Susanna – Triangle

Überragende Musiker machen es dem Rezensenten gelegentlich schwer, sich unvoreingenommen und ohne Erwartungen einem neuen Album des Künstlers zu nähern. Die norwegische Sängerin, Pianistin und Komponistin Susanna gehört glücklicherweise zu jenen Musikern, die dem Rezensenten seine Aufgabe erleichtern, weil sie solche Erwartungen mit schöner Regelmäßigkeit übertrifft und mit einzigartigen Konzepten und faszinierenden musikalischen Visionen stets aufs Neue beeindruckt.

TRIANGLE ist das 11. Studioalbum von Susanna, von dem es heißt, es sei „Soulmusik für verlorene Seelen“. Tatsächlich ist das gesamte Album von einem Gefühl tiefgreifender Einsamkeit durchdrungen, vielleicht eine Folge der Tatsache, dass Susanna das Album ganz allein produziert hat. Diese selbst gewählte Einsamkeit mag dann auch zum Flow und zur Thematik von TRIANGLE beigetragen haben: „Wo hört die Vernunft auf, wo fängt der Glaube an?“ fragt Susanna auf der Suche nach den letzten Gewissheiten, und man fühlt sich unweigerlich an einen Satz aus Voltaires „Philosophischen Schriften“ erinnert, wonach Glauben heißt, für wahr halten, was die Vernunft mit den ihr eigenen Mitteln nicht vermag. Das ist schwerer Stoff, philosophisch, aber auch was die musikalische Umsetzung dieser Perspektive anbetrifft, die TRIANGLE spannend entfaltet. Die 22 stilistisch kontrastreichen und vielschichtigen Songs changieren mühelos zwischen intensiven Balladen, kühler Elektronika, experimentellem Pop, Folk und sogar einem Hauch von Oper.

Das Album eröffnet mit dem Song „Holy/Sacred“, in dem sich die prophetische Zeile findet „…nothing is holy, nothing is sacred…“ – eine programmatische Ansage der Themen, die Susanna in den Songs des Albums exploriert:  Leben, Tod, Glaube und Aberglaube und vor allem das Verhältnis der Musikerin zu diesen Fragen. Susannas Gesang klingt dabei mal fest entschlossen, fast trotzig, dann wiederum sanft und beruhigend, ahmt an manchen Stellen gar die schlichte Melodik gregorianischer Gesänge nach. Besonders evident wird dies im Song „Before the Altar“, wo die Gesangslinie die Idee religiöser oder magischer Verehrung evoziert. Überhaupt diese Stimme, die von unvorhersehbaren, jähen melodischen Wechseln geprägt über düster blubbernden Elektronik- und Synthie-Klängen schwebt.  Selbst in einer an weiblichen Singer-Songwritern wahrlich nicht armen Zeit wie der unsrigen sticht Susannas einzigartige Stimme hervor. Auf TRIANGLE klingt ihr Gesangsstil noch vielfältiger und fließender, erinnert gewiss gelegentlich an Kate Bush und Joni Mitchell und bleibt doch stets erkennbar ihr eigener: ruhig, fest und entschieden trotzt sie den Stürmen und dunklen Mächten, die das Album reflektiert. In dem zu tiefst verstörenden Song „This / Phenomena“ wird ihre Stimme bis zur Unkenntlichkeit elektronisch verzerrt und zerstückelt, in „We don’t belong“ wird sie in mehrfachen Schichten gestapelt über drohende Synthie-Klängen gelegt. Das wunderschön arrangierte Stück „Hole“ erinnert mit seinen schimmernden Synthie-Flächen an die Musik von Björk. „In the Need of a Sheperd ist demgegenüber eher ein traditioneller unbeschwerter Popsong, bevor das Album mit dem Stück „Born Again“ zu seinen spirituellen Themen zurückkehrt.

TRIANGLE ist ein introspektives und zutiefst expressives Konzeptalbum, das den Trend einer außergewöhnlich talentierten Musikerin zu ungewöhnlichen Veröffentlichungen konsequent fortsetzt.

Susanna –  Triangle

VÖ: 22.04.2016 

Label: SusannaSonata

Vertrieb: Cargo

Foto: Anne Valuer

Standardbild
Hans Kaltwasser
Artikel: 372

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