SHENG KEYI – Die Gebärmutter

Die Gebärmutter ist unsichtbar, gut aufgehoben im Frauenkörper und ein intimer und neutraler Fakt. Jedoch spricht die chinesische Ein-Kind-Politik mit einer Rekordzahl an täglichen Eileiterunterbrechungen, Abtreibungen, Einsetzen von Spiralen und die später eingeführte Politik Chinas, die zwei Kinder zuließ, eine andere Sprache. „Gebärmutter“ heißt auch der Roman der chinesischen Schriftstellerin SHENG KEYI, die am Schicksal von acht Frauen aus vier Generationen in einem Dorf in der chinesischen Provinz Hunan die enge Verknüpfung zwischen der chinesischen Politik und dem Umgang mit dem Potenzial schwanger werden zu können, literarisch aufarbeitet.

Noch ganz in der Tradition der Qing-Dynastie verhaftet, in der sie groß geworden ist, herrscht die Großmutter Qi über ihre Familie. Ihr trippelnder Gang lässt die Tradition und das darin vorherrschende Bild einer Frau erkennen. Als ihr Ehemann früh stirbt, wird sie zu einer kalten und hartherzigen Frau, die sparsam über Hof und Ländereien wacht. Ihre Tochter Wu Aixiang wird ebenfalls jung Witwe und kümmert sich allein um ihren Sohn und die fünf Töchter. Zu ihrem schweren, entbehrungsreichen Leben treten gesundheitliche Probleme, deren Ursache eine nach der Geburt ihrer letzten Tochter zwangsweise eingesetzte Spirale ist. Sie möchte dieses Ding gerne loswerden, doch als sie zu diesem Zweck ein Krankenhaus aufsucht, stellt sich heraus, dass der Ring mittlerweile mit dem Gewebe festgewachsen ist. Sie lässt ihn, wo er ist und nimmt ihn mit in ihr Grab.

Doch das Dorfleben, in dem noch per Hand Hähne kastriert und junge Frauen ohne Kenntnisse ihrer Biologie schwanger werden können, verändert sich stetig. Die nahe Stadt mit ihren Möglichkeiten, mehr und schneller Geld zu verdienen, lockt die junge Generation. Chu Yu studiert an Pekings Universität und wird Ärztin. Sie ist die einzige Frau in der Familie, die keine KInder bekommen will. Als ihre ältere Schwester Chu Xue sie in Peking besucht, um sich ihre Eileiter wiederherstellen zu lassen mit dem Ziel, nochmals von einem anderen Mann ein Kind zu bekommen, ist Chu Yu entsetzt. Sie ermuntert ihre Schwester, ein neues unabhängiges Leben zu beginnen. Doch werden die anderen Töchtern von der Familienpolitik der Regierung und der Frage der Fortpflanzung in ihrem Leben bestimmt. Als die Tochter des einzigen Sohnes von Wu Aixiang – die vierte Generation der Familie – ungeplant schwanger wird, versammelt sich der Familienrat, um der 16-Jährigen bei ihrer Entscheidungsfindung zu helfen, ob sie das Kind bekommen soll.

Sheng Keyi erzählt in einer reichen, poetischen Sprache über das Leben in einem Dorf zwischen Tradition und harscher Familienplanungspolitik, die insbesondere Frauen betrifft, denn sie tragen sichtbare und seelische Narben davon. Der faszinierende Roman über Menschen in China, der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt, zeigt plastisch und eindringlich, die Notwendigkeit auf, für Selbstbestimmung und Freiheit zu kämpfen, und ist auch als Teil der Biografie der Autorin zu begreifen..

Sheng Keyi
SHENG KEYI wurde 1973 in der Provinz Hunan geboren und zog in den Neunzigerjahren nach Peking. Seit 2003 hat sie ein umfangreiches, auch international anerkanntes erzählerisches Werk geschaffen, das wie der Roman ›Die Gebärmutter‹ von einem kritischen Blick auf die chinesische Gesellschaft geprägt ist. Einige ihrer Bücher sind in China verboten.

SHENG KEYI – Die Gebärmutter
Übersetzung: Frank Meinshausen
432 Seiten

ISBN:978-3-8321-6805-6
Verlag: Dumont

Standardbild
Ingrid
Kunst und Kultur, Musik und Bücher, ohne sie ist ein Leben denkbar, aber für mich sinnlos. Darum habe ich diesen Blog ins Leben gerufen. Es macht viel Spaß, ihn zu gestalten - ich hoffe, den Usern, ihn zu lesen. Nicht alles, was gedruckt wird, muss gelesen, nicht jedes Album gehört werden. Was die User hier finden, gefällt mir und den Gastautoren, die ab und zu Lust haben, etwas zu schreiben.
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