THE KILLING OF AN ANCIENT DEER

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Die Filme von Giorgos Lanthimos sind dafür bekannt, komische Elemente mit dem Grauenhaften zu verbinden. Nach seiner rabenschwarzen Satire “Dogtooth und der Science-Fiction-Tragikkomödie “The Lobster ” versucht sich der griechische Regisseur in seinem neuen Film THE KILLING OF AN ANCIENT DEER an etwas, das noch verstörender erscheint. In einem nahtlosen Übergang vom Absurden zum Grauenhaften zeigt er einen  Albtraum aus Schuld und Sühne, den er von den Bühnen des antiken Griechenlands auf die Leinwand des 21. Jahrhunderts verlegt.

THE KILLING OF AN ANCIENT DEER

Colin Farrell spielt Steven Murphy, einen erfolgreichen und geachteten Herzchirurgen.

Colin Farrell spielt Steven Murphy, einen erfolgreichen und geachteten Herzchirurgen. Die erste Einstellung, die in extremer Nahaufnahme eine Operation am offenen Herzen zeigt, endet damit, dass der Chirurg die OP-Handschuhe nach dem offensichtlich misslungenen Eingriff in den Mülleimer wirft und mit ihnen symbolisch das Blut von seinen Händen reinigt. Steven lebt in einem prächtigen, riesigen Haus mit seiner Frau Anna (Nicole Kidmann), die als Leiterin einer Augenklinik ebenfalls auf eine erfolgreiche Karriere zurückblicken kann.

Martin (Barry Keoghan) trifft sich mit Kim (Raffey Cassidy)

Beide haben zwei Kinder, die 15jährige Tochter Kim (Raffey Cassidy) und den jüngeren Sohn Bob (Sunny Suljic).  Die pubertierende Kim kennt sich in der griechischen Geisteswelt bestens aus. Für ihren Aufsatz über den Mythos der IPHIGENIE hat sie eine Eins bekommen. Die Murphys führen ein Leben im Luxus, doch voller Kälte, Monotonie und innerer Leere. Vielleicht ist es das, was Steven dazu bewegt, sich von Zeit zu Zeit mit Martin (Barry Keoghan) zu treffen, einen höflichen Teenager mit guten Manieren, dessen Beziehung zum Chirurgen zunächst merkwürdig vage bleibt.

Martin (Barry Keoghan) und Steven treffen sich in der Klinikkantine

Martin ist der Sohn eines ehemaligen Patienten, der unter Stevens Händen auf dem OP-Tisch gestorben ist. Jetzt kümmert sich Steven um den Halbwüchsigen, macht ihm teure Geschenke, lädt ihn sogar zu sich nach Hause zum Essen ein.

Eine Zeit lang entwickeln sich die Dinge in einer merkwürdig befremdenden Weise. Man spricht über höchst banale Dinge – Termine, Zitronenkuchen und die Menstruation der Tochter, in einem leisen, gleichförmigen Rhythmus wie in Trance. „Einmal Vollnarkose?“, fragt Anna, bevor sie sich in komatöser Pose auf dem Bett drapiert und Bewusstlosigkeit vortäuscht, bevor ihr Mann sie in ritueller, freudloser Routine besteigt.

Nach und nach schleicht sich Martin in das langweilige Leben der Bilderbuchfamilie, besucht sie zu Hause, freundet sich mit den Kindern an, beeindruckt die pubertierende Kim, die sich in ihn verliebt. Später lernt Steven Martins notgeile Mum (Alicia Silverstone) kennen, die seine schönen Hände bewundert und pathetisch darauf besteht, ihn nicht weggehen zu lassen, ehe er ihren selbst gemachten Apfelkuchen probiert hat. Der Satz amüsiert, doch das Lachen will einem im Halse stecken bleiben. Als die Frau sich an den Chirurgen schmiegt und ihm Avancen macht, ergreift er in panischem Schrecken die Flucht. Allmählich nimmt, was anfänglich komisch erscheint, unheimliche Züge an.

Martin will von Steven eine Herzdiagnose, er glaubt sein sein Herz sei nicht gesund.

Dann kann Bob eines Morgens nicht mehr aufstehen. Seine Beine versagen ihren Dienst. Kurz darauf verweigert er jegliche Nahrung. Martin eröffnet Steven mit dämonischem Flackern in den Augen, was los ist. Es geht um Schuld und Sühne, Verantwortung und Gerechtigkeit.  Steven habe seinem Vater das Leben genommen, jetzt müsse er zum Ausgleich eins seiner Kinder töten, oder die ganze Familie werde sterben. Erst Bob, danach Kim. Ihre Gliedmaßen würden von einer seltsamen Lähmung befallen werden, und Blut werde aus ihren Augen rinnen, wenn der Tod kommt. Doch Steven ist ein Mann der Wissenschaft und weigert sich zu glauben, dass eine überirdische Gerechtigkeit ihn zur Rechenschaft zieht.

Gemeinsam mit seinem ständigen Kameramann Thimios Bakatakis und einem hochtalentierten Team ist Lanthimos mit THE KILLING OF A SACRED DEER ein bemerkenswerter Film gelungen, der in seiner düsteren, klaustophobischen Spannung an den frühen Polanksi erinnert, indessen zu einer eigenen, gänzlich neuen, bedrohlichen Bildersprache findet. Bakatakis‘ Kameraarbeit betont die schleichende Angst, indem er seine Kamera die engen Korridore der Klinik entlangkriechen lässt. Die donnernde Musik, die Auszüge aus Kompositionen u.a. von Ligeti enthält, verstärkt die düstere, beklemmende Atmosphäre.

Steven hat sich zu einer schwerwiegenden Entscheidung durchgerungen

Der halbwüchsige Martin, brillant von Keoghan als eine Mischung aus jugendlicher Unbeholfenheit und Inkarnation furchterregender Macht gespielt, hat derweil alles eiskalt im Blick. Bisweilen erinnert er an einen jungen Norman Bates, naiv, höflich, charmant und ohne Wissen um die eigene Gefährlichkeit. Lanthimos und Efthymis Filippou, mit dem das gemeinsame Drehbuch entstand, lassen den Zuschauer lange in quälender Ungewissheit, ob dieser Halbwüchsige der Urheber oder Herold dunkler Kräfte ist, die jenseits unseres Horizontes liegen. Der Titel des Films paraphrasiert den Mythos von Agamemnon, des Anführers des griechischen Heeres im Trojanischen Krieg, der im heiligen Hain der Göttin Artemis eine Hirschkuh tötet und diesen Frevel nur tilgen kann, wenn er seine Lieblingstochter Iphigenie der Göttin opfert.

Als die schreckliche Wahrheit, die die Ereignisse in Gang bringt, schließlich ans Licht kommt, klingt sie wie ein unheilvoller Fluchspruch, der eine archaische Schicksalshaftigkeit beschwört, die mit unseren modernen Vorstellungen der Entscheidungsfreiheit unvereinbar ist.  Dieser  Widerspruch zwischen Mythos und  Moderne, zwischen Farce und Horror ist es, der dem Psychothriller THE KILLING OF AN ANCIENT DEER  eine besondere Note verleiht.

Alle Fotos: Alamode