Anoushka Shankar – Land of Gold

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Anoushka Shankar stammt aus einer glanzvollen Familie. Die in Großbritannien geborene und in Indien aufgewachsene Musikerin ist die Tochter des legendären Sitar-Spielers und Gurus Ravi Shankar, der dereinst dem verstorbenen Ex-Beatle George Harrison Sitar-Unterricht gab. Außerdem ist sie die Halbschwester des US-Superstars Norah Jones. Ravi Shankar war es auch, der die neunjährige Anoushka in der Kunst unterwies, das komplexe indische Saiteninstrument zu spielen. Inzwischen ist Anoushka längst eigene Wege gegangen, wird als Sitar-Virtuosin in aller Welt gefeiert, hat es zu fünf Grammy-Nominierungen und im vergangenen Jahr mit ihrem Album „Home“ zu einem Songlines Music Award gebracht.
Stilistisch ist Anoushka Shankar, die mit zarten, flinken Fingern ihrem Instrument flirrende kraftvolle und bisweilen sphärische Klänge entlockt, eine Wanderin zwischen den Welten. War das Album „Home“ durchgängig in der klassischen indischen Musik verwurzelt, erweist sich das heute erscheinende „Land of Gold“ als gekonnter Stilmix aus Jazz, Hip Hop, Electronica, indischer Klassik und Minimal Music.
Der Titelsong „Land of Gold“ beginnt mit einer sanften verzwirbelten Sitar, über die sich eine Frauenstimme legt, die etwas singt, das wie ein keltisches Wiegenlied klingt. Die Stimme gehört der deutsch-türkischen Singer/Songwriterin Alev Lenz, deren ethnisch-kulturelle Doppelidentität wunderbar zum Kontext des Songs wie auch des gesamten Albums passt: „Land of Gold“ ist Anoushka Shankars Antwort auf das Elend der gegenwärtigen Flüchtlingskrise und thematisiert die Verzweiflung, Angst, Wut, Hoffnungen und Sehnsüchte von Millionen von Flüchtlingen, die davon träumen, ein goldenes Land am Ende ihres langen, mühevollen Weges zu erreichen. Chöre setzten dabei große Menschenmengen musikalisch in Szene; um die Motive Flucht und Bewegung akustisch zu untermalen, wurden die Tanzschritte des Tänzers Akram Khan aufgenommen, der bei seiner Performance kleine Glöckchen an den Füßen trug.
Wesentlichen Anteil an diesem außergewöhnlichen Album haben auch Anoushka Shankars musikalische Mitstreiter, deren Beiträge sich erstaunlich harmonisch in die komplexen Kompositionen einfügen: Der österreichische Hang-Spieler Manu Delago, der die Mehrzahl der Songs mitschrieb, erzeugt auf seinem aus Pangblech bestehenden Perkussionsinstrument pulsierende Bassklänge, die sich zusammen mit der Sitar wie ein thematischer roter Faden durch die Songs ziehen. Sanjeev Shankas, der auf den Stücken „Secreat Heart“ und „Crossing the Rubricon“ seiner Shehnai, einem einer westlichen Oboe ähnlichen Doppelrohrblattinstrument wehmütige Klänge entlockt. Und nicht zuletzt der US-Kontrabassist Larry Grenadier, der manchen Stücken eine ausgesprochen jazzig-groovende Note verleiht und mit seinen treibenden Bassläufen auf „Last Chance“ die aktuellen Bilder von verzweifelten Menschen, die auf die Boote drängen oder Zäune durchbrechen, musikalisch wirkungsvoll in Szene setzt.
Zusätzliche Impulse geben auch die britische Rapperin M.I.A mit ihrem rhythmisch zerhackten Sprechgesang in dem Song „Jump in (Cross the Line)“ und Vanessa Redgraves eindringliche Rezitation der Spoken Word Poetry „Remain the Sea“ von Pavana Reddy.
Schließlich half Ehemann Joe Wright, ein bekannter Regisseur (u.a. „Atonement – Abbitte“), das exzellente Album zu produzieren, und sorgte dafür, dass das Ganze einen erzählerischen Fluss bekam.
Der letzte Titel des Albums „Reunion“ setzt schließlich ein Zeichen der Hoffnung und des Aufbruchs. In dunklen Zeiten wie diesen gibt es inmitten von Not und Elend letztendlich auch Humanität und ihr Potenzial, Menschen, die Hass und Elend trennt, wieder zu vereinen.

Fazit: Mit „Land of Gold“ ist Anoushka Shankar ein Album von großer emotionaler Kraft gelungen, das sich frei von Pathos, rührseliger Sentimentalität und Aggressivität mit dem Thema Flucht und Entwurzelung eindrucksvoll auseinandersetzt und tief berührt.

VÖ: 1. April 2016
Label. Deutsche Grammophon

Tourdaten:
23.04.16 Berlin – Berlin Konzerthaus
04.06.16 Leipzig – Gewandhaus zu Leipzig
25.06.16 Bonn – Beethovenhalle
06.10.16 Dortmund – Konzerthaus

Foto: Jamie James Medina

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