MEIN SOHN, DER SOLDAT:  Requiem für ein Massaker

Filme über den Ersten Weltkrieg gibt es viele. Die große Illusion (Jean Renoir 1937), 1917 (Sam Mendes, 2019), Wege zum Ruhm (Stanley Kubrik 1957) und Im Westen nichts Neues (Edward Berger 2022) sind nur einige der Besten von ihnen. Wenige befassen sich jedoch mit dem Schicksal der „Tirailleurs Sénégalais“, der schwarzen Afrikaner, die an der Seite der Franzosen im Ersten Weltkrieg kämpften.

Senegal im Jahre 1917. Der Hirte Bakary Diallo meldet sich freiwillig zur französischen Armee, um sich seinem Sohn Thierno anzuschließen, der zwangsrekrutiert wurde. An die Front in Europa geschickt müssen Vater und Sohn den Krieg gemeinsam bewältigen. Thierno gerät dabei zunehmend unter den Einfluss des französischen Leutnants Chambreau, der ihn in den Kreis seiner Vertrauten aufnimmt. Während Bakary alles daran setzt, seinen Sohn den Kämpfen zu entreißen und ihn sicher nach Hause zu bringen, findet Thierno allmählich Gefallen an seiner neuen militärischen Rolle und beginnt, sich seinem Vater zu widersetzen. Als Thiernos Einheit zum Sturm auf einen strategisch wichtigen Hügel ansetzt, der über Sieg oder Niederlage entscheidet, überschlagen sich die Ereignisse.

© 2022 – UNITÉ – KOROKORO – GAUMONT – FRANCE 3 CINÉMA – MILLE SOLEILS – SYPOSSIBLE AFRICA
Foto: Marie-Clémence David

MEIN SOHN DER SOLDAT ist der zweite Spielfilm von Mathieu Vadepied und hat drei Narrative.  Zunächst ist er ein Film über den Krieg und die Hölle, die jene, die darin kämpfen, mit durchmachen. Als Kriegsfilm erzählt er von der Zwangsrekrutierung des jungen Senegalesen Thierno durch die französische Armee im Jahr 1917. Sein Vater Bakary hat geschworen, seinen Sohn zu beschützen und ihn in sein Dorf zurückzubringen, und meldet sich zu diesem Zweck freiwillig zum Militär. Die beiden Männer werden schnell nach Nordfrankreich an die Front verlegt, wo die Kämpfe toben, und gehen unterschiedliche Wege.

© 2022 – UNITÉ – KOROKORO – GAUMONT – FRANCE 3 CINÉMA – MILLE SOLEILS – SYPOSSIBLE AFRICA
Foto: Marie-Clémence David

Zweitens ist der Film ein intensives Familiendrama, die Geschichte eines Vaters und dessen Sohnes, die durch die Teilnahme am Ersten Weltkrieg auseinandergerissen werden. Als liebender und beschützender Vater wird Bakary alles tun, um seinen Sohn zu schützen, während er zunächst vor seinen Vorgesetzten verheimlicht, dass er Thiernos Vater ist. Im Lager und in den Schützengräben lauern überall Gefahren. Natürlich vom Feind, aber auch von den eigenen Kameraden, von denen einige die schlimmsten sind.

Während Bakary die Grausamkeit der Menschen kennt und zu gut weiß, dass der Krieg nur zu Tod und Verwüstung führt, ist dies bei Thierno nicht der Fall. Tatsächlich zeigt dieser Fähigkeiten im Kampf und avanciert schnell zu einem der Favoriten von Leutnant Chambreau. Für Thierno ist der Krieg eine doppelte Chance: ein Mann zu werden und sich von seinem Vater zu befreien. Zudem wird ihm von den französischen Behörden in Aussicht gestellt, als „vollwertiger“ Franzose anerkannt zu werden.

Zugleich ist der Film aber auch ein mutiges politisches Statement zu der unrühmlichen Rolle, die Frankreich bei der Rekrutierung senegalischer Soldaten spielte und bis in die jüngere Gegenwart verdrängte. Man nannte sie „Les Tirailleurs Sénégalais“ – senegalische Schützen. In Wirklichkeit kamen sie aus ganz Afrika und wurden teilweise unter Anwendung von Gewalt zwangsrekrutiert.  200.000 kämpften an der Seite französischer Soldaten auf den Schlachtfeldern Europas, mindestens 30.000 starben, viele kehrten verwundet oder als Invaliden zurück. Die Anerkennung wurde ihnen jahrelang versagt.

MEIN SOHN DER SOLDAT ist ein bewegender Film, der zudem glänzend besetzt ist. Vor allem Omar Sy,  den die meisten von uns in Filmkomödien kennen, überzeugt hier in der Rolle des Vaters, der verzweifelt versucht, seinen Sohn zu retten. Unbedingt sehenswert!

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Ingrid
Kunst und Kultur, Musik und Bücher, ohne sie ist ein Leben denkbar, aber für mich sinnlos. Darum habe ich diesen Blog ins Leben gerufen. Es macht viel Spaß, ihn zu gestalten - ich hoffe, den Usern, ihn zu lesen. Nicht alles, was gedruckt wird, muss gelesen, nicht jedes Album gehört werden. Was die User hier finden, gefällt mir und den Gastautoren, die ab und zu Lust haben, etwas zu schreiben.
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