Zwölf legendäre Horrorfilme

Wie kaum ein anderes Genre sprengen Horrorfilme die Grenzen und stellen Verbote des Geschmacks und der Denkbarkeit infrage. Schon in den Anfangstagen des Kinos wurden Klassiker des Genres produziert wie die Meisterwerke des deutschen Expressionismus Nosferatu und Das Cabinet des Dr. Caligari. Später landeten Universal Studios mit ihren Versionen von Dracula, Der Wolfsmensch und Frankenstein große Erfolge, die noch heute Kultstatus haben. Die Filme von Roger Corman demonstrierten die schiere trashige Kraft des Horrorfilms. Hitchcock knüpfte mit seinem Low-Budget-Meisterwerk Psycho an diese B-Picture-Ästhetik an, die den psychologischen Horrorfilm populär machte und das Genre von seinen übernatürlichen Wurzeln wegführte, auch wenn William Friedkins Meisterwerk Der Exorzist es wieder dorthin zurückbrachte.

Die gruseligste Szene der jeweiligen Horrorfilme

Natürlich hat der Horrorfilm im Laufe eines Jahrhunderts auch immer mal wieder seine Höhen und Tiefen gehabt. Heute ist das Genre aber so lebendig wie schon lange nicht mehr. Das liegt natürlich auch daran, dass Filme wie Es und Split wahre Blockbuster waren. Der Grund ist aber auch, dass sich junge, mutige Filmemacher des Genres bemächtigt haben, es neu beleben und mit ihren Filmen Geschichten erzählen, die persönlich und relevant sind. Der Film Get Out beispielsweise macht Rassismus zu handfestem Horror und war damit kommerziell sehr erfolgreich.

Wir haben aus den knapp 35.000 bei der Internet Movie Database (IMDb) gelisteten Horrorfilmen zwölf ausgesucht, die zu den besten des Genres gehören. Und dazu die für uns jeweils gruseligste Szene heraus gefiltert. Einige von ihnen wie Rosemaries Baby und Der Exorzist haben Oscars bekommen. Über die Rangordnung kann man natürlich diskutieren, auch darüber, dass ein paar andere hervorragende Filme in unserer Auswahl fehlen. Aber jeder einzelne dieser zwölf Filme hat es nach unserer Meinung verdient, gesehen zu werden.

Psycho (1960)

Meisterwerk, das auch 62 Jahren nach seiner Premiere fasziniert.

Regie: Alfred Hitchcock
Darsteller: Anthony Perkins, Janet Leigh, Vera Miles
Drehbuch: Joseph Stefano
Kamera: John Lee Russell

Storyline: Die Sekretärin Marion Crane (Janet Leigh) will sich mit ihrem kleinbürgerlichen Leben in Phoenix nicht mehr abfinden. Der triste Büroalltag ödet sie an. Ihren Liebhaber Sam kann sie nur in der kurzen Mittagspause treffen. Eine Heirat kommt für Sam nicht infrage, da er hohe Alimente an seine geschiedene Frau zahlen müsste. Da wird Marion von ihrem Boss beauftragt, 40.000 US-Dollar zur Bank zu bringen. Marion sieht ihre Chance, ihr Leben mit einem Schlag zu verändern, nimmt das Geld an sich und verlässt die Stadt. In Kalifornien will sie ein neues Leben anfangen. Übermüdet durch die lange Fahrt und von heftigem Regen überrascht, fährt Marion von der Autobahn ab und beschließt, in dem heruntergekommenen „Bates Motel“ zu übernachten. Der Besitzer des Hotels (Anthony Perkins) ist ein höflicher, aber sehr angespannt wirkender junger Mann, dessen Hobby das Ausstopfen von Tieren ist und der offenbar ein schwieriges Verhältnis zu seiner Mutter hat. 

Kommentar: Alfred Hitchcock hat seinem Film “Psycho” ganz bewusst den Look eines billigen Exploitation-Films https://filmlexikon.uni-kiel.de/doku.php/e:exploitationfilm-143gegeben. Anders als sonst arbeitete er nicht mit seiner gewohnten teuren Mannschaft zusammen wie bei dem vorher fertiggestellten “Der unsichtbare Dritte”, sondern mit einer Crew, mit der er für seine Fernsehshow drehte. Gefilmt wurde in Schwarz-weiß. Über weite Strecken enthält der Film keine Dialoge, sondern lebt von seinen beklemmenden Bildern. Selbst für die damaligen Verhältnisse war das Budget mit knapp 800.000 US-Dollar spärlich. „Bates Motel“ und das düstere Wohnhaus dahinter wurden auf dem Studiogelände von Universal gebaut. “Psycho” hat mit Film-Noir-Quickies wie “Umleitung” (Detour) mehr gemeinsam als mit den eleganten Thrillern wie “Das Fenster zum Hof” oder “Vertigo”. Trotzdem hat kein anderer Hitchcock-Film eine so große Wirkung gehabt wie “Psycho”, der auch heute noch zu Recht als Mutter des modernen psychologischen Horrorfilms gilt. Hitchcock manipuliert den Zuschauer brillant und bringt ihn dazu, sich mit den beiden Hauptcharakteren, dem glücklosen Mordopfer Marion und dem Mörder zu identifizieren, dem verrückten und ängstlichen Tierpräparator Norman Bates, der exzellent von Anthony Perkins gespielt wird.

Wo versteckt sich die gruseligste Szene?

Gruseligste Szene: Hitchcock hat den Slasher zwar nicht erfunden, aber er hat ihn mit „Psycho“ und einer bahnbrechenden Szene perfektioniert: Marion Cranes ikonischer Tod in der Dusche. Selbst wenn man die Szene genau analysiert – anstelle von Blut wurde Hershey’s Schokoladensirup verwendet; clevere Schnitte, die nicht ein einziges Mal zeigen, wie das Messer die Haut durchdringt usw. – verliert die Szene nichts von ihrer Schockwirkung. Der Schlüssel ist der geniale Aufbau, Normans drohender Schatten, der plötzlich hinter dem Vorhang auftaucht. Dann die völlig enthemmte Brutalität der schnell geschnittenen Stöße mit dem Fleischermesser, gepaart mit dem ikonischen Ausbruch von Bernard Herrmanns Musik. Das Messer stößt, die Gelddiebin blutet. Dazu Geigen, die klingen, als würden Vögel schreien. Hermanns Musik, vorgetragen von einem Streichorchester, verstärkt die gruselige Szene, dass einem noch heute der Atem stockt.

Der Babadook (2014)

Großartiger australischer Horror, mal nicht im Outback, sondern im suburbanen Milieu angesiedelt.

Regie: Jennifer Kent
Darsteller: Essie Davis, Noah Wiseman, Daniel Henshall
Drehbuch: Jennifer Kent
Kamera: Radoslaw Ladczuk

Storyline: Amelia (Essie Davis) ist eine gestresste alleinerziehende Mutter und Witwe, die immer noch nicht den Tod ihres Mannes verwunden hat. Er kam bei einem Autounfall ums Leben, als er sie ins Krankenhaus zur Entbindung brachte. Sieben Jahre später ist ihr Sohn Samuel (Noah Wiseman) zu einem frühreifen, gestörten und schwierigen Kind herangewachsen, unberechenbar und sogar gewalttätig. Die immer länger werdende Liste seiner Missetaten schiebt er dabei auf den Babadook, eine monsterähnliche Monster mit Zylinder und Krallenhänden aus einem Pop-up-Märchenbuch, aus dem Amelia ihrem Sohn vorliest. Amelia lehnt die Idee zunächst als absurd ab. Doch dann geschehen immer mehr merkwürdige Dinge in ihrem Haushalt. Türen scheinen sich von selbst zu öffnen und zu verschließen, unheimliche Klopf- und Kratzgeräusche sind zu hören, Mutter und Sohn werden von düsteren Visionen geplagt. Amelia beginnt sich zu fragen: Was wäre, wenn Sam recht hat und der Babadook echt ist?

Kommentar: „Der Babadook“ ist das teilweise mit Crowdfunding finanzierte Regiedebüt der australischen Schauspielerin und Regisseurin Jennifer Kent, die auch das Drehbuch schrieb. Manche sehen in dem Film eine Geschichte über Trauerverarbeitung, andere ein häusliches Drama oder einen psychologischen Thriller im Stil von Roman Polanskis „Ekel“ oder „Der Mieter“, eine gleichsam Freudsche Studie über Amelias und Samuels gemeinsame Dysfunktion und ihren gemeinsamen Zusammenbruch. Vor allem aber ist „Der Babadook“ ein kluger, böser, klaustrophobischer Gruselfilm über eine symbiotische Mutter-Kind-Beziehung. William Friedkin, der Regisseur von „Der Exorzist“, twitterte begeistert. „Ich habe nie einen gruseligeren Film gesehen als „Der Babadook“‘. Er wird Sie zu Tode erschrecken, so wie mich.“ Die Besetzung ist großartig. Essie Davis sieht wirklich aus wie eine sensible, liebevolle Frau am Ende ihrer Kräfte, deren Emotionen durch Schlafmangel auf den Kopf gestellt wurden. Und der bleiche, hagere, glotzäugige Noah Wiseman ist ein echtes schauspielerisches Naturtalent, der das permanente Erschrecken authentisch zu erleben scheint und überzeugend mit dem numinosen Beängstigenden verbindet.

Wo versteckt sich die gruseligste Szene?

Gruseligste Szene: „Der Babadook“ beginnt zunächst wie ein sensibles Familiendrama, das eine alleinstehende Mutter zeigt, die sich aufopferungsvoll und rührend um ihren hyperaktiven, überängstlichen Sohn kümmert. Doch die anfänglichen Szenen wiegen den Zuschauer in falscher Sicherheit und der Film nimmt an Fahrt auf. Die gruseligste Szene ist diejenige, wo Babadook Amelia in ihrem Schlafzimmer verspottet. Ähnliche Szenen mag man in Filmen wie „Conjuring – Die Heimsuchung“ oder „Insidious“ gesehen haben. Doch die Art der atmosphärisch dichten Inszenierung zusammen mit der großartigen schauspielerischen Leistung von Davis steigert die Spannung fast ins Unerträgliche, bevor der Babadook selbst auftaucht und die Frau am Rande des Zusammenbruchs terrorisiert.

Wenn die Gondeln Trauer tragen  (1973) 

Grüblerisches Puzzle, das nicht darauf besteht, alle Fragen zu beantworten, und mit einem Finale, das nichts von seiner beklemmenden Wirkung verloren hat.

Regie: Nicolas Roeg
Darsteller: Julie Christie, Donald Sutherland, Hilary Mason, Clelia Mantani
Drehbuch: Allan Scott; Chris Bryant
Kamera: Anthony B. Richmond

Storyline: Der Kunsthistoriker und RestauratorJohn Baxter (Donald Sutherland) weiß es nicht, aber er hat die Gabe der Präkognition: Er weiß im Voraus, wann schreckliche Dinge passieren werden. Irgendwie spürt er eines Tages, dass seine kleine Tochter ins Wasser gefallen ist. Verzweifelt rennt er zum Teich, aber zu spät, um sie zu retten. Wenig später befinden sich John und seine Frau Laura (Julie Christie) in Venedig, wo John die Renovierung einer alten Kirche leitet. In der Stadt herrscht eine gedrückte Stimmung. Ein Serienmörder treibt sein Unwesen. In einem Restaurant lernen John und Laura zwei alte englische Damen kennen. Eine von ihnen, Heather, ist blind und behauptet, dass sie in übersinnlichem Kontakt mit der toten Tochter der Baxters stehe und diese glücklich sei. Laura, die unter dem Verlust ihres Kindes leidet, hilft diese Botschaft bei der Bewältigung ihrer Trauer und sie sucht weiterhin die Nähe der beiden Damen. John dagegen will nicht glauben, was die Damen erzählt haben. Für ihn ist die Tochter tot. Und natürlich glaubt er, der Skeptiker und Rationalist auch nicht, als sie ihn warnen, dass sein Leben in großer Gefahr ist und er Venedig sofort verlassen sollte. Als Laura nach England fahren muss, weil der Sohn einen Unfall hatte, nehmen die Dinge eine schlimme Wendung.

Kommentar: Nur wenige Filme haben den Test der Zeit so gut überstanden wie Nicolas Roegs Nicolas_Roeg   „Wenn die Gondeln Trauer tragen“. Er dreht sich um die allgegenwärtigen Themen Trauer und Verlust und basiert auf einer eher unbedeutenden Erzählung der britischen Schriftstellerin Daphne du Maurier. Der britische Regisseur Nicolas Roeg hatte ein untrügliches Gespür für das Unheimliche, ähnlich wie andere bahnbrechende Thriller seiner Zeit, darunter „Rosemaries Baby“ und „Der Exorzist“. Aber in keinem dieser Filme gibt es eine viereinhalb Minuten dauernde Sexszene, die so verblüffend echt aussieht, dass die Gerüchte, sie sei nicht echt gewesen, nie ganz verstummt sind. Abgesehen davon gibt es in Roegs Venedig kein bisschen Romantik: Es ist eine verfallende, labyrinthische Stadt des Todes, in der ein falscher Schritt dazu führen kann, dass man verloren geht oder unter Wasser steht. In einer Szene sagt die Hellseherin über ihre Schwester, die Stadt mache ihr Angst und habe zu viele Schatten. Doch Roeg braucht keine Schatten, um Venedig unheimlich zu machen. Die ekelerregendsten Szenen werden unter einer blassen Wintersonne gedreht. Der wahre Angstfaktor liegt im Unerklärlichen. An einer Stelle sieht John seine Frau in einer Trauergondel in Begleitung der beiden alten Damen auf dem Kanal vorbeigleiten, obwohl Laura an diesem Morgen gerade erst nach England geflogen ist.

Gruseligste Szene: Der gesamte Film hat eine ungute, verstörende Atmosphäre. Bis zum Schluss weiß man eigentlich gar nicht, was genau die Bedrohung ausmacht. Man weiß nur, dass etwas Unheimliches am Rande herumschleicht und Baxter vage bedroht, während er nach dem Tode seiner Tochter mit seiner Frau durch Venedig wandert. Die gruseligste Szene kommt am Ende, wenn Baxter auf der Suche nach seiner Frau durch die nebeligen Gassen Venedig irrlichtert und in einer dunklen Ecke ein vermeintlich kleines Kind sieht und anspricht, das ihm den Rücken zukehrt und von dem er glaubt, es habe sich verirrt. Aber in der atemberaubenden Schlusssequenz des Films fügt sich alles zusammen und verleiht den vorangegangenen 100 Minuten eine schreckliche Logik und Klarheit.

The Decent – Abgrund des Grauens (2005)

Perfides Spiel mit den Ängsten, die viele von uns haben: geschlossene Räume tief unter der Erde, Dunkelheit und blutrünstige Dinge, die in den unsichtbaren Nischen einer Höhle hausen.

Regie: Nicolas Roeg
Darsteller: Julie Christie, Donald Sutherland, Hilary Mason, Clelia Mantani
Drehbuch: Allan Scott; Chris Bryant
Kamera: Anthony B. Richmond

Storyline: Ein Jahr nach einem schweren emotionalen Trauma wird Sarah (Shauna Macdonald) von ihren Freundinnen auf eine Höhlentour eingeladen. Eigentlich soll der Trip der Entspannung dienen, doch die abenteuerlustige Juno (Natalie J. Mendoza) hat ohne Absprache ein unerforschtes System in den Appalachen ausgewählt. Als die Frauen in die Höhlen hinabsteigen, finden sie seltsame Wandmalereien und Hinweise auf eine frühere Expedition. Dann stehen sie am Abgrund. Steinschlag verschüttet den Rückweg. Lebensgefährliche Klettereien, böse Unfälle und wachsende Spannungen in der Gruppe wären schon Nerven aufreibend genug. Doch dann bemerken die Frauen auf der Suche nach einem Ausgang, dass sie nicht allein sind. Aus dem Wochenendabenteuer wird bald ein blutiger Überlebenskampf – mit den „Crawlern“ humanoiden Bestien, in deren Speisekammer sie gelandet sind.   

Kommentar: „The Descent – Der Abgrund“ – was für ein toller Titel. Der Horrorthriller des britischen Regisseurs Neil Marshall erinnert an zermürbende, adrenalingeladene Klassiker wie „Beim Sterben ist jeder der Erste“, „Der weiße Hai“, „Alien“ und „Todesstille“. So gut ist er. Manche halten ihn sogar für den gruseligsten Film der letzten 20 Jahre. Dank konsequenter Einhaltung einer schlichten Regel gelang Neil Marshall ein Volltreffer: Er ließ 80 Prozent des Films im Höhlendunkel und den Rest von Helmlampen spärlich ausleuchten. Doch Marshalls „The Descent – Der Abgrund“ arbeitet und spielt nicht nur mit genreüblichen Filmbildern, sondern auch mit dem Stoff, aus dem Mythen und Träume sind. Er beschwört höllische Visionen herauf, von berühmten Gemälden wie Goyas „Pinturas negras“ oder Füsslis „Nachtmahr“ bis hin zu gotischen Wasserspeiern und Dorés Stichen für Dantes „Inferno“. https://de.wikipedia.org/wiki/Gustave_Dor%C3%A9Diese fast unterschwelligen Bezüge tragen dazu bei, den Film voranzutreiben, und verleihen ihm eine rohe, fast mythische Energie. Marshall weiß, wann er diese Bilder einsetzen muss, um genau den richtigen Ton von halluzinatorischer Angst zu erzeugen, der im Kopf nachhallt.

Wo versteckt sich die gruseligste Szene?

Gruseligste Szene: Die Atmosphäre ist im gesamten Film unerträglich beklemmend. Die Schocks kommen erbarmungslos und traktieren die Nerven im Fünf-Minuten-Takt. Die gruseligste Szene ist, wenn man die Monster zum ersten Mal sieht. Das Drama um Juno, die die Gruppe verloren hat, wirkt noch nach, sodass man die Bestie, die gerade dort steht, fast nicht bemerkt. Diese clevere Mischung zwischen dem sich langsam aufbauenden Grauen, der dramatischen Ablenkung und dem höllischen Schreck bei der Enthüllung ist meisterhaft.

Hereditary – Das Vermächtnis (2018)

Toni Collette brilliert als gestresste Mutter, die sich dem Bösen in der Familie stellt.

Regie: Ari Aster
Darsteller: Toni Collette, Gabriel Byrne, Alex Wolff
Drehbuch: Ari Aster
Kamera: Pawel Pogorzelski

Nach dem Tod ihrer Mutter, einer verschlossenen Frau mit „privaten Ritualen und privaten Freunden“, spürt die Künstlerin Annie Graham (Toni Collette https://de.wikipedia.org/wiki/Toni_Collette), wie ihre Welt aus den Fugen gerät. Sie bereitet eine neue Ausstellung vor, für die sie Szenen aus ihrem eigenen Lebensalltag in Dioramen https://de.wikipedia.org/wiki/Diorama nachstellt: kleine, mit viel Liebe fürs Detail und großer Sorgfalt angefertigte Puppenhäuser mit miniaturisierten menschlichen Figuren in winzigen beleuchteten und komplett ausgestatteten Räumen.  

Das gefühlte Unbehagen in der Familie Graham wächst. Die 13-jährige Tochter Charlie (Milly Shapiro), die ihre Zeit am liebsten in einem Baumhaus im Garten verbringt, schreit nach ihrer Großmutter und macht seltsame gackernde Geräusche, während sie morbide Totems bastelt. Der Teenager-Sohn Peter (Alex Wolff) dröhnt sich gerne mit seinen Freunden zu und der unbekümmerte Ehemann Steve (Gabriel Byrne) wirkt hilflos in seinen Versuchen, die Familie zusammenzuhalten. Und dann geschieht etwas, das die Trauer in traumatisiertes Entsetzen verwandelt, alte Wunden wieder aufreißt und neue Schrecken hervorruft.

Kommentar: Hereditary – Das Vermächtnis wurde gelegentlich als „Der Exorzist“ für eine neue Generation beschrieben. Das ist nicht ganz richtig. Regisseur Ari Aster https://de.wikipedia.org/wiki/Ari_Aster  hat sich in seiner genialen Debütarbeit eher von den unheilschwangeren Ahnungen und Verschwörungen in Wenn die Gondeln Trauer tragen, Rosemaries Baby und anderen Filmen inspirieren lassen. Regie, Kameraarbeit und der pulsierende Soundtrack des Jazzmusikers Colin Stetson, https://de.wikipedia.org/wiki/Colin_Stetson der die bedrohliche Atmosphäre wirkungsvoll unterstreicht, sind brillant. Aber ohne die grandiose Leistung von Toni Colette in der Hauptrolle wäre der Film nichts. In den extremen Nahaufnahmen ist ihr Gesicht eine Maske aus Angst und Wut. Sie ist eine moderne Medea des Gruselfilms. Das Produktionsdesign von Grace Yun und Pawel Pogorzelskis Kamera schaffen bei den Außenszenen eine traumähnliche, sonnendurchflutete Atmosphäre, während bei den Innenaufnahmen die quadratischen Kompositionen die Räume auf unheimliche Weise wie Puppenhausmodelle mit lebenden Bewohnern aussehen lassen.

Wo versteckt sich die gruseligste Szene?

Gruseligste Szene: Wir bleiben hier mal lieber vage, weil der Film noch ziemlich neu ist und die Enthüllung ein Spoiler wäre. Wer ihn gesehen hat, weiß, wovon wir reden, und kann weiterlesen. Charlie, die auf dem Rücksitz nach Luft ringt, steckt ihren Kopf aus dem Autofenster und wird von einem Telegrafenmast enthauptet. Die gesamte Sequenz von der Schokoladentorte, die sie sich auf der Party hineinstopft, über das Keuchen im Auto bis hin zum Aufprall, ist brillant choreografiert. Ein schockierender Moment, der durch die Werbung für den Film stark begünstigt wurden. Charlie stand im Mittelpunkt der Marketingkampagne und ließ die Zuschauer glauben, dass sie bis zum Ende eine zentrale Figur sein würde. Als es sie nach etwa einem Drittel der Laufzeit erwischt, weiß man plötzlich, dass in diesem Film alles passieren kann. Wenn Hitchcocks „Psycho“ gegen die Regel „Töte nicht deine Hauptfigur“ und Scream gegen die Regel „Töte nicht deinen größten Star“ verstieß, ging „Hereditary – Das Vermächtnis“ noch einen Schritt weiter: „Töte nicht das Kind“.

Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens (1922)

Verstörendes Kammerspiel aus gotischen Grübeleien und okkulten Bildern.

Regie: Friedrich Wilhelm Murnau
Darsteller: Max Schreck, Gustav von Wangenheim, Greta Schröder, Alexander Granach
Drehbuch: Henrik Galeen (nach Motiven des Romans Dracula von Bram Stoker)
Kamera: Fritz Arno Wagner; Günther Krampf

Storyline: Der Immobilienmakler Hutter (Gustav von Wangenheim) reist im Auftrag seines Arbeitgebers Knock nach Transsylvanien, um den Grafen Orlok ein Angebot zu unterbreiten, der in Hutters Heimatstadt Wisborg ein Haus kaufen will. Auf dem Weg dahin mehren sich seltsame, beunruhigende Ereignisse, die auf das kommende Unheil hindeuten. In einem Gasthaus in der Nähe des Schlosses, wo Hutter übernachten will, verstummen die Gäste, als er den Namen des Grafen erwähnt. Draußen brechen die Pferde in Panik aus der Einzäunung aus, Wölfe heulen und schleichen davon. In seinem Schlafzimmer findet Hutter am Abend ein seltsames Buch über Vampirkunde. Hutters Kutscher weigert sich am folgenden Tag, ihn zu Orloks Anwesen zu bringen. Kurz darauf schickt der Graf ihm seine eigene Kutsche, die den Makler in einer Höllenfahrt zum Schloss bringt. Graf Orlok erweist sich schon bald nach der ersten Begegnung als eine merkwürdige Erscheinung. Als sich Hutter beim Abendessen versehentlich mit dem Brotmesser schneidet, scheint sich Orlok mehr für Hutters blutenden Finger als für das eigentliche Geschäft zu interessieren. Noch größeres Gefallen findet der unheimliche Graf offensichtlich an Hutters hübscher, unschuldiger Frau Ellen, als er deren Bild sieht. Am nächsten Morgen erwacht Hutter mit Bisswunden am Hals und erkennt mit Entsetzen, dass der Graf ein Vampir ist und mit dem Hauskauf sein neues Jagdrevier nutzen will. Doch Orlok ist bereits mit dem Schiff nach Wisborg aufgebrochen, wo Hutters Frau sehnsüchtig auf ihren Mann wartet. Mit Orloks Ankunft und den unzähligen Ratten, die sein Schiff bevölkern, kommt das Böse in die Welt. Die Pest breitet sich in der idyllischen Kleinstadt aus und rafft die Menschen dahin.

Kommentar: Der Stummfilm Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens basierte auf dem Roman Dracula des irischen Autors Bram Stoker. Titel und Namen der Figuren wurden jedoch geändert, weil Stokers Witwe nicht zu Unrecht Klage erhob, dass der Nachlass ihres Mannes abgegriffen werde. Ironischerweise trug Regisseur Murnau auf lange Sicht zur Popularisierung von Stokers Roman und seiner Figur bei, denn Nosferatu inspirierte Dutzende anderer Dracula-Filme. Keine von ihnen, vielleicht mit Ausnahme von Werner Herzogs Hommage Nosferatu – Phantom der Nacht, blieb in dessen so sehr in Erinnerung und erreichte das hohe künstlerische Niveau von Murnaus Film aus dem Jahre 1922.

Nosferatu ist ein Meilenstein des deutschen expressionistischen Kinos. Noch heute besticht er mit seinen ikonischen, zeitlosen Aufnahmen, die subtile Lichttechniken meisterhaft nutzen, um den Schauplätzen und Kulissen Tiefe und Atmosphäre zu verleihen. Um den Übergang von der realen Welt zum Surrealen zu markieren, verwendet Murnau zum Beispiel in einer Szene Negativfilm, was eine verstörende Atmosphäre erzeugt. Die Kameraleute filmen oft aus der Perspektive der Untersicht, was die Bedrohlichkeit der Bilder, zum Beispiel Orloks Präsenz in der Welt unterstreicht. Darüber hinaus war Murnau einer der ersten Regisseure, der die Montage als Schnitttechnik einsetzte.

Den kahlköpfigen Grafen Orlok spielt Max Schreck eher wie ein Tier als wie einen Menschen. Murnaus künstlerischer Leiter verpasste Schreck Fledermausohren, lange, krallenartige Nägel und Reißzähne, die sich in der Mitte des Mundes befanden wie bei einem Nagetier, und nicht an den Seiten wie bei den Reißzähnen in den späteren Vampirfilmen. Auch ansonsten hat die bleiche, rattengesichtige Kreatur kein bisschen von dem Charisma, der Liebenswürdigkeit oder gar der animalischen Anziehungskraft, die später Schauspieler wie Christopher Lee in diese Rolle einbringen sollten. Um Schreck selbst ranken sich im Übrigen viele Legenden, darunter der weitverbreitete Glaube, dass der Schauspieler auch außerhalb des Sets ein Leben als Vampir geführt haben soll – ein Motiv, das E. Elihas Merhiges in seiner Murnau-Hommage Shadow of the Vampire aus dem Jahre 2000 aufgreift.

Wo versteckt sich die gruseligste Szene?

Gruseligste Szene: Die Aufnahmen auf dem Schiff, das Orlok nach Wisborg bringt, sind die, die das Kinopublikum im Zeitalter vor dem Ton in Angst und Schrecken versetzte und die in Erinnerung bleiben. Die Schiffsladung besteht aus einem Stapel Särge, die alle mit Erde gefüllt sind. Aus unerklärlichen Gründen erkranken und sterben die Seeleute. Ein tapferer Maat geht mit einer Axt unter Deck, um einen Sarg zu öffnen, und hunderte von Ratten purzeln heraus. Die gruseligste Szene ist die, wenn sich Graf Orlok erhebt, steif und unheimlich aus einem der Särge in einer Einstellung, die zu ihrer Zeit ebenso erschreckend und berühmt war wie der rotierende Kopf in „Der Exorzist“.

It Follows (2014)

Sexuelles Grauen als Treibstoff für einen modernen Horrorklassiker

Regie: David Roger Mitchell
Darsteller: Maika Monroe, Kir Gilchrist, Olivia Luccard, Lili Sepe
Drehbuch: David Roger Mitchell
Kamera: Mike Gioulakis

Storyline: Die junge College-Studentin Jay (Maika Monroe) hat einen netten Typ namens Hugh (Jake Weary) kennengelernt und verabredet sich oft mit ihm. Die restliche Zeit hängt sie mit ihrer Schwester Kelly (Lili Sepe), ihrer Freundin Yara (Olivia Luccardi) und einem schüchternen Freund aus der Kindheit namens Paul (Keir Gilchrist) ab, der schon lange hoffnungslos in sie verknallt ist. Schon bald hat Jay Sex mit Hugh und der erzählt ihr anschließend, dass er sie gerade mit einem Fluch belegt hat. Ein Dämon, den nur sie sehen kann, wird sie verfolgen und töten. Es sei denn, sie hat Sex mit einer anderen Person und gibt den Fluch an diese weiter. Jay ist entsetzt, ihre Unentschlossenheit quält sie, ein Zustand, der durch die Anwesenheit von Paul noch verstärkt wird, der verzweifelt bereit ist, den Menschen zu schützen, den er liebt.

Kommentar: Nur auf den ersten Blick wirkt der Film wie ein neuer Mix wohlfeiler Horrorfilm-Komponenten: Sex als Todsünde, junge Leute, die sich zusammentun, um eine böse Macht zu stoppen, gruselige Verfolgungsjagden in einem Haus, eine düstere und beklemmende Nachtszene. Beim näheren Hinsehen wird jedoch deutlich, wie unorthodox der Film ist. Es gibt keine Traumsequenzen, keine Halluzinationen. Keine Geister, keine Psychotiker. Sex bedeutet Tod, kann aber auch Leben bedeuten. Es gibt nur wenige blutige Szenen und wenige Schreckmomente. Und dennoch zapft der Film Urängste so effektiv und hinterhältig an, dass man das Kino halbtraumatisiert verlässt.

Die Handlung von It Follows mit ihrer viralen Ausbreitung von Schrecken und Scham ließe sich als Abstinenz-Parabel oder als Herpes-Albtraum oder auch als metaphorische Darstellung von Aids lesen. Der Dämon ist hier jedoch eine satirische Umkehrung des filmischen Narrativ. Um den schädlichen oder gar tödlichen Auswirkungen einer sexuell übertragbaren Krankheit entgegenzuwirken, muss man mit dem Sex aufhören und nicht einfach weitermachen. Aber das bedeutet auch, frühere Partner aufspüren, um sie zu warnen. In diesem Fall wird man zum Verfolger und man muss diskret vorgehen – unsichtbar sogar, wie die albtraumhaften Gestalten in Mitchells Film.

Wo versteckt sich die gruseligste Szene?

Gruseligste Szene: Einige Szenen sorgen für Gänsehaut. Keine ist so verstörend wie diejenige, in der ein großer Mann wie aus dem Nichts auftaucht, gerade als die engsten Freunde der Protagonistin an ihrer Geschichte zu zweifeln beginnen.

Rosemaries Baby (1968)

Düsterer, makabrer Film, der das Gefühl einer unvorstellbaren Gefahr vermittelt und seltsamerweise auch einen unheimlichen Sinn für Humor hat. Na ja, fast bis zum Ende.

Regie: Roman Polanski
Darsteller: Mia Farrow, John Cassavetes, Ruth Gordon, Sidney Blackmer, Maurice Evans
Drehbuch: Roman Polanksi
Kamera: William Fraker

Storyline: Das junge, frisch verheiratete Ehepaar Rosemarie (Mia Farrow und Guy Woodhouse, der sich als Schauspieler durchschlägt, sind verliebt und freuen sich darauf, ihr gemeinsames Leben in dem berühmten Bramford-Apartmenthaus in New York zu beginnen.

Hutch, Rosemaries Freund, warnt sie, dass der Wohnblock ein schlechtes Karma hat, da sich dort eine Reihe von grausamen Ereignissen zugetragen hat. Aber Rosemarie und Guy hören nicht auf seine Warnung und ziehen trotzdem ein. Sie freunden sich mit ihren älteren, exzentrischen Nachbarn an, der lärmenden, schrillen Minnie (Ruth Gordon) und dem distinguierten, weit gereisten Roman Castevet (Sidney Blackmer). Während Rosemaries lang ersehnten Schwangerschaft, zu der es kommt,  nachdem sie geträumt hatte, von einem Ungeheuer vergewaltigt worden zu sein, häufen sich Merkwürdigkeiten. Schon bald ist Rosemarie überzeugt, dass die Castevets einen Hexenzirkel leiten. Sie ist glaubt fest, dass sie ihr Baby dem Teufel opfern wollen und dass ihr Mann zugestimmt hat, ihnen im Gegenzug für seinen unerwartet eingetretenen beruflichen Erfolg zu helfen. Rosemarie will der vermeintlichen infamen Intrige entkommen und ihr noch ungeborenes Baby dem Zugriff der Satanisten entziehen. Ein dramatischer Wettlauf beginnt, bei dem die junge Frau auf sich allein gestellt ist.

Kommentar: Der Film basiert auf dem gleichnamigen Bestseller von Ira Levin. Gedreht wurde im exklusiven Dakota Building wo neben Boris Karloff, Lauren Bacall auch der ermordete Ex-Beatle John Lennon zu den berühmten Mietern zählten. Roman Polanskis Drehbuch blieb der Geschichte im Wesentlichen treu. Gleichwohl hatte er einen wichtigen Vorbehalt gegenüber der literarischen Vorlage. Polanski hatte in seinem Leben zu viel reales Grauen gesehen – und das war noch vor den Tate-Morden – um das Diabolische ernsthaft zu behandeln. Deshalb fügte er der düsteren Geschichte einen Hauch von Fantasie und schwarzer Komödie hinzu, wobei er die psychologischen Untertöne noch betonte. Ist Rosemarie paranoid? Polanksi hält die Dinge bis zum Ende so beunruhigend und zweideutig wie er kann. Selbst in der letzten Minute kann man nicht sicher sein, dass Rosemarie nicht verrückt ist. Vielleicht sind sie ja alle verrückt.

Wo versteckt sich die gruseligste Szene?

Gruseligste Szene: Die Spannung steigt und fällt, ohne dass der Zuschauer jemals zur Ruhe kommt und das Geschehen vollständig verarbeiten kann. Die gruseligste Szene gibt es nicht, sondern hier eine dämonische, rituelle Vergewaltigung, ein seltsamer, von der Satanistin Rosa gemixter Saft dort, dann ein zwielichtiger Frauenarzt, alles nur um den Zuschauer zu verwirren. Das Ganze erreicht einen Höhepunkt in einem traumartigen Abspann, als Rosemarie nach der Geburt in ihrer leeren Wohnung aufwacht. Sie findet einen geheimen Raum, in dem sich ihr Ehemann und ihre Nachbarn versammelt haben, um sie willkommen heißen. Wir sehen nie, was in dieser schwarz verhüllten Wiege liegt. Es ist das Lächeln auf Rosemaries Lippen, das andeutet, dass ihr Mutterinstinkt gesiegt hat, das für den größten Schrecken sorgt.

A Quiet Place (2018)

Meisterhafte Beschwörung des Schreckens der Stille

Regie: John Krasinski
Darsteller: Emily Blunt, John Krasinski, Millicent Simmonds, Noah Jupe
Drehbuch: John Krasinski, Bryan Woods, Scott Beck
Kamera: Charlotte Bruus Christensen

Storyline: EineökologischeKatastrophe oder Alien-Invasion hat die Welt in einen Ort verwandelt, an dem Unschuld, Kindheit und Glück vom Erdboden verschluckt worden sind. Nun lebt die Menschheit oder was von ihr übrig geblieben ist in Angst vor riesigen Reptilien, die das Land heimsuchen. Sie sind blind, haben aber ein sehr gutes Gehör. Solange man sich die ganze Zeit still verhält und rund um die Uhr auf der Hut ist, geht alles gut. Aber schon das kleinste Geräusch lockt sie in Sekundenschnelle herbei und sie zerhacken ihre Opfer auf der Stelle in Stücke.

Einige Monate nach dem tragischen Tod ihres Sohnes Beau, der den Monstern zum Opfer fiel, hat es die Familie Abbott scheinbar geschafft, sich in diesem tristen Ödland einzurichten. Evelyn und Lee (John Krasinski) haben alles getan, um ihre Kinder zu schützen. Ihr Sohn Marcus (Noah Jupe) und ihre Tochter Regan (Millicent Simmonds) kommen in der laut- und wortlosen Welt gut zurecht. Da Regan hörgeschädigt ist, musste die ganze Familie Gebärdensprache lernen, um sich zu verständigen. Lee hat sogar seinen Lötkolben herausgeholt und an einem neuen Hörgerät für seine Tochter gebastelt. Das Leben in den ausgebauten Kellerräumen des Hauses ist bis ins kleinste Detail durchorganisiert und für ein stummes Dasein optimiert. Der Keller ist fast schalldicht und durch eine dicke Luke aus Holz verschlossen. Eine einfache Lichtanlage, die auch außen angebracht ist, leuchtet bei Gefahr rot auf, wenn sich die Aliens nähern. Doch dann spitzen sich die Dinge zu und es gibt neue Herausforderungen. Evelyn ist schwanger und die Eltern fragen sich, wie sie das Baby ohne moderne Narkose und geräuschlos zur Welt bringen soll. Und was passiert, wenn das neugeborene Baby schreit? Kann das Leben weitergehen? Eine Welt des Grauens ist im Anmarsch. Trotz sorgfältiger Planung überschlagen sich die Ereignisse und münden in einem fieberhaften Gewaltakt.

Kommentar: Trotz seiner entnervenden Jump-Scare funktioniert der Film auf einer tiefen emotionalen Ebene. Darin liegt seine große Stärke. Abgesehen von dem flüchtigen Auftauchen eines unglückseligen älteren Ehepaars gibt es keine weiteren menschlichen Charaktere auf der Leinwand. Die apokalyptische Geschichte wird ausschließlich durch das Prisma der Familie Abbot erzählt, die nicht nur mit tatsächlichen Monstern, sondern auch mit heimtückischen Dämonen wie Trauer, Schuld und Schuldgefühlen zu kämpfen hat. Der Wunsch, ein gewisses Maß an familiärer Normalität aufrechtzuerhalten, steht in krassem, desorientierenden und oft herzzerreißendem Widerspruch zu der neuen trostlosen Realität. „Es gibt nichts, wovor du dich fürchten musst“, sagt Lee zu seinem Sohn und gibt damit die üblichen Beteuerungen von Eltern wieder. „Doch!“, lautet die ungläubige, aber zutreffende Antwort des verängstigenden Jungen, die sich schon bald bewahrheiten wird.

Wo versteckt sich die gruseligste Szene?

Gruseligste Szene: Anders als bei vielen verwandten Filmen des Genres verzichtet A Quiet Place auf Wackelbilder. Auch kommt es Krasinski nicht so sehr darauf an, wie die alienartigen Kreaturen aussehen, sondern lässt den Zuschauer dies über weite Teile des Films nur unterschwellig erahnen. Dennoch hat der Film drastische nervenzehrende Szenen. Die gruseligste Szene ist die, in der die hochschwangere Emily in der Badewanne liegt und hört, wie die Monster in das Haus eindringen.

A Hole In The Ground (2019)

Atmosphärisch dichtes Gruselstück, immer hart an der Grenze zwischen Realität und dem Unerklärlichen.

Regie: Lee Cronin
Darsteller: Seána Kerslake, James Quinn Markey, Simon, Kirby, Steve Wall
Drehbuch: Lee Cronin, Stephen Shields
Kamera: Tom Comerford

Storyline: Ein Frauengesicht wird in einer langen Einstellung von der Kamera erfasst. Die Frau steht hinter einem Kind, das Grimassen vor einem Zerrspiegel schneidet. Ein riesiges Waldgebiet, durch die sich eine lange Landstraße zieht. Ein einsames Auto befährt sie, im Inneren eine Frau mit Kind. Wie magisch angezogen scheint das Auto auf das Ende dieser Straße zuzusteuern, an dem sich ein mysteriöser Krater befindet. Und dann beginnt der Film The Hole in the Ground, der über seine ganze Länge wohldosierten Horror verbreitet.

Sarah (Seána Kerslake) hat eine verstörende Vergangenheit, der sie entfliehen will. Mit ihrem Sohn Chris ( James Quinn Markey) beginnt sie in einer fremden Stadt einen Neuanfang. Sie wurde von ihrem Mann schwer misshandelt. Chris dagegen hofft darauf, dass sein Vater endlich kommt und sie wieder eine Familie sind. Bald jedoch gewinnt Sarah die Überzeugung, dass sich Chris verändert hat. Am Ende glaubt sie sogar, dass der Junge in ihrem Haus gar nicht ihr Sohn Chris ist. Das unheimliche Erdloch scheint damit ursächlich in Verbindung zu stehen. Sind es nur Ängste, die Sarah plagen? Spiegeln sie die Erfahrungen, die sie mit ihrem Mann gemacht hat? Wird Chris einmal so wie ihr Mann werden? Und dann die unheimliche Nachbarin – ist sie verwirrt oder sagt sie die Wahrheit?

Bemerkungen: Schon vorThe Hole in the Ground konnte der irische Regisseur Lee Cronin mit einigen Kurzfilmen glänzen, deren Geschichten von starken Figuren erzählen. Allen ist eins gemeinsam, dass sie  traumatisiert sind. Der Film The Hole in the Ground ist wie ein Vexierspiel, immer hart an der Grenze zwischen Realität und dem Unerklärlichen. Ist es Sarahs Verstand, der von dunklen Gedanken geplagt wird, oder wird ihr Zuhause tatsächlich von etwas Monströsem aus der Tiefe heimgesucht? Der Film spricht Urängste an. Hier die Angst vor Verlust. Sarah fürchtet, dass man ihr Chris wegnehmen könnte. Die verstörende Begegnung mit der verwirrten Nachbarin, die vor Jahren ihr eigenes Kind tötete, verstärkt Sarahs Misstrauen nur noch mehr und dann passiert es – wirklich?

Wo versteckt sich die gruseligste Szene?

Gruseligste Szene: Der Film hat einige gruselige Szenen wie Sarahs Traum oder die Szene, in der Chris verschwindet. Keine ist jedoch so gruselig wie die mit Chris und der Spinne. Eines Abends hört Sarah ein Rascheln und Kichern aus dem Flur. Sarah folgt dem Geräusch und späht unter Christophs Zimmertür, um zu sehen, woher es kommt. Sarah sieht wie eine Spinne auf dem Fußboden direkt hinter der Tür über den Boden krabbelt. Auf die Spinne folgt eine Kinderhand, die der Spinne hinterher krabbelt. Dann streckt sich die Hand aus, stürzt sich auf die Spinne, um sie zu fangen. Es ist die Hand von Chris, der die Spinne nimmt, sie in den Mund steckt und verschlingt. Sarah ist sich sicher, dass dies nicht ihr Sohn ist.

Der Exorzist (1973)

Auch ein halbes Jahrhundert nach seiner Premiere noch immer verstörend und schockierend.

Regie: William Friedkin
Darsteller: Linda Blair, Jason Miller, Max von Sydow, Ellen Burstyn, Lee J. Cobb,
Drehbuch: William Peter Blatty
Kamera: Owen Roizman, Billy William

Storyline: Die Schauspielerin Chris McNeil (Ellen Burstyn) zieht in Begleitung ihrer 12-jährigen Tochter Regan (Linda Blair) nach Washington D. C., wo sie einen Film dreht. Mutter und Tochter verstehen sich gut, doch nach einiger Zeit beginnt Regan, sich seltsam zu verhalten. Die Ärzte unterziehen sie verschiedenen neurologischen Tests, können aber keine Erklärung für ihr absonderliches Verhalten finden. Regans Situation verschlimmert sich immer mehr. Sie wird an ihr Bett gefesselt, stößt obszöne Flüche aus und spricht in einer fremden, unbekannten Sprache. Schließlich wendet sich die Mutter an Pater Karras (Jason Miller), einen römisch-katholischen Priester und Psychiater, um zu erfahren, ob ein Exorzismus https://www.arte.tv/de/articles/tracks-exorzismus die Lösung für ihr Problem sein könnte. Der anfänglich skeptische Karras kommt nach mehreren Besuchen bei Regan zu der Überzeugung, dass ein Dämon Besitz von dem Mädchen ergriffen hat und schlägt seinem Bischof einen Exorzismus vor. Der Bischof stimmt zu, besteht aber darauf, dass Pater Merrin (Max von Sydow)hinzugezogen wird, der schon einmal einen Exorzismus durchgeführt und dem Teufel ins Auge gesehen hat.

Kommentar: Dass US-Regisseur William Friedkin sich nach seinem vielfach preisgekrönten Film Brennpunkt Brooklyn ausgerechnet der Bearbeitung eines Romans über dämonische Besessenheit zuwandte, sorgte Anfang in Hollywood schon für Überraschung. Der große Studio-Horror-Boom der 30-ziger Jahre war längst vorbei. Streifen wie „Frankenstein“, „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ und „Der Hund von Baskerville“ taugten allenfalls als Futter für Autokinos und Grindhouses. https://filmlexikon.uni-kiel.de/doku.php/g:grindhousefilm-2548 Zudem hatten mehrere Regisseure das Projekt ablehnt. Einige waren mit dem Thema unzufrieden, andere wollten keinen Film drehen, in dem ein junges Mädchen ein von Dämonen besessenes Opfer spielte. Doch Friedkin war schon immer furchtlos und schaffte es, dass ein großer Film mit talentierten Schauspielern von einem bedeutenden Studio veröffentlicht wurde.

Über die unorthodoxe Herangehensweise des Regisseurs gibt es viele Geschichten: Mal feuerte er wahllos eine Waffe ab, um seine Schauspieler zu erschrecken, er schlug sie, um bestimmte Reaktionen hervorzurufen oder er kühlte das Set runter, damit sie sich unwohl fühlten und ihr Atem als Dampf sichtbar wurde. Was auch immer er anstellte, es hat funktioniert: Die düstere, drohende Stimmung zieht sich durch fast jede Einstellung.

Von den üblichen Horrorfilmen unterscheidet sich Der Exorzist auch dadurch, dass er das Grauen mitten im Haus, in einer Familie, in einem unschuldigen Kind ansiedelt. Spektakulär war auch die Arbeit des Maskenbildners Dick Smith, der die zunächst unauffälligen Besessenheitsmasken für Linda Blair schuf und dann Max von Sydows Vater Merrin überzeugend altern ließ, der damals gerade einmal Anfang 40 war.

Der Exorzistbrachte das Entsetzen nicht nur auf die Leinwand, er sorgte auch für Horror im Kinosaal. Bei seiner Europapremiere in London kam es zu zahlreichen Ohnmachtsanfällen, viele Kinobesucher mussten mit Riechsalz behandelt werden oder verließen angeekelt vorzeitig den Kinosaal. Beste Reklame für den Friedkins Spektakel, der zum umsatzstärksten Film aller Zeiten wurde, bis er ein Jahr später von „Der Weiße Hai“ von seiner Spitzenposition verdrängt wurde.   

Wo versteckt sich die gruseligste Szene?

Gruseligste Szene: Seit seinem Erscheinen im Jahr 1973 hat sich der Film in der Horrorbranche gut behauptet. Wegen seiner furchteinflößenden Szenen gilt er vielfach noch immer als der gruseligste Film aller Zeiten. Die gruseligste Szene ist wohl die, in der wir sehen, wie Regan ihren Kopf um 180, dann um 360 Grad herumdreht. Zunächst sieht es noch so aus, als würde sie sich beruhigen. Sie richtet sich im Bett auf. Dann lächelt sie boshaft, ihre Halswirbel knirschen, als sie sich zunächst nach links dreht, bevor sie sich ganz herumdreht und immer noch vor diabolisch sich hin grinst. 

Die Nacht der lebenden Toten (1968)

Urvater aller Low-Budget-Zombie-Filme, immer noch lebendig, brutal, kryptisch, allegorisch und subversiv

Regie: George A. Romero
Darsteller: Duane Jones, Judith O’Dea, Karl Hartmann, Marilyn Eastman
Drehbuch: George A. Romero; John A.Russo
Kamera: George A. Romero

Storyline: Die Geschwister Barbra (Judith O’Deal) und Johnny (Russell Streiner) besuchen das Grab ihres Vaters auf einem abgelegenen Friedhof, als sie plötzlich von einem Zombie angegriffen werden. Während ihr Bruder getötet wird, schafft es Barbra zu entkommen und sucht Zuflucht in einem scheinbar verlassenen Farmhaus. Bald darauf stößt auch der Afroamerikaner Ben zu ihr, der an dem Haus angehalten hat, um zu tanken. Bedrängt von den wandelnden, nach Menschenfleisch gierenden Toten um sie herum, tut Ben sein Bestes, um Türen und Fenster zu verbarrikadieren. Die Fernsehberichte sind jedoch düster. Überall kehren die Kreaturen ins Leben zurück. Dann stellen Barbra und Ben überrascht fest, dass sich fünf weitere Personen im Keller verstecken: Harry, Helen und Karen Cooper sowie ein junges Paar, Tom und Judy. Schon bald kommt es zu Missklang und Spannungen in der Gruppe, da Harry Cooper die Gruppe dominieren will. Während sich ihre Situation weiter verschlechtert, sinken von Minute zu Minute ihre Chancen, die Nacht zu überleben.  

Kommentar: Regisseur Romero drehte den Film mit Freunden und Bekannten, da er nur ein geringes Budget von etwa 114.000 US-Dollar zur Verfügung hatte, das ausschließlich von privaten Investoren stammte. Häufig mussten die Dreharbeiten unterbrochen werden, da die Beteiligten nur in ihrer Freizeit zur Verfügung standen. Laut Romero war eine Darstellung von Zombies nicht geplant. In der englischen Originalversion ist deshalb auch von „Ghouls“ (Ghulen) die Rede, nicht von Zombies.

Moderne Zombie-Filme sind oft von Hoffnung geprägt. Trotz platzender Köpfe, hervorquellender Eingeweide und eimerweise fließenden Blutes gibt es ein Gefühl der Hoffnung und den Optimismus, dass die gequälte Menschheit die Krise überstehen und aus ihr möglicherweise geläutert wieder hervorgehen wird. Bei modernen Klassikern wie 28 Tage später (2002), The Girl With All The Gifts (2016) und Cargo (2017) hat man das Gefühl, dass die Zombie-Apokalypse nicht das Ende ist, sondern Chance für einen Neuanfang ist. Eine gewaltige biblische Sintflut, bei der die Leichen zu Abertausenden weggeschwemmt werden, die Starken und Gerechten aber noch gerettet werden können. In Die Nacht der Lebenden Toten gibt es keine Erlösung verheißende Moral und Güte. Die Figuren sind von Anfang an verdammt. Romeros pessimistischer Film ist von einem tiefen Nihilismus geprägt.  

Gruseligste Szene: Als der Film damals in die Kinos kam, galt er als Zumutung. Seit langem hat er jedoch Kultstatus. Auch nach heutigen Maßstäben spart er nicht mit extrem brutalen Szenen: Brechstangen schlagen Löcher in die Köpfe der lebenden Toten, Monster werden gezeigt, die Eingeweide fressen, und – in einem Höhepunkt von beispielloser Übelkeit – tötet ein kleines Mädchen seine Mutter, indem es ihr ein Dutzend Mal mit einer Kelle in die Brust sticht.

Standardbild
Hans Kaltwasser
Artikel: 344

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