David Bowie „Blackstar“

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2013 beendete David Bowie sein zehnjähriges Schweigen und kehrte mit dem Studioalbum „The Next Day“ stilistisch zum Gitarrenrock der 1970ziger Jahre zurück. Die Texte der Songs paraphrasierten die Themen Vergänglichkeit, Alter und Tod – die Perspektive eines Mannes, der die eigene Sterblichkeit oft genug erfahren hatte.
Zu seinem 69. Geburtstag bringt Bowie jetzt sein neues Album “Blackstar“ heraus, das musikalisch indessen ganz andere Wege beschreitet: „Blackstar“ ist eigenwillig, bewegend, kryptisch, klar strukturiert, gleichzeitig spontan und weigert sich hartnäckig, die Erwartungen der Musikkritiker und Fans zu bedienen. Was zum Teufel für eine Musik ist das eigentlich, die bekannte Elemente aus Rock, Funk, Hip-Hop, Jazz und Electronics mutig mit Neuem, nie Gehörtem zu einer Musik verbindet, die es so noch gar nicht gibt und für die eigentlich ein neuer Genre-Name her müsste? Deren Harmonien häufig kompliziert sind, mit musikalischen Zwischenräumen, die mit gewagten Improvisationen gefüllt werden, bei denen Donny McCaslins Saxophonattacken Bowies düstere Stimme oft erbarmungslos vor sich hertreibt? Von den zwei Dutzend Studioalben, die Bowie seit 1995 aufgenommen hat, kommt „1. Outside“, auf dem der Jazzpianist Mick Garson mitwirkte und das in ähnlicher Weise mehr Fragen aufwarf als Antworten gab, Bowies neuem Werk vermutlich noch am nächsten.
„Blackstar“ enthält sechs Neukompositionen. Einen weiteren Song, „Sue (Or in a Season of Crime“), hatte Bowie bereits mit dem Maria Schneider Orchestra, einer Jazz-Big-Band, für seine Anthologie „Nothing Has Changed“ aufgenommen, der hier indessen neu arrangiert und in einer kürzeren Version eingespielt wurde.

Die Grundstimmung des gesamten Albums „Black Star“ ist wohltuend beunruhigend, nervös, kapriziös. Der rund zehnminütige Titelsong“ besteht aus zwei nahezu identischen Teilen, die durch ein Mittelstück verbunden werden, bei dem Stil, Tempo und Text wechseln. Das Stück eröffnet mit einer zaudernden Gitarre und einer nervös flatternden Flöte, die sich hartnäckig dagegen sträubt, bei einer Tonart zu bleiben. Derweil lässt Drummer Mark Guillana seine Sticks mit intermittierenden Gegenschlägen auf die Felle seiner Snare und Tom-Toms knallen, während Bowie mit tieftrauriger Stimme apokalyptische Visionen beschwört, die um eine Villa in Ormen und eine bevorstehende Exekution kreisen. Mitten im Song gleitet das Arrangement kurz in einen improvisierten Limbo und kippt dann unvermittelt in eine Art Marsch, zu dem Bowie von einem schwarzen Messias singt, der gebetsmühlenartig seine Identität negativ über das definiert, was er nicht ist: „I’m a blackstar, not a gangster…not a filmstar… not a marvel star…“. Aus dem Mittelstück kehrt der Song dann schließlich unvermittelt zu seinem Anfang zurück und endet abrupt.
Assoziationen zum Thema Tod und Vergänglichkeit finden sich indessen allenthalben auf dem Album „Blackstar“. Im Song „Lazarus“, einer langsam akzelerierenden, mit harten Akkorden von Bowies elektrischer Gitarre untermalten Klage, besingt ein fiktiver Erzähler im Himmel seine Narben, die man nicht sieht und sinniert über sein lasterhaftes Leben auf Erden.

Die Elegie “Sue (Or in a Season of Crime),” hier als purer Jazzrock neu arrangiert, bei dem Ben Monders Gitarre die Bläserimpressionen des Maria Schneider Orchestra ersetzt, bleibt allerdings letztlich unklar, ob es sich um einen wehmütigen Abschied von einer geliebten Partnerin oder das Geständnis ihres Mörders handelt.
Insgesamt fällt auf, dass sich Bowie auf „Blackstar“ eher streitsüchtig als kontemplativ gebärdet. Der Song “Tis a Pity She Was a Whore”, der den Titel eines Dramas des englischen Dichters John Ford aus dem 17. Jahrhundert zitiert, schleudert selbstbewusst einen fetten Boom-bap-Beat heraus, wobei Bowies Stimme munter durch eine verschwurbelte, von gewagten Saxophone-Overdubs unterstützten Melodie hüpft.
Im Song „Girl Loves Me“ werden die strahlenden Keyboards, die das Fundament für die kinderliedartige, scheinbar unbeschwerte Melodie bilden, durch den wütenden, todessüchtigen Text konterkariert, der sich sprachlicher Anleihen aus dem russischstämmigen Nadsat bedient, einem fiktionalen Slang, den die Jugendlichen in Anthony Burgess Roman „A Clockwork Orange“ sprechen: „I’m cold to this pig and pug show. Where the fuck did Monday go?“

Mit den letzten beiden Songs, „Dollar Days“ und „I Can’t Give Everything Away“, kehrt Bowie schließlich zu den konzeptuellen Grundgedanken seiner Musik zurück: schöne Melodien, die sich langsam zu wunderbaren Midtempo-Rocksongs aufbauen. „Dollar Days“ wartet gar mit Streichern und schmachtendem Gesang auf. Dass es Bowie gleichwohl nicht plötzlich kuschelig und wohlig mag, wird sogleich durch den Songtext unmissverständlich korrigiert: „I’m dying to/Push their backs against the grain/And fool them all again and again.”.

Fazit: Mit „Black Star“ lässt Bowie möglicherweise nur kurz die Maske fallen. Vielleicht probiert er auch nur etwas Neues aus. So oder so. Auch mit diesem exzellenten Ausnahme-Album schont Bowie weder sich selbst noch seine Hörer und setzt für die Wahl des Albums 2016 vorzeitig neue musikalische Maßstäbe.

 

David Bowie „Blackstar“

VÖ. 8.1.2016
Label: Columia records

Foto: Columbia records

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