The Revenant – der Rückkehrer

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Ein oscargekrönter Regisseur, ein Mega-Filmstar, ein packendes Überlebens- und Racheepos voller Gewalt und hinreißender Schönheit. Und dennoch reden alle nur über die Bärenattacke in Alejandro González Iñárritus neuem Film „The Revenant – der Rückkehrer“.
Kein Wunder. Die Szene kommt rund 24 Minuten nach Filmbeginn. Kurz zuvor werden Pelztierjäger und Grenzer Hugh Glass, gespielt von Leonardo DiCaprio, von einer Horde Indianer vom Stamm der Arikaree angegriffen. In vielen Filmen wäre wahrscheinlich dies die Szene, über die alle sprechen würden. Schwirrende Pfeile, die Warnrufe in der Kehle ersticken, Pulverdampf aus abgefeuerten Gewehre der Trapper, blutig skalpierte Schädel.
Unter der Führung von Glass gelingt es einer Handvoll Männern, dem entsetzlichen Gemetzel zu entkommen. Sie wollen sich möglichst rasch zu einem entlegenen Stützpunkt durchschlagen, noch ehe der Winter anbricht. Glass hat sich von den anderen entfernt und durchstreift den Wald, um Nahrung und eine geeignete Übernachtungsstelle zu finden, als er von einer riesigen Grizzlybärin angegriffen wird. Es folgt eine grandios gefilmte kontinuierliche Szene voller blutiger archaischer Gewalt, deren Immersion und wuchtige Unmittelbarkeit dem Zuschauer einiges abverlangen.

Manche glauben gar, in dieser Bärenattacke eine Vergewaltigungsszene zu sehen. Zu Unrecht. Denn es geht um nichts weniger als Macht, Angst, Wut, und dieser Moment, ebenso wie die menschliche Schändlichkeit, die wenig später folgt, ist die treibende Kraft, die das Leitthema dieses Films befeuert und die gewiss im Film häufiger als im wahren Leben anzutreffen ist: Rache gegen Menschen, vielleicht auch Rache gegen die Natur.
Drehbuchautor Mark L. Smith hat sich in seiner Arbeit teilweise auf den 2002 erschienenen Roman „The Revenant“ von Michael Punke (deutsch „Der Totgeglaubte“ Piper Verlag 2015) gestützt sowie teilweise auf die wahre Lebensgeschichte, die ihrerseits Punke zu seinem Roman inspiriert hat: auf die Abenteuer des Hugh Glass, einem Mann aus den Rocky Mountains, der der Überlieferung nach einen Bärenangriff überlebte und sich auf eine unglaubliche Odyssee begab, um die beiden Männer zur Strecke zu bringen, die ihn dem Sterben überließen.

Als Glass` Sohn Hawk (Forrest Goodluck) und die anderen Trapper den Geschundenen finden, steckt kaum noch Leben in dem zerfetzten Körper. Niemand in der Truppe glaubt, dass er überleben wird. Deshalb stellt Kommandeur Andrew Henry (Domhnall Gleeson) zwei Männer gegen Extrasold dafür ab, sich um Glass zu kümmern und diesem ein christliches Begräbnis nach seinem Tode zu bereiten: den jungen unerfahrenen Jim Bridger (Will Poulter) und das zwielichtige texanische Raubein John Fitzgerald (Tom Hardy). Außerdem bleibt Hawk, Glass‘ Sohn, ein Halbindianer, zurück, den Fitzgerald verdächtigt, gemeinsame Sache mit den Indianern zu machen. Sobald die Truppe weitergezogen ist, tötet Fitzgerald Hawk und begräbt Glass bei lebendigem Leibe. Dann kehrt er mit Bridger zum Stützpunkt zurück, um die versprochene Belohnung zu kassieren. Doch sie haben ihre Rechnung ohne den fanatischen Willen des totgeglaubten Glass gemacht, gegen alle Widrigkeiten zu überleben: Glass kriecht aus seinem Grab und macht sich auf den Weg, um den Mord an seinem Sohn zu rächen.

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The Revenant ( Leonardo DiCaprio ) auf Rachefeldzug © Fox

Was bis hierhin immerhin ein gut gemachter Westernthriller ist, kippt an diesem Punkt und entwickelt sich zu einer packenden Survival- und Rachesaga mit fesselnden Szenen und großartigen Bildern. Dabei wird der im Grunde eher durchschnittliche Plot entscheidend aufgewertet durch die Tatsache, dass man bei „The Revenant“ mitzittert wie bei einem dramatischen Hochseilakt ohne Netz und doppelten Boden. In vielen Action-Filmen sorgt eine raffinierte Green Screen Technologie für die perfekte Pseudo-Authentizität der vermeintlichen gefährlichen Situationen auf der Leinwand, denen der Schauspieler niemals wirklich ausgesetzt ist. Anders in Alejandro González Iñárritu „The Revenant“. Der für seinen Film „Birdman“ Anfang 2015 mit einem Oscar ausgezeichnete Regisseur hat acht strapaziöse Monate in der kanadischen und argentinischen Wildnis mit einem Schauspielerteam zugebracht, das in der klirrenden Kälte Frieren und völlige Erschöpfung scheinbar gar nicht groß zu spielen brauchte. Insbesondere Leonardo DiCaprio, häufig in Hollywood als Weichei belächelt, wurde ein körperlicher Einsatz abverlangt, der über die Grenzen des physisch Zumutbaren und Erträglichen weit hinausgeht. Bei den Dreharbeiten schleppte sich der 41jährige US-Schauspieler bei Temperaturen von minus 20 Grad Celsius über wirklich gefrorenen Boden, stürzt in einen eiskalten reißenden Fluss, legt sich in den ausgeweideten Kadaver seines verendeten Pferdes, um sich vor der unbarmherzigen Kälte zu schützen, und schlägt seine Zähne in eine blutig-rohe Bisonleber.

Der größte Verbündete diCaprios hier ist der mit zwei Oscars prämierte Kameramann Emmanuel Lubezki, dessen Kamera atemberaubende, zumeist bei natürlichem Licht gedrehte Bilder sublimer Schönheit einer unberührten Natur einfängt und die trotzigen Versuche von Glass, unbedingt in ihr zu überleben.

Bilder von atemberaubender Schönheit ©Fox

Bilder von atemberaubender Schönheit ©Fox

Doch gelegentlich scheint sich die Schönheit der Naturbilder Lubetzkis mit Terror zu paaren, wenn seine Kameras nicht nur die kristallene Erhabenheit der Landschaft einfangen – beispielsweise das über das Moos tanzende morgendliche Sonnenlicht oder Flüsse, die wie geschmolzenes Diamant glänzen, sondern auch ihre stumpfe Gleichgültigkeit gegenüber den Menschen, die in ihr leben müssen. Nahaufnahmen sind häufig aus einem niedrigen, wenig schmeichelhaften Winkel gedreht, zeigen tiefe Furchen in den Gesichtern und die Nasenlöcher der Protagonisten geradezu so, als ob sie wie Raubtiere beständig die Witterung ihrer Beute oder möglicher Gefahren aufnehmen. Ja, Lubetzki lässt es gelegentlich sogar zu, dass der Atem der Akteure die Linsen seiner Kamera beschlägt. In jedem anderen Film würde dies wahrscheinlich die Magie entzaubern. In „The Revenant“ verstärkt sie diese noch und unterstreicht, dass so unbarmherzig und brutal die Natur ist, wir doch mitten in ihr gefangen bleiben.

Fazit: Mit „The Revenant – der Rückkehrer“ gelingt „Birdman“-Regisseur Alejandro González Iñárritu ein packendes, meisterhaft inszeniertes Überlebens- und Racheepos mit opulenten beeindruckenden Bildern. Die entscheidende Frage, die dem Zuschauer im Kopf herumgeht, nachdem er „The Revenant“ gesehen hat, ist allerdings nicht: „Wird Leonardo DiCaprio diesmal seinen ersten Oscar für eine großartige schauspielerische Leistung bekommen?“, sondern vielmehr, für den Fall, dass er wieder leer ausgeht: „Was zum Teufel braucht es eigentlich, die begehrte Auszeichnung zu erhalten?“

The Revenant – ab 6.1.2016 im Kino

 

Titelbild: © Fox

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