Filmtipp – Abteil Nr. 6 bald im Kino

Eine junge Frau auf dem Weg nach Murmansk, wo sie Petroglyphen aus prähistorischer Zeit besichtigen möchte. Ihr enges Abteil im Zug muss sie sich mit einem betrunkenen Skinhead teilen. Trotz der klirrenden Kälte, die im abgelegenen Nordwesten Russlands herrscht, strahlt diese ungewöhnliche romantische Geschichte über zwei Fremde im Zug eine wunderbare menschliche Wärme und feinen Humor aus. Juho Kuosmanens neuer Film ABTEIL NR. 6 handelt von der finnischen Archäologiestudentin Laura (Seidi Haarla), die sich zu Beginn der 1990-er Jahre in Moskau aufhält und eine leidenschaftliche Affäre mit ihrer Professorin Irina (Dirana Drukarova) begonnen hat.

Irina hatte Lauras Interesse für die geheimnisvollen, in Stein gemeißelten Felsbilder geweckt und sie eigentlich auf der zweieinhalbtägigen Reise begleiten wollen. Doch sie sagt aus einem fadenscheinigen Grund ab, sodass die junge Studentin beschließt, die beschwerliche, lange Bahnfahrt nach Murmansk alleine anzutreten.

Im ungemütlichen Zug, in den die gutmütige, offenherzige Laura am nächsten Tag in der eisigen Winterkälte einsteigt, stellt sie zu ihrem Entsetzen mit, dass sie ihr enges Schlafwagenabteil mit Ljoha (Juri Borrisow) teilen muss, einem rüpelhaften, zornigen jungen Mann, der auf dem Weg zu einem Job in einem Kohlebergwerk in Murmansk ist und mit dem sie nichts gemeinsam hat. Nüchtern ist Ljoha mürrisch und abweisend, betrunken noch schlimmer. Ihm beim Essen zuzuschauen ist abstoßend. Er hält sie für eine Prostituierte, äußert sich offen frauenfeindlich, greift ihr an den Rock und zeigt für ihre Pläne kein Interesse.

Abteil Nr. 6 von Juho Kuosmanen
©2021 Sami Kuokkanen Aamu Film Company

Laura versucht diesem Albtraum zu entkommen, indem sie in den Speisewagen flüchtet oder vergeblich versucht, die Schaffnerin zu bestechen. Und ihre gelegentlichen Anrufe nach Moskau, die sie aus Telefonzellen an Haltebahnhöfen unterwegs macht, zeigen, dass Irina nicht gerade vernarrt in sie ist. Laura ist auf sich allein gestellt, sieht ein, dass sie Ljohas Gegenwart hinnehmen muss, erwärmt sich sogar langsam für ihn. Sein finsteres Gesicht und kahl geschorener Kopf lassen ihn anfangs wie einen harten Kerl erscheinen, aber nach einer Weile sehen wir ihn als verletzlichen kleinen Jungen, vor allem, als Laura einen anderen finnischen jungen Mann in ihrem Abteil aufnimmt, einen selbstbewussten, gut aussehenden Typen, der singt und Gitarre spielt. Ljoha ist sehr skeptisch und verärgert über den angeberischen Eindringling. Und er soll recht damit haben. 

Schließlich will niemand Laura bei der Suche nach den Petroglyphen helfen, für die sie so weit gereist ist. Und dann ist es ausgerechnet Ljoha, der einspringt.   

Juho Kuosmanen, Andris Feldmanis und Livia Ulman haben gemeinsam das Drehbuch zu diesem Film geschrieben, der auf einem Roman der finnischen Künstlerin und Schriftstellerin Rosa Liksom basiert. Die Geschichte ist geduldig, entwickelt sich langsam. Man weiß am Anfang nicht so richtig, ob dies ein Thriller oder eine ungewöhnliche Romanze wird. Kuosmanen hält die Einstellungen länger, als wir es gewohnt sind, zwingt den Zuschauer, die mit einer sanft geführten Handkamera bei natürlichem Licht gedrehten Bilder genau zu betrachten. Die Geschichte von Laura und Ljoha, die sich als Fremde im Zug begegnen, wird intim und intensiv erzählt. Dabei sind es gerade die wortlosen Momente, die unausgesprochene Emotionen und Bezüge zeigen wie zum Beispiel, wenn Ljoha im Schnee spielt oder ein fast magischer Pas de deux zwischen Ljoha und Laura beim Abendessen im Bordrestaurant.

ABTEIL NR. 6 zeigt Menschen und Orte, vor denen man auf den ersten flüchtigen Blick fliehen möchte. Doch die ausdrucksstarken Bilder und die filmisch gut erzählte Geschichte sollte man sich unbedingt im Kino ansehen.

Kinostart: 31.03.2022

Abteil Nr. 6

Regie: Juho Kuosmanen


Verleih, eksystent Filmverleih
Fotos: ©2021 Sami Kuokkanen Aamu Film Company

Standardbild
Hans Kaltwasser
Artikel: 331

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.