Interview mit JULI

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JULI muss man niemandem mehr vorstellen. Die Band um Eva Briegel hat mit Hits wie u.a. »Perfekte Welle«, »Geile Zeit«, »Dieses Leben« und »Elektrisches Gefühl« vielfach bewiesen, dass sie in kommerzieller wie kreativer Hinsicht gleichermaßen zur absoluten Crème de la Crème der deutschen Popmusik zählt.
Seit der Veröffentlichung von In Love sind vier Jahre vergangen. Und zum zehnjährigen Jubiläum von „Perfekte Welle“ melden sich Juli zurück: Die Single „Insel“ kam am 12. September, das gleichnamige Album wird am 3. Oktober veröffentlicht und jetzt gibt es bei uns ein Interview mit der Sängerin Eva Briegel von der Band Juli.

 

DKB: Wenn man nach so einer relativ langen Zeit wieder zusammenkommt, um Musik zu machen, ist das am Anfang schwierig oder hattet ihr immer zwischendurch Kontakt?

Eva Briegel: Ja, wir hatten sehr viel Kontakt zwischendurch. Wir haben nach der letzten Platte noch mal eine lange Phase gehabt, in der wir Konzerte gespielt haben. Zugegebenermaßen haben wir uns dann ein bisschen ausgeruht – vielleicht acht oder zehn Wochen. Aber danach haben wir uns relativ zeitig wieder getroffen und erst mal lange über die neuen Platte gesprochen, nach ungefähr drei Monaten erste Entwürfe gezeigt. Wir merkten dann auch relativ schnell, dass es geschmacklich eine Ebene gibt, auf der wir uns begegnen. Das ist ja immer so eine Sache nach der letzten Platte, weil wir eben wach bleiben wollen, und uns geschmacklich natürlich auch durch andere Projekte verändern. Ob wir überhaupt noch am gleichen Punkt sind und uns noch für dieselben Sachen begeistern können. Das ist dann relativ schnell klar geworden und wir haben angefangen zu arbeiten. Leider sind dann doch drei Jahre geworden. Wir wären gerne schneller gewesen, aber das scheint unser Tempo zu sein, so richtig liegt das wohl nicht in unserer Hand.

DKB: Also, es ist nicht so gewesen, dass es da eine längere Pause gegeben hat und dann gab es einen Anstoß für dieses Album?

Eva Briegel: Nein, das war eigentlich anders als bei den letzten Alben. Mittlerweile haben wir alle Studioräume in denen man gut arbeiten und aufnehmen kann. Also haben wir die Instrumente, die einen guten Raumklang brauchen, bei unserem Produzenten in Bochum aufgenommen, den Rest mit ihm in unseren Räumen und Gesang bei mir zu Hause. Das hat dann die Arbeitsweise vorgegeben. Dass wir nicht innerhalb von 30 Tagen in einem teuren Studio ein ganzes Album aufnehmen müssen, ist sehr schön und schafft neue Möglichkeiten. Vorher und zwischendurch haben wir uns immer wieder im Proberaum getroffen und die Stücke gespielt, weil wir gerne wollten, dass sie auch live und ih Bandbesetzung „funktionieren“. Danach haben wir quasi in Kleingruppen gearbeitet. Dadurch haben wir mal zwei drei Tage am Stück zusammen gearbeitet, mal zu zweit oder zu dritt, oder hatten eine Woche am Stück frei. Das war toll, aber zieht sich eben länger hin.

DKB: Also, da gibt es nicht am Anfang so ein Konzept, sondern das entwickelt sich dann auch während der Produktion?

Eva Briegel: Wir hatten schon eine soundliche Vorstellung. Die Idee war, dass wir uns auf bestimmte Instrumente und Sounds beschränken, so dass das Album am Ende homogener klingt als das letzte. Bei „In Love“ hatte jeder am Computer seine Entwürfe relativ weit vorproduziert, und seine Vorstellungen umgesetzt. Das war dann eben zum Schluss manchmal doch sehr unterschiedlich und die einzelnen Lieder hatten nicht viel miteinander zu tun. Den grossen Bogen schlägt zwar die Stimme, aber das war uns bei diesem Album dann doch zu wenig.

DKB: Diesmal ist es auch weniger Elektropop. Der steht nicht so im Vordergrund, habe ich den Eindruck. Sondern das Ganze bewegt sich wirklich homogener. Es ist vielleicht keine andere Produktion, aber eben schon ein anderes Konzept als beim letzten Album.

Eva Briegel: Ja, der Schwerpunkt liegt auf jeden Fall auf analogen Signalen und weniger auf dem Computer. Einmal, weil Teilen von uns das Arbeiten am Computer nicht so entspricht. Wenn man da so gebückt sitzt und alles was sich bewegt ist die Maus und dein rechter Zeigefinger. Das ist schon sehr unkörperlich.

DGB: Das wäre ja auch merkwürdig. Ihr habt doch Instrumente, Bass, Gitarre und Schlagzeug. Wozu der Computer?

Eva Briegel: Das Arbeiten am Computer bietet wahnsinnig viele Möglichkeiten und auch andere kreative Ausdrucksformen. Dagegen sind die Sounds, die man mit einer Gitarre machen kann, weitgehend ausgereizt und machen immer gleich eine ganze Welt auf: es klingt nach Metal, nach Rock, nach Folk, da gibt es ganz spezifische Sounds die man mit Stilen verknüpft. Da kommt man sich schnell als Nachmacher vor, der bestehende Stile kopiert und bedient. Und am Computer kann man ganz neue Sounds erzeugen. Das heißt, man kann sich in klangliche Gefilde begeben, wo man noch nie war, was sehr spannend ist. Aber dann bekommt der Sound sehr viel Bedeutung und wir als Band sind schon sehr Lied-orientiert und sind deshalb auch darauf zurückgekommen.

DKB: Sie schreiben doch noch zum größten Teil die Texte oder wie sind die Rollen verteilt?

Eva Briegel: Also das ist relativ gleichmäßig verteilt. Simon, Jonas und ich schreiben die Texte zusammen oder zumindest zu gleichen Teilen. Es gibt Lieder, die sind ausschließlich von mir oder ausschließlich von Simon. Es gibt es auch Texte von mir, die die Jungs vertonen, oder jemand steuert eine zweite Strophe zu einem unfertigen Lied bei. Bei dieser Platte konnten wir unseren Schlagzeuger Marcel mit im Songschreiber-Team begrüssen, er hat einen Track gemacht, auf den ich dann was gesungen habe.

DKB: Welcher ist das denn?

Eva Briegel: „Hallo, hallo“.

DKB: Schön, das sich das so verteilt. Bringt das noch mal so ein anderes Bandgefühl mit sich? Oder hat das keine großen Auswirkungen für die Kommunikation untereinander oder was den Zusammenhalt der Gruppe angeht?

Eva Briegel: Ja, das tut uns also eigentlich immer nur gut. Wenn Marcel jetzt schreibt, dann merkt er auf einmal, wie schwer das ist, ein Lied zu schreiben und es herzugeben. Oder wie sich das anfühlt, wenn andere das kritisieren, was man geschrieben hat. Wie schwer das eigentlich ist, ein Thema zu finden. Oder einen Text zu schreiben, der eine Aussage hat, die einem auch wirklich am Herzen liegt und man nicht mittendrin denkt: „Was schreibe ich hier eigentlich? Das ist mir doch wurstegal.“ Und natürlich hält es uns geistig wach, wenn wir uns immer wieder mit anderen Bereichen beschäftigen. Es gibt für jeden von uns immer wieder die Chance, ganz neue Sachen zu entdecken, ein neues Instrument zu spielen oder die Technik ein wenig mehr zu verstehen.

DKB: Wenn man 1,5 Millionen verkaufte Tonträger hat, ist man, wenn man ein neues Album herausbringt, immer noch nervös ist oder wird man da gelassener?

Eva Briegel: Nein, wir sind immer noch sehr nervös. Es kann tatsächlich jedem passieren, dass sich von einem auf das andere Album niemand mehr für dich interessiert. Von daher ist es bei jedem neuen Album immer wieder spannend, ob wir noch jemanden erreichen und wie die Leute uns aufnehmen.

DKB: Eure Konzerte sind ja auch legendär. Wenn man dann im Studio war, gibt es da eine Vorliebe, dass man sagt, das Studio, das ist eine Arbeit, die finde ich noch toller als auf der Bühne zu stehen. Gibt es da Vorlieben?

Eva Briegel: Also ich spiele lieber Konzerte. Ich mag die Studioarbeit zwar auch, aber ich spiele am liebsten live. Ich mache auch gerne Sachen, die wir so noch nicht gemacht haben, Lieder anders instrumentieren oder im Ausland spielen, wo uns keiner kennt und nicht mal unsere Texte versteht und wir auf die Musik zurück geworfen sind.

DKB: Legen Sie viel Wert auf Ihr Outfit, so wie Sie rüber kommen wollen? Machen Sie sich da Gedanken?

Eva Briegel: Also ich mache mir ein bisschen Gedanken, einfach weil ich mir schon zu oft keine gemacht habe und ich nachher gedacht habe: „Oh, nein. Warum habe ich mir da keine Gedanken gemacht?“ Gerade früher, als wir oft unterwegs waren und wir vom Tourbus auf die Bühne gestolpert sind und ich mir gesagt habe: „Das musste jetzt eigentlich wirklich nicht sein.“ Aber ich will keine Stilikone werden.

DKB: Ja, das ist schon so, dass man eine gewisse Verantwortung hat. Sie haben viele weibliche Fans, und die finden das dann toll, was Sie anhaben und kopieren Sie. Wie gehen Sie damit um?

Eva Briegel: Das bezweifle ich! Ich versuche, möglichst locker zu bleiben und mich auch nicht unter Druck zu setzen. Musiker taugen generell nicht als Vorbilder, die Leute suchen sich doch gerade die aus, die eben nicht sauber und politisch korrekt sind, sonder die, die sie am meisten mögen und die nachvollziehbar sind. Und ich bin auch keine, die sich in einen knappen Fummel schmeißt, um irgendwie ein paar Platten mehr zu verkaufen. Und dann denke ich, dass man vielleicht auch ein besseres Vorbild ist, als wenn man den Leuten mit dem Zeigefinger sagt: „Ihr müsst das jetzt so und so machen“. Wer bin ich denn.

DKB: Wenn man so lange mit Männern zusammen Musik macht, haben Sie sich auch schon einmal vorgestellt, nur mit Frauen zusammen zu spielen? Und was wäre dann wohl anders?

Eva Briegel: Das ist ein Experiment, das ich tatsächlich schon länger im Hinterkopf spazieren trage. Ich würde gerne mal eine Platte aufnehmen, bei der alle Beteiligten, vom Schlagzeuger bis zum Engeneer, weiblich sind. Nicht, um Männer auszugrenzen, sondern weil es so wenige Frauen im Business gibt. Ich habe leider einige Male Sätze wie „Das steht dir jetzt aber nicht“ oder „das macht dich so hässlich“ gehört, wenn es daran ging, Wut oder Zorn oder Verbitterung auszudrücken. Vielleicht käme ja was heraus, was sehr unsexy ist oder total irrelevant, aber interessant wäre es trotzdem.

DKB: Ihre Musik wird ja auch als Deutschland-Pop bezeichnet, könnten Sie sich vorstellen, je wieder englische Songs zu schreiben sowie es bei Sunnyglade der Fall war, da gab es ja auch englische Texte

Eva Briegel: Also in letzter Zeit habe ich immer größere Lust, mal wieder auf Englisch zu schreiben, einfach weil Englisch einen anderen Wortfluss hat, und der Fokus liegt nicht so sehr auf der Bedeutung der Texte. In Deutschland ist man mit deutschen Texten sehr streng. Da ist auch schon immer der Anspruch der Dichter und Denker. Das muss jetzt immer ganz viel bedeuten und eine neue Weltsicht soll gleich mitgeliefert werden. Aber wenn das Metrum stimmt, die Vokale gut gesetzt sind und es flowt, ist das an sich schon toll. Aber im Moment ist nichts auf englisch geplant.

DKB: Ist es denn eigentlich so, dass man zuerst den Text oder eine Idee im Kopf hat, wenn man komponiert. Was kommt denn zuerst, der Text oder die Musik?

Eva Briegel: Also bei mir ist es so, dass das Thema zuerst da ist, und ich dann versuche, den Text dazu zu schreiben. Und dann kommt meistens nichts so richtig Gutes dabei heraus. Aber das Thema ist dann in meinem Kopf verankert. Wenn ich es dann schaffe, das loszulassen, fallen mir manchmal Text und Melodie gleichzeitig ein, während ich an einem Instrument sitze, dann kommt das, was sowieso irgendwo herumschwirrt, und ich kann es greifen. Es ist viel einfacher, wenn beides gleichzeitig entsteht als wenn erst die Melodie da ist und man muss dann einen Text passend machen. Anders herum geht ein wenig besser, aber auch die Sprachmelodie ist ja eine ganz eigene. Und wenn die nicht zu der musikalischen Melodie passt, dann wird es wirklich sehr hölzern.

DKB: Was hören Sie denn gerne, wenn Sie selbst keine Musik machen?

Eva Briegel: Ich höre schon viel Musik, auch ziemlich querbeet. Ich liebe Musik zum Tanzen, US-amerikanische Mainstream-Produktionen wie Pharell Williams finde ich toll. Ich höre gerade mit meiner Tochter sehr viel Klassik, weil sie sehr interessiert ist an Ballett, und Kinderlieder muss ich gerade natürlich ziemlich oft hören. Aber richtig kriegen können mich zur Zeit Jack White oder Warpaint, die frühen Coldplay, Jeff Buckley, Broken Social Scene, Depeche Mode, TV on the Radio, und natürlich tolle Sängerinnen, Eryka Badu, Etta James, Adele, Feist, Nina Simone.

DKB: Und werden Sie dann auch davon inspiriert, von dem, was Sie so hören?

Eva Briegel: Das ist schwer zu sagen. Meistens hören die anderen in der Band genau, welche Bands man gerade hört. Das wirkt sich unwillkürlich auf das aus, was man tut, auch wenn man denkt, das kommt jetzt ganz originär nur aus mir. Und dann sagt einer Jungs: „ du hörst viel … gerade, oder?“ Etwas peinlich, aber irgendwie auch gut, dass wir Durchgangsstationen und Aufbereitungsanlagen sind, es nimmt etwas von der Verantwortung und das Ego kann sich nicht so aufblähen. Es rückt einen an den rechten Platz.

DKB: Und lesen Sie auch gerne. Gibt es da Autoren, die Sie bevorzugen?

Eva Briegel: Also gerade lese ich von John Updike einen Kurzgeschichtenband. John Updike mag ich gerne, überhaupt amerikanische Autoren, Kurt Vonnegut, Jonathan Franzen. Ich bin auch John-Irving-Fan, den mag ja auch nicht jeder. Ich lese am liebsten richtig dicke Bücher. Das ist jetzt eine ganz große Ausnahme, dass ich mal Kurzgeschichten lese. Lieber mag ich dicke Schwarten die sich ewig Zeit lassen und jeden Detail auswalzen. Deshalb mag ich auch Thomas Mann und seine seitenlangen Betrachtungen, so eine Präzision ist sehr befriedigend für mich. Ich mag, wenn der Autor in irgendeiner Form einen liebevollen Blick auf Menschen hat, und ich mag Handlung, Autoren die nur beschreiben, wie der Protagonist so drauf ist und was er denkt, finde ich eher anstrengend.

DKB: Wer einen kreativen Beruf ausübt, entwickelt sich ja ständig weiter, bleibt nie stehen. Was glauben Sie, wo Sie als Sängerin/ Songwriter in zehn Jahren stehen werden? Glauben Sie, dass Sie sich verändert haben? Machen Sie dann noch Musik oder vielleicht etwas völlig anderes?

Eva Briegel: Ich hoffe, dass ich mich verändere. Und vielleicht bin ich auch gar nicht mehr musikalisch unterwegs. Also, Ich kann mir das gut vorstellen, denn Singen ist zwar das, was ich kann und liebe. Malen ist nicht so meins, aber Sachen bauen, basteln, werkeln. Oder auch schreiben, keine Songtexte sondern Prosa, Essays und kurze Geschichten. Ich bin froh, wenn ich Zeit hab, was Nicht-Nützliches zu machen, das keine Musik ist.

DKB: Und die letzte Frage. Haben Sie denn immer den Wunsch gehabt, Sängerin zu werden oder gab es da auch einen Plan B?

Eva Briegel: Ich habe immer sehr vielfältige Interessen gehabt, auch als Kind. Und ich hatte glücklicherweise richtig viel Zeit, die aus zu leben. Ich war nicht so eingespannt wie die Kinder heute. Ich hatte richtig viel Zeit nach der Schule und habe alles Mögliche gemacht, Buden gebaut, mit meinem Bruder und seinen Freunden Elfmeter aufs Gagagentor gezimmert. Ich habe allen möglichen Quatsch ausprobiert, Heilkräuter gesammelt, Aquarell zeichnen geübt, und ich habe versucht, mir Judo aus einem Buch bei zu bringen. Eine Freundin aus der Schule hat mit mir Aramäisch gelernt, solche Sachen eben. Und ich habe mir immer vorstellen können, dass, wo immer es mich hin verschlägt, ich mich für etwas begeistern kann. Aber ich habe auch immer gemerkt, dass das, worüber ich mich definiert habe, die Musik ist. Ich bin eben Musiker und kein Unterhaltungskünstler, auch nicht in erster Linie Mutter oder Freundin. Und das ist eben etwas, das wird man auch nicht los, wenn man mal seine Ausdrucksform gefunden hat und damit sogar Freude bereiten kann. Ich bin mir aber auch selbst genug, wenn ich singe. Das ist auch ein großes Geschenk.

DKB: Vielen Dank für das Interview. Ihnen alles Gute und viel Erfolg für das neue Album.

Hier gibt es ein schönes Video zu sehen, eine Akustikversion des Titels „Jetzt“ aus dem neuen Album Insel.

http://www.universal-music.de/juli/videos/detail/video:346695/insel-lyric-video