und Sexualität tabuisiert werden. Und darüber wie die Gesellschaft Frauen und ihre Körper als Besitz betrachten.

Auch wenn Bellas Wortschatz im Laufe der Geschichte wächst und sie ihre kindliche Unbeholfenheit verliert, navigiert sie weiterhin durch das Leben bis hin zu einem überraschenden Ende. Und das mit einem Staunen und einer Unbekümmertheit, die man sich manchmal wünscht.

Hans Kaltwasser
Hans Kaltwasser
Artikel: 444

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.