Diese kostbaren Tage von Ann Patchett

Im Vorwort zu ihrem Essayband schreibt die Autorin Ann Patchett, wie sie bereits als junge Autorin beim Schreiben ihres damals ersten Romans vom Gefühl überwältigt war, vielleicht einem Unfalltod zu erliegen und anders ums Leben zu kommen. Sterblichkeit war ihr zuvor nie in den Sinn gekommen. Doch diese Angst trat immer wieder auf, wenn sie einen Roman begann. So als fürchtete sie, die gerade entworfenen Romanfiguren nicht weiter entwickeln zu können, ihren Roman nicht fertig zu stellen. Doch Essays sind unsterblich, hatte sie dagegen gelernt. Zum Glück hat die Angst die Autorin nie davon abgehalten, ihre wunderbaren Romane zu schreiben.

Ihr jetzt erschienener Essayband ist ein persönlicher Rückblick auf ihre letzten zehn Jahre. Ann Patchett schreibt darin über ihre vielen Väter, die sie hatte, da die Ehen ihrer Mutter nicht dauerhaft waren. Über das, was diese Männer ihr mitgegeben haben. So ihr leiblicher Vater, der jedoch ihre schriftstellerischen Ambitionen als Hobby abtat und sie ermunterte, stattdessen besser Zahnarzthelferin zu werden.

Wie uns allen begegnet auch der Autorin der Tod tatsächlich, wenn Angehörige oder Bekannte sterben. Neben der Traurigkeit, jemanden verloren zu haben, mischt sich bei ihr auch der Gedanke, dass Menschen häufig zu viel Unnützes angehäuft haben. Den Hinterbliebenen fällt die Aufgabe zu, aufzuteilen, wegzuwerfen oder zu spenden. Obwohl Ann nicht krank ist, treibt sie der Gedanke um, Wertvolles und Wertloses ebenfalls gehortet zu haben und macht sich daran zu entrümpeln und von nun an mit weniger auszukommen. Eine Befreiung!

Einen Vorlauf zu dieser Geschichte ist auch ihr Jahr ohne Shopping, das die Autorin noch bevor es chic wurde, minimalistisch zu leben, erprobt hat. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass das Kaufen sich „wie eine Schicht Vaseline auf einer Glaswand“ auswirkt. Wir erkennen nur Umrisse, keine Feinheiten, wenn wir wie im Rausch immer neue Dinge kaufen.

Sie erzählt davon, wie das Stricken ihr zweimal das Leben gerettet hat, obwohl sie diese Handarbeit nur selten betrieben hat und über die Fähigkeit, einen Schal zu stricken, nicht hinaus gekommen war. Doch Muster zu stricken, erfordert Konzentration. Und keine Hand ist frei, um zu rauchen, aber auch nicht, um zu schreiben.

Besonders berührend ist auch die Erzählung über die Freundschaft mit der Assistentin von Tom Hanks, Sooki Raphael. Sie erkrankt an wiederkehrendem Bauchspeichelkrebs, und da Patchetts Mann als Arzt in einem großen Krankenhaus in Nashville arbeitet, in dem gerade Studien zu dieser Krebsart laufen, lädt Ann Sooki zu sich ein, um an der Studie teilnehmen zu können. Und so entsteht während der Pandemie und des Lockdowns eine tiefe Freundschaft, als Sooki dort wohnt.

Ihre entwaffnende Offenheit, die Themenvielfalt und Erzählkraft der Autorin Ann Patchett lassen Leser*innen an ihrem Leben teilnehmen und machen den Essayband zu einem unvergesslichen und nachdenklich stimmenden Leseerlebnis, das kostbare Stunden schenkt.

Diese kostbaren Tage von Ann Patchett

Übersetzt von: Ulrike Thiesmeyer
384 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-8270-1469-6

Verlag: Berlin Verlag

Standardbild
Ingrid
Kunst und Kultur, Musik und Bücher, ohne sie ist ein Leben denkbar, aber für mich sinnlos. Darum habe ich diesen Blog ins Leben gerufen. Es macht viel Spaß, ihn zu gestalten - ich hoffe, den Usern, ihn zu lesen. Nicht alles, was gedruckt wird, muss gelesen, nicht jedes Album gehört werden. Was die User hier finden, gefällt mir und den Gastautoren, die ab und zu Lust haben, etwas zu schreiben.
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