Die Filmkritik: Hell or High Water

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David Mackenzies Neowestern „Hell or High Water“ ist zunächst ein Film über Banküberfälle mit feinen ironischen Untertönen, der an ein Diktum von Brecht erinnert, wonach das Ausrauben einer Bank nichts ist im Vergleich zur Gründung einer solchen. Gleichzeitig ist er ein düsterer Traum über die feindselige, endlose texanische Ebene, vergleichbar etwa mit „No Country for Old Men“ der Coen-Brüder aus dem Jahr 2007.

Chris Pine und Ben Foster spielen die Brüder Toby und Tanner:  introvertiert und klug der eine, dumm und hitzköpfig der andere.  Gemeinsam überfallen sie Banken, wobei sie nur kleine, nicht gebündelte Banknoten rauben, deren Rückverfolgung nicht möglich ist oder bei denen es sich für die Bank nicht lohnt, Anzeige zu erstatten. Stets sind es die lokalen Zweigstellen einer großen texanischen Bank, die ausgeraubt werden, weil diese die Zwangsversteigerung der Farm der Familie angedroht hat. Mit dem geraubten Geld wollen sie die Hypotheken zahlen, um die Enteignung abzuwenden. Eigentlich könnte Toby, der Jüngere, der den Plan ausgeheckt hat, längst ein gemachter Mann sein. Als alleiniger Erbe hat ihm die verstorbene Mutter ihre Ranch und das Land vermacht, auf dem Öl gefunden wurde. Doch Toby hat das Land nach seiner Scheidung auf seine Kinder übertragen, unter finanziellen Umständen, die seinen Einstieg in eine kriminelle Karriere noch rätselhafter erscheinen lassen. Dem gegenüber ist Tanner, sein älterer Bruder, ein hartgesottener Berufsverbrecher, den die Mutter wegen seines Lebenswandels hasste und enterbte.

Mittlerweile sind der Texas Ranger Marcus (Jeff Bridges) und sein Kollege Alberto (Gil Birmingham) auf die Überfallserie des  Howard-Duos aufmerksam geworden. Eigentlich gehören lokale Banküberfälle nicht zum Kerngeschäft des FBI. Doch Marcus steht kurz vor seiner Pensionierung, die er im Grunde gar nicht will. Deshalb möchte er das Ende seiner beruflichen Laufbahn noch mit der erfolgreichen Lösung des Falls krönen.

Und so brechen Marcus, der sich nicht scheut, hin und wieder geschmacklose Witze über die indianischen Wurzeln seines Kollegen zu machen, und Alberto zu einer eher gemächlichen Verfolgungsjagd auf, die sie durch die struppigen texanischen Weiten und ihre staubigen Kleinstädte führt. Hin und wieder machen sie in schlichten Diners Halt, wo sie ganz in der Manier von Kavalieren der alten Schule Kaffee bei Kellerinnen bestellen, die von den beiden in der Regel sichtlich entzückt sind, mit Ausnahme einer alten, mürrischen Cafe-Besitzerin, die hartnäckig darauf besteht, dass die beiden Texas Rangers Steaks ordern, weil alle das tun, wobei sie sich grollend an einen Fremden erinnert, der es 1987 wagte, „Forelle“ zu bestellen.

Als die Howard-Brüder einen letzten großen Bankraub verüben und Marcus und Alberto ihnen dicht auf den Fersen sind, kommt es an einer Straßenkreuzung zu einem verzweifelten, blutigen Showdown, bei dem Tanner, sein Ende schweigend akzeptiert. Und zu einer letzten Konfrontation zwischen Toby und dem Texas Ranger Marcus mit überraschendem Ausgang.

Es gibt Recht und Gerechtigkeit. Beide sind in den endlosen Weiten der westtexanischen Ebene nicht immer dasselbe. Das ist die schlichte Wahrheit hinter „Hell or High Water“.

Nur auf den ersten Blick erscheint Mackenzies Film als nichts Besonderes – ein scheinbar konventioneller Räuber-und-Gendarm-Streifen mit einem Touch Robin-Hood-Romantik, dessen Schauplatz die staubigen, halbverlassenen westtexanischen Kleinstädte sind und der an „No Country for Old Men“ erinnert. Doch schnell wird klar, dass sich Mackenzies kluger, überragend inszenierter Film im Vergleich mit dem Drama der Coen-Brüder aus dem Jahre 2007 wacker behauptet. In gewisser Weise ist er sogar unterhaltsamer als „No Country For Old Men“, dessen moralische Strenge gelegentlich nervte.

Ähnlich wie der Coen-Film thematisiert auch Mackenzie den Wandel der Zeiten und die wachsende Anomie der Gesellschaft aus dem Blickwinkel der Guten und Bösen.  Doch anders als im Film der Coens bleibt der böse Feind, der die alte Ordnung bedroht oder zerstört, hier nicht eine sich ins Numinose verlierende, letztlich abstrakt bleibende Verkörperung des irrationalen Bösen, sondern wird konkret benannt: Die Klagen der Menschen in den Restaurants und Geschäften über die räuberischen Großbanken, die Zwangsverkäufe  und -Versteigerungen, von den die vielen Schilder in den Geisterstädten unübersehbar künden, Tobys Monolog in der Schlussszene über die zunehmende Armut im Land und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft stehen für die unheilvollen ökonomischen Kräfte, die zur Entwurzelung des Einzelnen führen. Hinzu kommen die allgegenwärtigen eindrucksvollen Bilder der desolaten und verdorrten texanischen Landschaft, denen Giles Nuttgens sensible Kamera eine bedrückende Ästhetik verleiht und die von Armut, vertanen Chancen und Verzweiflung sprechen.

All dies und der wunderschöne Soundtrack von Nick Cave und Warren Ellis machen „Hell or High Water“ zu einem bemerkenswerten, höchst sehenswerten Film.

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