Deutsch sein und schwarz dazu

So leben, wie man in Europa lebt, das wollten viele afrikanische Menschen, die schon zur Kaiserszeit und während der Weimarer Republik nach Deutschland gekommen waren. Sie wollten etwas lernen und wieder zurück in ihre Heimat. Doch sie blieben. Auch Theodor Michaels Vater, Sohn eines Stammesfürsten in Kamerun, kam deshalb nach Deutschland. Kamerun war deutsche Kolonie und stand unter deutschem Schutz. Deshalb wurden Kameruner auch zunächst freundlich aufgenommen.


Das änderte sich bald nach dem 1.Weltkrieg, denn die Kolonien waren verloren, Arbeitsplätze rar. Dies waren nur einige der schwierigen Bedingungen, unter denen Theodor Michael heranwuchs. Seine Kindheit war bald von Armut, Arbeit und Lieblosigkeit geprägt, denn sein Vater war nicht in der Lage, sich um seine vier Kinder zu kümmern, und seine Mutter war tot. Die Pflegefamilie wollte und konnte ihm keine Zuwendung geben, sondern beutete ihn regelrecht aus.

Körperlich seiner Entwicklung hinterher, war er aber neugierig und las alles, was ihm vor die Augen kam. Zunächst hatte er auch in der Schule keine Probleme und viele Freunde. Theodor Michaels Leistungen waren so gut, dass den Pflegeeltern vorgeschlagen wurde, den Jungen auf ein Gymnasium zu schicken. Doch die Verhältnisse, der aufkommende Nationalsozialismus und mit ihm die Rassendiskriminierungen, machten diesen Weg unzugänglich. Als Komparse in zahlreichen Filmen und zeitweise als Page in verschiedenen Hotels, verlief sein Leben unsicher weiter. Theodor Michael litt schon mit vierzehn Jahren an Magengeschwüren und war immer noch zu klein für sein Alter. Schließlich landete er wie viele andere als „fremdartig“ bezeichnete Menschen als Zwangsarbeiter in einem Zwangslager, um „kriegswichtige Arbeiten“ durchzuführen.

Und selbst hier sollte sich wieder zeigen, er gehörte nicht dazu – er war allein.

Glücklicherweise überstand Theodor Michael das Lager und war 1945 endlich frei. Sein Leben war auch weiterhin unstet, und oftmals wurde er ungerecht behandelt. Doch es gab auch glückliche Umstände. Er erhielt die Möglichkeit,  ohne Abitur über eine Sonderbegabtenprüfung die Zulassung zu einem volkswirtschaftlichen Studium zu bekommen, das er erfolgreich abschloss.

In seiner Heimat Deutschland wurde Theodor Michael immer als Afrikaner gesehen, doch er kannte Afrika nur aus Erzählungen seines Vaters. Als er dann selbst nach Afrika kam, musste er einiges an seinem Afrikabild zurechtrücken. Er wurde Redakteur beim Afrika-Rundbrief in der 60er-Jahren und ist bis heute Experte auf diesem Gebiet. Dass er als Regierungsdirektor beim BND in den Ruhestand gehen würde, gehört zu den Erstaunlichkeiten seines bewegten Lebens.

Theodor Michael muss ein sehr optimistischer Mensch sein, denn trotz der schweren und auch schrecklichen Erlebnisse, von denen er in seinem Buch erzählt, fehlt jegliche Larmoyanz. Eine bewegende und sehr interessante Lektüre, die sicher auch im Kopf des Lesers einiges zurechtrücken wird. Sehr empfehlenswert! I. Mosblech-Kaltwasser

 

Deutsch sein und schwarz dazu

Erinnerungen eines Afro-Deutschen
Autor: Theodor Michael
Mit Abbildungen
dtv premium
Originalausgabe
200 Seiten
ISBN 978-3-423-26005-3
1. Auflage, November 2013

Standardbild
Ingrid
Kunst und Kultur, Musik und Bücher, ohne sie ist ein Leben denkbar, aber für mich sinnlos. Darum habe ich diesen Blog ins Leben gerufen. Es macht viel Spaß, ihn zu gestalten - ich hoffe, den Usern, ihn zu lesen. Nicht alles, was gedruckt wird, muss gelesen, nicht jedes Album gehört werden. Was die User hier finden, gefällt mir und den Gastautoren, die ab und zu Lust haben, etwas zu schreiben.
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