Filmkritik: Nur Gott kann mich richten

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Im Kinofilm „Nur Gott kann mich richten“ hat Ricky (Moritz Bleibtreu) die Schnauze voll. Fünf Jahre Knast liegen hinter ihm, die er verbüßen musste, weil er nach einem missglückten Raubüberfall den Kopf für seinen Kumpel Latif hingehalten hat. Ricky will seine kriminelle Vergangenheit jetzt hinter sich lassen, träumt von einer kleinen Bar, die er irgendwo im Süden aufmachen will. Doch dafür braucht er Geld. 10.000 Euro, die ihm Latif (Kida Ramadan) geben soll, der inzwischen eine kleine Shisha-Bar im Frankfurter Bahnhofsviertel besitzt.

Nur Gott kann mich richten

Latif hat ganz andere Pläne und will Ricky dafür gewinnen Foto: Constantin Film

Doch Latif winkt ab. Soviel Geld wirft sein Lokal nicht ab. Stattdessen will er Ricky an einem letzten großen Deal beteiligen, bei dem 50.000 Euro für beide herausspringen sollen. Ein todsicheres Geschäft ohne jegliches Risiko, wie Latif sagt, bei dem man im Auftrag eines albanischen Clans unbewaffneten Drogenkurieren eine Tasche mit Heroin abnimmt und diese dann dem Auftraggeber übergibt. Ricky willigt nach anfänglichen Bedenken ein.

Doch das Ding ist viel komplizierter als Latif glauben machen will, und man ahnt bereits hier, dass die Sache fürchterlich danebengehen wird. Denn Ricky muss gegen seinen Willen seinen kleinen Bruder Rafael (Edin Hasanović) in die Sache mit hineinziehen, da Latif ins Visier der Polizei geraten ist und sich nicht beteiligen kann. Und Rafael verliert in einem entscheidenden Moment die Nerven, so dass der Coup misslingt. Jetzt ist die Tasche mit dem Heroin weg und die Albaner drohen mit blutiger Rache, wenn die drei den Stoff nicht wiederbeschaffen oder ihnen eine Millionen Euro zahlen.

Ricky und sein Bruder Rafael Foto: Constantin Film

Ganz andere Sorgen hat derweil die Streifenpolizistin Diana Dunker (Birgit Minichmayr). Die alleinerziehende Mutter einer schwer herzkranken kleinen Tochter ist nach ihrer Scheidung hoch verschuldet. Für die dringend notwendige Operation steht ein Spenderherz erst in einem Jahr zur Verfügung. Auf illegalem Wege ließe sich jedoch, wie ihr die Ärztin eröffnet, ein Spenderherz aus Osteuropa beschaffen, wenn Diana die Bestechungsgelder in Höhe von 30.000 Euro aufbringen kann.

Doch Diana hat das Geld nicht und die Banken wollen ihr keinen Kredit einräumen. Da fällt der Polizistin nach einem Schusswechsel im Drogenmilieu eine Reisetasche mit Heroin in die Hände. Und Diana zögert nicht lange und beschließt, die Drogen im Milieu zu verticken. Als sie schließlich auf Umwegen Latif den Stoff anbietet, wittert der eine unverhoffte Chance, aus der Zwickmühle mit den Albanern herauszukommen und beschließt mit Ricky und Rafael, der Polizistin die Beute wieder abzunehmen. Doch mit der ist nicht zu spaßen.  Und so nimmt eine blutige Todesspirale mit der unerbittlichen Notwendigkeit einer griechischen Tragödie ihren Lauf.

Die Polizistin Diana Dunker (Birgit Minichmayr) Foto: Constantin Film

Dem Hamburger Regisseur Özgür Yildirim ist zu verdanken, mit der unsäglich langweiligen Konvention deutscher Kriminalfilme gebrochen und das US-Genre des Gangsterfilms auf unsere Leinwand geholt zu haben. Bereits sein von der Kritik hochgelobtes Debüt „Chiko“ aus dem Jahre 2008 adaptierte erfolgreich Thematik, Atmosphäre und Bildersprache der großen Filme seiner Vorbilder Martin Scorsese, Abel Ferrara und Michael Mann.

Auch NUR GOTT KANN MICH RICHTEN knüpft an diese Tradition erneut an. Der 38jährige Regisseur lässt seine düstere Geschichte in Frankfurt spielen. Nicht etwa im Frankfurt der stolz aufragenden Glas-und Stahltürme der Banken, die man als Insignien von grenzenlosem Reichtum nur aus der Ferne schimmern sieht, sondern in der zutiefst deprimierenden Gegenwelt der tristen Stripclubs, Abzocklokale, herunter gekommenen Sozialwohnungen und verwahrlosten Hinterhöfe der Stadt, der die Figuren des Films mit aller Macht zu entkommen versuchen. Alle träumen von einer ruhigen, beschaulichen bürgerlichen Existenz jenseits der von Gewalt, Hass und Kälte geprägten Straße, die ihre Welt bestimmt und wo der Mensch nur des Menschen Wolf ist. Keiner will eigentlich das, was er tut, und tut es dennoch. Nicht Ricky, der sich geschworen hat, nie wieder ein krummes Ding zu drehen. Und auch sein Bruder Rafael nicht, der eigentlich einen Job in einer Spielothek hat und obendrein eine hübsche Verlobte, Elena (Franziska Wulf), die mit dem Geld, das sie in einer Tabledance-Bar verdient, eines Tages eine Ballettschule aufmachen will. Und schon gar nicht die Polizistin Diana, die schließlich auf der Seite von Recht und Ordnung steht, und doch nicht zögert, das Gesetz zu brechen, um ihren Traum von einem normalen Leben ohne Sorgen zu verwirklichen. Scheinbar wirkt eine übermächtige Kraft hinter dem Rücken der Individuen, die dafür sorgt, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt.

Geschickt verknüpft Yildrim die Geschichten seiner Figuren miteinander in einem düsteren, hochdramatischen Gangsterfilm, der mit fein differenzierter Charakterzeichnung, präziser Milieubeschreibung und überraschenden Wendungen glänzt. Hervorragend besetzt sind die Hauptrollen, allen voran mit Birgit Minichmayr als mundfaule, permanent übellaunige Polizistin, die sich wohltuend von den vielen glatten, attraktiven Kommissarinnen mit tadelloser Fönfrisur abhebt, die die „Tatort“-Episoden und deren zahlreichen Verwandten bevölkern.

Ab heute im Kino

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