Udo Lindenberg: Stärker als die Zeit

In den 90er Jahren, als Udo Lindenberg von nicht enden wollenden Alkoholexzessen gebeutelt in einer tiefen menschlichen und künstlerischen Krise steckte, mochte sich niemand mehr so recht ein Comeback des nuschelnden Deutschrockers vorstellen. Ohne Plattenvertrag, leere Konzertsäle, peinliche Songs, die Lindenberg über seine Webseite wie Sauerbier anbot, der Mann war am Ende. Der fröhliche Optimismus, den er in seinen Songs zelebriert hatte, dass es hinter dem Horizont immer weitergeht und man niemals klein beigeben und resignieren darf, schien nicht mehr aufzugehen: Udo Lindenberg, statt Daumen im Wind und Aufbruch zu neuen Abenteuern, Daumen runter und aus.

Doch Lindenberg rappelt sich wieder auf, legt 2008 mit dem Album „Stark wie Zwei“ ein phänomenales Comeback hin, das sich ebenso wie die 2011 Unplugged-Kompilation alter Hits „Live aus dem Hotel Atlantic“ besser verkaufte als alle anderen Lindenberg-Alben davor, spielte in Riesenarenen vor zigtausend Zuschauern.

Acht Jahre nach „Stark wie Zwei“ legt Lindenberg jetzt mit „Stärker als die Zeit“ sein 36. Studioalbum vor, das mühelos an die Qualität seiner besten Vorgänger anknüpft. Gewiss, die schrulligen und komischen Kunstfiguren wie Rudi Ratlos, Elli Pyrelli und Bodo Ballermann, die seine früheren Werke bevölkerten, fehlen. Auch politische Äußerungen oder kritische Positionierungen zu gesellschaftlichen Problemen, die seine Songs mitunter charakterisierten, sucht man vergeblich. Stattdessen ist „Stärker als das Leben“ das sehr persönliche und intensive Album eines gefeierten Rockmusikers und Menschen geworden, der in sich geht, melancholisch Rückschau auf sein Leben hält, Bilanz zieht und fragt, was nach einer 50-jährigen Karriere als Rockmusiker bleibt.

Bei der Produktion des sehr analog und exzellent klingenden Albums hat Lindenberg erneut dem Team vertraut, das schon „Stark wie Zwei“ zum Erfolg verhalf:  Andreas Herbig, Henrik Menzel und Peter Seifert, die ihn auch als musikalische Mitstreiter unterstützten. Aufgenommen wurde „Stärker als das Leben“ in renommierten Studios in London, New York, Los Angeles und Berlin.

Und das Ergebnis? Die lange, sorgfältige Arbeit Lindenbergs an seinem 36. Studioalbum hat sich gelohnt. Herausgekommen sind 15 wunderbare, mal schnodderig-lässige, mal rockige und dann wiederum schöne balladesk-kontemplative Songs, die es dem Hörer ausgesprochen schwermachen, sich für einen oder mehrere Lieblingstitel zu entscheiden. Die leise Ballade „Durch schwere Zeiten“ singt vom Wert wahrer Freundschaft und macht Mut zum Neuanfang nach Not und Krisen. Das Stück „Plan B“ setzt ein trotziges Fanal gegen jedwede Fremdbestimmung durch andere. Im rockigen „Einer muss den Job ja machen“ zelebriert Lindenberg seine Wiedergeburt als „Phönix aus der Flasche“ nach jahrzehntelangen Alkoholexzessen. Der Song „Göttin sei Dank“, der musikalisch Erinnerungen an Tom Pettys wunderbaren Ohrwurm „Into the Great Wide Open“ weckt, ist demgegenüber eine Liebeserklärung an seine „Lebenskomplizin“. Die schlichte melancholische Klavierballade „Der einsamste Moment“ gewährt einen nachdenklichen Einblick in die ambivalente Gefühlswelt des Rockmusikers nach und vor seinem Auftritt. Mit dem Song „Stärker als die Zeit“ nutzt Lindenberg zu guter Letzt die Titelmelodie seines erklärten Lieblingsfilms „Der Pate“ von Francis Ford Coppola und macht einen Text darüber, mit dem er sich zu seinen Fans und Freunden in unverbrüchlicher Treue bekennt. Aufgenommen wurde der Song mit einem 60köpfigen Orchester im legendären Londoner Abbey Road Studio, in denen in den 60ziger Jahre die Alben der Beatles entstanden.

Fazit: Udo Lindenberg vollendet in Kürze sein 70. Lebensjahr. Kaum zu glauben. Mit „Stärker als das Leben“ legt er ein beachtliches Alterswerk vor, dem zuzuhören sich lohnt und dessen Songs man sich nur schwer entziehen kann. Und die einen hoffen lassen, dass Udo Lindenberg dem Sensemann aus seinem selbstironischen Song „Wenn die Nachtigall verstummt“ auch weiterhin noch möglichst lange den Stinkefinger zeigen möge.

Ab Ende Mai ist Udo LIndenberg auf Stadion- und Megahallen-Tour durch Deutschland:

20.05.16, Gelsenkirchen – Veltins Arena
24.05.16, München – Olympiahalle
25.05.16, München – Olympiahalle
28.05.16, Stuttgart – Mercedes Benz Arena
03.06.16, Köln – Lanxess Arena
04.06.16, Köln – Lanxess Arena
11.06.16, Hamburg – Volksparkstadion
14.06.16, Hannover – TUI Arena
15.06.16, Hannover – TUI Arena
18.06.16, Nürnberg – Grundig Stadion
21.06.16, Frankfurt – Festhalle
22.06.16, Frankfurt – Festhalle
25.06.16, Leipzig – Red Bull Arena
26.06.16, Leipzig – Red Bull Arena

Foto: Tine Acke

Standardbild
Hans Kaltwasser
Artikel: 375

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.