Zum 10. Todestag von Etta James

Ihre reiche Altstimme hauchte einer Vielzahl von Musikstilen Leben ein: Blues, Gospel, Jazz, R&B und Soul. Sie gehörte zu den von der Kritik am meisten gefeierten Sängerinnen der letzten 50 Jahre, auch wenn der ganz große Publikumserfolg ausbliebt. Heute vor zehn Jahren erlag sie ihrer Leukämieerkrankung: Etta James.

Eine Stimme aus Gold, ein Leben voller Leid und Schmerz

Etta James Leben war geprägt von Gewalt, Drogensucht, Kriminalität und ihre Leidenschaft für die Musik. Ihre raue Stimme will nicht leicht ins Ohr, mutet dem Hörer einiges zu. Etta James sang mit einem unübertroffenen, schier unstillbaren emotionalen Hunger und Schmerz, der einem einen Schauer über den Rücken jagt. Ihre ungezügelte Wildheit spiegelt die mannigfachen Verletzungen wider, die sie erfahren hat: als vernachlässigtes Kind, als Frau, die sich ständig auf die falschen Beziehungen einlässt und als Künstlerin, die gegen eine von Männern dominierte Branche und eine Gesellschaft wütet, die sie diskriminiert.

Noch heute fasziniert Etta James. Dass ihre Anziehungskraft auf eine neue Generation ungebrochen ist, wurde vier Jahre vor ihrem Tod deutlich, als der R&B-Superstar Beyoncé Knowles sie in dem Film Cadillac Records spielte. Vielen Musikerinnen ist sie ein Vorbild. Janis Joplin ahmt ihren Gesangsstil nach. Die britische Popsängerin Adele sagte, dass sie mit dreizehn eine CD von Etta James gekauft habe, die sie zum Singen animierte.

Prekäre frühe Kindheit

Ihr wirklicher Name war Jamesetta Hawkins. Geboren wurde sie am 25. Januar 1938 als Tochter der 14-jährigen Dorothy Hawkins und eines unbekannten weißen Vaters geboren, obwohl Etta James in ihrer Autobiografie „Rage To Survive“ behauptete, es habe sich um den bekannten Billardspieler Rudolf“ Minesota Fats“ Wanderone gehandelt. Ihre minderjährige Mutter war mit der Erziehung des Kindes überfordert. Immer wieder verschwand sie für Monate mit einem neuen Verehrer, sodass James zunächst bei Adoptiveltern in Los Angeles aufwuchs, wo sie seit ihrem fünften Lebensjahr Gospel in der Kirche ihrer Gemeinde sang. 

Als 1960 ihre Adoptivmutter starb, tauchte ihre leibliche Mutter Dorothy wieder auf und nahm ihre 12-jährige Tochter mit nach San Francisco. Dorothy war eine Stricherin und zeigte keinerlei Neigung, ihren Lebensstil zu ändern. Sie war nicht da, wenn ihre Tochter aus der Schule kam, sodass James so ziemlich alles tun konnte, was sie wollte. Einschließlich Alkohol trinken und Marihuana rauchen. Gewalt und Drogenmissbrauch wurden zu einer Konstanten in James‘ Leben; die Beziehung zur Mutter blieb über viele Jahrzehnte hinweg toxisch.

Halt findet James in der Musik. Mit zwei Jugendfreundinnen gründete sie ein Gesangstrio, die Creolettes, das die Chance bekommt, bei dem bekannten, eigenwilligen R&B-Bandleader Johnny Otis vorzusingen. Der war von ihrer Stimme und ihrem Talent als Songwriterin so beeindruckt, dass er anbot, gleich am nächsten Tag mit ihr nach Los Angeles zu fahren, um einen Song aufzunehmen. Die Halbwüchsige willigte ein, log dem Impresario vor, dass sie 18 sei. Doch Otis war misstrauisch und verlangte die unterschriebene Einwilligung ihrer Mutter. Da ging sie nach Hause, fälschte die Unterschrift ihrer Mutter – Dorothy saß wieder einmal im Gefängnis.

Erste Erfolge als Teenager-Wunderkind

Den Plattenbossen bei Modern Records war der Originaltitel „Roll With Me Henry“ jedoch zu schlüpfrig; sie befürchteten, dass die Radiostationen ihn nicht spielen würden. Da benannte ihn Otis kurzerhand in „The Wallflower“ um und seinen Schützling in Etta James. Der Song erreichte Platz eins der R&B-Charts, während das langweilige, entschärfte Cover „Dance With Me Henry“ von Georgia Gibbs drei Wochen lang die Pop-Charts anführte. Mit dem Song „Good Rockin‘ Daddy“ legte James nach und erreichte Platz 12 der R&B-Charts. Anschließend schickte ihr Management das Teenager-Wunderkind auf Tournee mit Johnny Otis, Johnny „Guitar“ Watson und Little Richard. Hier lernte sie die vielen Ausschweifungen der Szene kennen, die sie sich schnell zu eigen machte. In den 50er-Jahren landete Etta James keine Hits mehr. Dennoch war sie im „Chitlin‘ Circuit“, in den Clubs der schwarzen amerikanischen Arbeiterklasse eine beliebte Attraktion.

Wechsel zu Chess Records

1960 unterschrieb sie bei dem legendären Chicagoer Bluesplattenlabel Chess Records, das sie als Soulsängerin vermarktete. Ihr 1961 veröffentlichtes Album „At Last“ enthielt eine Reihe ihrer früheren R&B-Hits, darunter den Klassiker „I Just Want To Make Love to You“ von Willie Dixon. Der titelgebende Song des Albums, eine Coverversion einer Nummer aus dem Jahr 1941, die zuerst von Glen Miller gesungen wurde, sollte freilich neben ihren wasserstoffblond gefärbten Haaren zu ihrem Markenzeichen werden. Wegen des üppigen Orchesterarrangements wurde er auf zahllosen Hochzeiten und bei besonderen Anlässen gespielt. Auch Präsident Obama tanzte bei seinem Amtseinführungsball zu diesem Song mit seiner Frau Michelle.

Zwischen 1961 und 1963 erzielte James nicht weniger als zehn Hits in den Charts, darunter „Trust In Me“, „Something’s Got a Hold On Me“, „Sunday Kind of Love“, „All I Could Do Was Cry“ und eben „At Last“.

Trotz ihres Erfolgs mit gefühlvollen Soulballaden vernachlässigte James nicht die rauere Seite ihrer ausdrucksstarken Stimme und nahm 1966 den Blues-Standard „Call My Name“ auf. Ein Jahr später zog sie in die Fame Studios in Alabama, wo sie einen ihrer schönsten und bekanntesten Songs, „I’d Rather Go Blind“ schrieb und aufnahm, eine grüblerische, qualvolle Ballade über Verlust und Eifersucht.

Auch mit diesem Titel fiel es ihr schwer, aus dem schwarzen Musikmarkt auszubrechen. Wie so oft bei afroamerikanischen Künstlern sind es weiße Musiker, die mit den von Schwarzen geschriebenen Songs das große Geld machen. Hier war es die britische Bluesband Chicken Shack mit ihrer Sängerin Christine Perfect, die den Titel hoch in die britischen Charts brachte.     

Leben wie eine Achterbahnfahrt

Trotz ihrer künstlerischen Leistungen und Errungenschaften glich Etta James‘ Karriere über weite Strecken einer furiosen Achterbahnfahrt. Zum Teil lag dies an dem sich ändernden Publikumsgeschmack, zum Teil  daran, dass sie sich mit den falschen Männern einließ. Vor allem waren es aber ihre langjährigen Drogenprobleme, die sie immer wieder abstürzen ließen. Bereits in den 1960er-Jahren wurde sie heroinabhängig, was sie hinter Gitter und am Rande des Ruins brachte. Nachdem sie diese Sucht in den 1970er-Jahren überwunden hatte, verfiel sie dem Kokain. Später waren es starke Schmerzmittel, die sie wahllos in sich hineinstopfte. Doch die Drogensucht war nicht ihr einziges Problem. Die Künstlerin kämpfte mit ihrem Gewicht, trat zeitweise im Rollstuhl auf, als sie älter und schwerer wurde.

Späte Anerkennung und Rückzug aus dem Musikgeschäft

Für ihre künstlerischen Leistungen hat Etta James in ihrem späteren Leben viel Anerkennung erhalten. 1993 wurde sie in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen. 2003 bekam sie einen Grammy für das beste zeitgenössische Blues-Album „Let’s Roll“, 2004 einen für das beste traditionelle Blues-Album „Blues to the Bone“. Als „Beste Jazzsängerin“ wurde sie 1994 für Ihr Album „Mystery Lady: Songs of Billie Holliday“ ausgezeichnet. Außerdem erhielt sie 2003 einen besonderen Grammy für ihr Lebenswerk und einen Stern auf dem Hollywood Walk of Fame.

Im Oktober 2011 zog sich James aus dem Musikgeschäft zurück. Eine letzte Studioaufnahme, „The Dreamer“, wurde veröffentlicht, auf der die Sängerin klassische Songs – von Bobby „Blue“ Blands „Dreamer“ bis hin zu Guns N‘ Roses „Welcome To the Jungle“ – aufnahm und immer noch rockt, ein passendes Ende für ihre geschichtsträchtige Karriere. Als die Sängerin Etta James am 20. Januar 2012 an Leukämie starb, waren ihre Fans untröstlich. Doch ihre außergewöhnliche Stimme lebt weiter.

Standardbild
Hans Kaltwasser
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