Esperanza Spalding Emily’s D + Evolution

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„Esperanza Who?“, fragten sich Millionen stinksaure Justin Bieber Fans 2011, als Esperanza Spalding dem kanadischen Pop- und Contemporary-R&B-Sänger den Grammy Award in der Kategorie „Best New Artist“ wegschnappte, wo doch der begehrte Musikpreis nach Meinung der weltweiten Bieber-Fangemeinde das angestammte Geburtsrecht des Kanadiers darstellt.

Die Frage, wer Esperanza Spalding ist, hat sich wohl mittlerweile erübrigt. Gehört die 31jährige Bassistin, Vokalistin und Songwriter aus dem US-Bundesstaat Oregon mittlerweile doch zu den bekanntesten Vertreterinnen einer Gruppe junger ambitionierter Musiker, die kompromisslos ihrer Muse folgen, egal wohin diese sie auch führen mag. Bei manchen mündet dies bisweilen in Preziosität und Anmaßung. Derlei Anwandlungen sind freilich auf „Emily’s D+Evolution“ von Esperanza Spalding nicht zu spüren. Das neue Projekt der zweimaligen Grammy-Preisträgerin ist dabei mehr als nur ein Album. „Emily’s D+Evolution“ sei eine multidimensionale Musiktheatershow, kündigte Spaldings Label an, für die sich die Musikerin eigens mit dem Regisseur und Dramatiker Will Wiegler zusammengetan hat, um die Songs musiktheatralisch für die Bühne zu inszenieren.

Doch schon als Album für sich genommen funktioniert „Emily’s D+Evolution“ wunderbar und ist eine wahre musikalische Wucht. Denn Spalding verbindet hier Elemente aus Jazz, R&B, Rock und Funk mit komplizierten Harmonien und Melodielinien, die in Songs wie „Earth to Heaven“ und „I Want it Now“ an die komplexen musikalischen Strukturen der Arbeiten von Stephen Sondheim erinnern.

Sechs der insgesamt zwölf Titel des Albums hat Spalding gemeinsam mit Tony Visconti (David Bowie, Morrissey) produziert. Andere wurden live aufgenommen. Die Instrumentierung mit Bass, Drums, E-Gitarre und Gesang ist dabei eher sparsam, wird jedoch phantasievoll und virtuos in Szene gesetzt. Synkopische Rhythmen und überraschende Melodielinien fließen so natürlich wie der Blues. Manche Songs haben ihre Wurzeln im Soul und R&B, andere im Musiktheater oder sind pure Spoken Word Poesie. Sprühende Phantasie und musikalische Virtuosität statt kühler Technik und Kalkül.

Jeder Titel auf diesem rundum überzeugenden Album klingt anders. Der Song „Good Lava“, der den dissonanten Rock aus Nirvanas „In Utero“-Periode mit schroffen Monsterriffs kombiniert, auf die selbst Jimmy Page stolz wäre, gefällt mit seinen verzerrten, von einer stampfenden Bassdrum unterlegten Gitarrensounds und schroffen Riffs, über die Spalding ihre freien Vokalphrasen und kristallklaren Gegenstimmen spannt.

Esperanza Spalding: „Good Lava“

Der Song „Unconditional Love“, der von zwei Menschen handelt, die eine starke, ewig währende Liebe verbindet, überrascht mit einer gespenstigen Pop-Melodie, die von Spaldings funkigen Bass und energetischer Perkussion angetrieben wird.

Bei dem mit flinker Zunge gesungenem Jazz-Fusion-Song „Judas“ brilliert Spalding demgegenüber mit wunderschönen Bassrhythmen.

Auf „Ebony and Ive“, überzeugt Spalding vor allem als virtuose und ausdrucksstarke Rocksängerin, deren Stimme mühelos von monotonen und roboterhaften Klängen im Refrain zu jungmädchenhafter Unschuld in den Strophen wechselt.

Einen nicht unerheblichen Anteil an diesem Album haben ganz sicher die exzellenten musikalischen Mitstreiter von Spalding: Justin Tyson und Karriem Riggins teilen sich die Arbeit an den Drums, während Matthew Stevens furiose und explosive E-Gitarre die Schärfe Jimi Hendrix‘ übernimmt. Und ganz ähnlich wie Hendrix locken Spalding und ihre Band den Zuhörer mit ihrer kraftvollen Musik in unerforschte musikalische Regionen. Klar, diese anspruchsvollen Songs mit Texten, die Feminismus und Rassendiskriminierung reflektieren, werden Beyoncé und Alicia Keys wohl nicht aus den Charts katapultieren. Den Liebhaber kraftvoller Jazz-Rock-Fusion wird es indessen nicht stören, weil er Emily’s D + Evolution eh dem Mainstream vorzieht.

Fazit: Klare Empfehlung

VÖ 04.03.16

Label: Concord

 

Foto: Holly Andres

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