Victoria

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VICTORIA ist eine atemlose Handlung, eine einzige filmlange Einstellung, 2 Stunden 20 Minuten. Kein Schnitt. Keine billigen Tricks. Authentisch, romantisch und er spielt in Berlin, wo die Nacht sich dem Ende zuneigt. Vor einem Club lernt Victoria (Laia Costa), eine junge Frau aus Madrid, vier Berliner Jungs kennen – Sonne (Frederick Lau), Boxer (Franz Rogowski), Blinker (Burak Yigit) und Fuß (Max Mauff). Der Funke zwischen ihr und Sonne springt sofort über, aber Zeit füreinander haben die beiden nicht. Sonne und seine Kumpels haben noch etwas vor. Um eine Schuld zu begleichen, haben sie sich auf eine krumme Sache eingelassen. Als einer von ihnen unerwartet ausfällt, soll Victoria als Fahrerin einspringen. Was für sie wie ein großes Abenteuer beginnt, entwickelt sich zunächst zu einem verrückten euphorischen Tanz – und dann schnell zum Albtraum. Während der Tag langsam anbricht, geht es für Victoria und Sonne auf einmal um Alles oder Nichts…

Kinostart: 11. Juni 2015

GESPRÄCH MIT SEBASTIAN SCHIPPER
Warum wollten Sie VICTORIA machen?
Es gab verschiedene Impulse. Ich habe mich bei dem Gedanken ertappt, dass ich absolut Lust hätte, einmal eine Bank zu überfallen. Das war zu einer Zeit, in der ich mit Tom Tykwer an einem Paranoiathriller gearbeitet habe. Wir kamen nicht richtig voran, und ich konnte den Stoff irgendwann einfach nicht mehr sehen. Da hatte ich die Fantasie, mit Tykwer eine Bank auszurauben, einfach um einmal etwas anderes zu erleben. Der Gedanke dahinter richtet sich nicht gegen andere Menschen, es geht auch nicht um Bereicherung, das ist klar, es geht darum, der inneren Angst zu begegnen. Mit der vorgehaltenen Waffe fordert man das Leben ein, das einem bislang vorenthalten geblieben ist.

Man erzählt uns ja immer, dass wir uns nur gut benehmen und an die Regeln halten und immer eine Eins bekommen müssen, dann wird alles gut. Ich glaube, dass das nicht stimmt. Aber mir war auch klar, dass ich kein Bankräuber bin, dass ich niemals eine Bank überfallen werde. Ich bin Filmemacher. Also warum nicht ein Film über einen Bankraub? Da habe ich mich aber sofort gefragt, warum es so viele Filme über Banküberfälle gibt, es aber nur so wenigen gelingt, einem zu vermitteln, was es bedeutet, wirklich bei einem Banküberfall dabei zu sein. Das war der Grundgedanke für VICTORIA: Ich stellte mir die Frage, was man anders machen müsste. Meine Antwort war, dass es nicht eigentlich um den Banküberfall gehen dürfte. Man müsste die filmischen Mittel voll und ganz einem Erlebnisbericht unterordnen, wie bei einer Kriegsberichterstattung, wenn man bei einer Gruppe von Soldaten embedded ist und in eine feindliche Auseinandersetzung gerät. Es sollte in meinem Film nicht um die Bilder gehen, sondern um das Erlebnis. Und aus dieser Haltung erwuchs die Idee, den Film in Realzeit, in einer Einstellung zu drehen.
War Ihnen immer bewusst, was Sie erzählen wollten?
Bei einem Filmdreh befindet man sich mehr im Blindflug, als man sich womöglich eingestehen will. Was die eigentlichen Themen sind, wird einem meist erst hinterher bewusst. Ich wusste allerdings immer, und das gilt auch schon für meine ursprüngliche Fantasie, dass mir der Banküberfall wichtig war, weil ich einem Wahnsinn in mir begegnen wollte, meiner totalen Angst. Als ich anfing, über den Film nachzudenken, war mir klar, dass es in irgendeiner Art um Verzweiflung gehen musste. Zu einem richtigen Genrefilm, wie ich ihn verstehe, gehört nicht nur ein Thema. Die Genrefilme, die mich umhauen, verhandeln sozialpolitische Punkte. Ich wollte über junge Leute in der Gegenwart erzählen, wie sie selbst im superreichen Europa zum Teil keine Chance haben. Ich habe mir die Frage gestellt: Wie sieht die Welt heute eigentlich gerade aus? Kann man sich auf morgen freuen, auf übermorgen? Wir sind alle noch in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass es der nächsten Generation besser gehen wird als der davor. Jetzt wird deutlich, dass das nicht mehr so ist.

Regisseur Sebastian Schipper (c) Annika Nagel

Regisseur Sebastian Schipper (c) Annika Nagel

Die jungen Leute leben in einer Welt von Unsicherheit und Stress und totaler Überflutung von Informationen und Wahnsinn und Orientierungslosigkeit. Das berührt mich sehr stark und wurde schnell die wichtigste Unterströmung des Films. Deshalb kommt Victoria aus Spanien – das passt unheimlich gut zu Berlin, das ein Refugium der Miserables aus aller Welt geworden ist. Es ist eine nahbare Stadt. Und man kann sie sich leisten. Diese junge Frau trifft also auf vier Jungs, die nicht zu den Besitzenden gehören – sie haben nicht einmal genug Kohle, um in den Club reinzukommen – und freundet sich mit ihnen an. Das war ein Szenario, bei dem ich mich schnell wohl gefühlt habe…

Weibliche Figuren haben immer schon eine wichtige Rolle in Ihren Filmen gespielt. Jetzt haben Sie aber zum ersten Mal eine eindeutige Heldin in den Mittelpunkt gerückt.
In MITTE ENDE AUGUST spielte Marie Bäumer auch schon die Figur, die mir selbst am nächsten stand. Aber stimmt schon, Victoria ist die direkte Identifikationsfigur, mit ihren Augen sehen wir die Ereignisse des Films. Es hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht, und ich bin irre stolz auf diese Figur. Es wäre mir nicht möglich gewesen, sie zu erschaffen, wenn ich nicht die tolle Laia Costa an meiner Seite gehabt hätte. Lob gebührt aber auch meiner Cutterin, die hier natürlich nicht als Cutterin in den Credits geführt wird, weil der Film nicht geschnitten wurde. Aber sie war als Dramaturgin und Beraterin von unschätzbarem Wert. Ihr ist es zu verdanken, dass Victoria als Figur so viel Gewicht hat. Nach der Lektüre des ursprünglichen Treatments zu dem Film, das nur zwölf Seiten umfasste – ein Drehbuch hatten wir ja nicht – sagte sie zu mir: „Wenn Du das alles so lässt, kannst Du das Mädchen auch raus schneiden, dann mach lieber einen Film nur mit den Jungs.“ Das hat mich aufgerüttelt. Während der gesamten Arbeit beschäftigte uns die Frage, wer diese Frau eigentlich ist. Und das hat viel Spaß gemacht.

Victoria (LAIA COSTA) im Club

Victoria (LAIA COSTA) im Club

Fiel es Ihnen schwer, eine so komplexe Frauenfigur zu schreiben?
Schreiben ist das falsche Wort, weil es kein Drehbuch gibt. Ich habe diese Figur entwickelt. Ja, es war ein schweres Stück Arbeit, auch wenn ich nicht recht weiß, ob das damit zusammenhängt, dass es eine Frau ist. Wichtig war die Beantwortung der Frage, warum ein Mädchen aus bürgerlichem Hause bei einem Banküberfall mitmacht. Das war die Herausforderung. Was könnte sie dazu treiben, dazu bringen? Darum ging es. Damit steht und fällt der Film. Das musste einfach funktionieren. Der Film soll das Trapez sein für den Trip jeden Zuschauers. Er muss so involviert sein, dass er jederzeit denkt: Ja, es gibt eine Möglichkeit, dass ich das vielleicht auch machen würde. Es ging für mich eher um eine überzeugende Situation, nicht so sehr darum, dass es sich um eine Frau handelt. Wobei ich einräumen muss, dass ich bei der Arbeit an VICTORIA erstmals richtig verstanden habe, warum so große Filmemacher wie Hitchcock, Godard oder Truffaut so oft mit denselben Schauspielerinnen gearbeitet haben, warum ihnen starke, unverkennbare weibliche Figuren so sehr Herz am lagen.
Laia Costa ist eine echte Entdeckung in der Rolle der Victoria – Ihre Entdeckung…

Victoria (LAIA COSTA)

Victoria (LAIA COSTA)

Naja, das hätte auch jeder andere gesehen, dass sie etwas kann. Ich hatte das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Sie war ein Vorschlag unserer spanischen Casterin, die wir beauftragt hatten, weil ich wusste, dass Victoria eine Spanierin sein sollte. Laia war einer ihrer ersten Vorschläge. Insofern war die Entdeckung von meiner Seite eher unkompliziert. Sie ist Victoria, das war sofort klar. Das hätte jeder gemerkt. Das Niveau, das sie mitbrachte und von dem der ganze Film profitierte, war unglaublich. Es war klar, dass sie die Rolle nicht einfach nur spielen musste. Weil wir den Film ohne Schnitt gedreht haben und Laia in jedem Moment zu sehen ist, musste sie auch über zwei Stunden und 20 Minuten präsent und konzentriert sein. Ihre Belastbarkeit ist sensationell. Sie musste in dieser Zeit zusätzlich zu ihrer eigentlichen Darstellung enorme dramaturgische Verantwortung übernehmen, weil sie es ist, die dem Film seinen Rhythmus gibt. Und sie musste ihre Entscheidungen immer spontan und eigenständig fällen, weil es mir als Regisseur aufgrund der Drehumstände nur punktuell möglich war, in ihre Darstellung einzugreifen. Meine Rolle beschränkte sich eher auf die eines Fußballtrainers, der die Mannschaft einstellt und dann darauf vertrauen muss, dass sie das Besprochene auf dem Spielfeld auch umsetzen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es viele Schauspielerinnen gibt, die das geschafft hätten, psychisch wie körperlich. Sie war eine ideale Partnerin. Sie hat sich nie hängen lassen, hat sich auch in der Vorbereitung und bei den Proben immer wieder auf neue Ideen eingelassen, hat volle Verantwortung übernommen. Das ist Talent: Arbeitswut, Begabung, Einstellung und frei von Attitüde sein.
Wie haben Sie die Jungs besetzt?
Freddie Lau war immer dabei, weil ich ihn für ein ganz großes Talent halte. Über Freddie kam Burak Yigit mit dazu, weil die beiden gut und eng miteinander befreundet sind. Ich habe lange gedacht, dass ich entweder Freddie oder Franz Rogowski besetzen könnte, stellte dann aber fest, dass es auch mit beiden genial ist. Und Max Mauff kam sehr spät dazu, passte aber sofort. Für mich ist das eine absolute Traumbesetzung. Jeder einzelne ist hervorragend, aber sie sind eben auch zu viert unschlagbar, als Truppe komplett. Besser hätte ich es mir nicht wünschen können.

Die Gruppe unterwegs in Berlin.

Die Gruppe unterwegs in Berlin. Im vordergrund Victoria (LAIA COSTA) und Sonne (FREDERICK LAU)

Wichtig sind in Ihren Filmen stets die Orte, an denen sie spielen. Wenn beispielsweise ABSOLUTE GIGANTEN ein Hamburg-Film war, so ist VICTORIA jetzt ein lupenreiner Berlin-Film geworden.
Ja. Ich lebe seit 15 Jahren in Berlin und bin ein großer Fan der Stadt. Mittlerweile kann ich sagen, dass ich diese Stadt liebe. Man muss sie erst einmal kennenlernen, man muss sich erst einmal auf sie einlassen und sie verstehen, bevor man es sich erlauben kann, das zu sagen. Aber den Wahnsinn, wie auch den Blödsinn und den Schwachsinn und das Doofe, mit dem ich hier täglich konfrontiert werde, finde ich absolut inspirierend. Dazu habe ich einen direkten Bezug. Die Jungs in VICTORIA sagen sehr früh einmal: „Das wahre Berlin findet auf der Straße statt.“ Ich unterstreiche das.
Aber es ist nicht das Postkarten-Berlin, das man mittlerweile sattsam aus deutschen und auch internationalen Filmen kennt.
Mein Berlin ist jung. Es gibt hier eine spannende Kultur der 18- bis 28-Jährigen, die sich den Freiraum nehmen, das Leben auszuprobieren. Es ist rau, manchmal nicht ungefährlich, prekär, mit einem Schuss Verzweiflung, verloren – lost. Berlin ist eben auch ein Moloch, das ist Teil seines Reizes. Aber ich verstehe mich nicht als Berlin-Philosoph. Da stecken weder Plan noch Absicht dahinter. Ich fand das gut und habe einfach nur Impulse aufgenommen. Starken Anteil an dem Porträt von Berlin haben hier die Schauspieler – und weniger mein Konzept. Freddie Lau, Franz Rogowski, Burak Yigit und Max Mauff wissen, wovon sie reden. Jeder hat seine Vorstellung von Berlin ganz unmittelbar eingebracht.

Viktoria und Sonne vor dem Bikinhaus Berlin

Viktoria und Sonne vor dem Bikinhaus Berlin

Ihr Film erzählt eine Reise ans Ende der Nacht. Die Nacht spielt in allen ihren Filmen eine Rolle.
Es ist ein Nachtfilm, wie ABSOLUTE GIGANTEN ebenfalls ein Nachtfilm war. Stimmt. Aber ich weiß nicht recht, was ich dazu sagen kann. Man muss ein bisschen vorsichtig sein bei der Analyse der eigenen Sachen. Das ist immer eine Verengung. Wenn man es ausspricht, fühlt man sich sofort unwohl. Ich mache Filme im Grunde ja deshalb, weil das, was im Film läuft, sich der direkten Sprache entzieht. Ein Film ist ein Film. Okay, zwei Sachen kann ich aber sagen: Eines der wichtigen Themen ist Solidarität, zusammen sein, zusammen halten, das Gemeinsame. Es gibt die angedeutete Liebesgeschichte zwischen Victoria und Sonne, es gibt die ausgeprägte Liebe, die die Jungs füreinander empfinden: Sie sind immer solidarisch miteinander. Auch wenn man nicht einer Meinung ist, lässt man den anderen nicht hängen. Und es gibt das ganz klare antisolidarische Statement von Andi, dem Kriminellen, der sie zum Banküberfall zwingt. Er sagt ganz klar: An meiner Solidarität hängt ein Preisschild. Das macht ihn für mich zum perfekten Gegenspieler. Der Bösewicht in einem Genrefilm muss nicht einfach böse sein. Das Böse muss sich auf den Inhalt des Films beziehen, ein Statement abgeben. Seine Unsolidarität drückt sich so aus: Ich habe dir geholfen, dafür bekomme ich jetzt 10.000 Euro von dir. Und was die Reise ans Ende der Nacht anbetrifft, kann ich sagen, dass ich eine große Affinität zu linear erzählten Geschichten habe. Ich mag es, wenn Geschichten nicht über endlos lange Zeiträume erzählt werden. VICTORIA ist das perfekte Beispiel: Die Laufzeit des Films ist deckungsgleich mit der Zeit, in der die Geschichte stattfindet. Der Film ist in Realzeit erzählt, bewegt sich von A nach B.

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