Wie sich Melodien im Laufe der Zeit verändern

Ob Volkslieder, Kinderreime oder Balladen – Liedgut wird seit Generationen mündlich weitergegeben. Eine Studie hat nun untersucht, wie sich Melodien im Laufe der Zeit durch den Einfluss sozialer, kultureller und kognitiver Faktoren verändern. Die Forscher:innen führten Gesangsexperimente mit rund 1.800 Studienteilnehmer:innen aus Indien und Nordamerika durch. Um die Entwicklung von Musik durch mündliche Überlieferung zu simulieren, sollten die Teilnehmer:innen insgesamt mehr als 3.400 Melodien singend von einer Person zur nächsten weitergeben – ähnlich wie bei dem Kinderspiel „Stille Post“. Mit der Zeit unterliefen den Singenden Fehler, so dass sich die Musik immer mehr in Richtung ansprechender und leicht zu erlernender Melodien entwickelte.

„Lieder wurden über Generationen hinweg fast ausschließlich mündlich weitergegeben. Wir gehen davon aus, dass interkulturelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede im menschlichen Liedgut aus diesem Prozess der ‚kulturellen Überlieferung‘ hervorgegangen sind. Bisher war jedoch nicht klar, wie genau die kulturelle Überlieferung die Entwicklung der Musik beeinflusst“, berichtet Erstautor Manuel Anglada-Tort vom MPIEA.

Sprachliche Überlieferung hat Auswirkungen auf Melodien

Die Forscher:innen fanden heraus, dass die mündliche Überlieferung tiefgreifende Auswirkungen auf die Entwicklung der Musik hat. Unter anderem offenbarten sich diese in der Entstehung verschiedener musikalischer Strukturen. Einige dieser Strukturen waren kulturübergreifend zu beobachten, wie etwa kleine Tonhöhenintervalle oder bogenförmige melodische Konturen – Melodien, die in der Tonhöhe erst ansteigen und dann wieder abfallen.

Seniorautor Nori Jacoby vom MPIEA erklärt: „Wir stellten fest, dass Menschen ähnliche Vorlieben bei der Überlieferung von Musik haben, bedingt durch beispielsweise biologische oder kognitive Faktoren. Musikalische Elemente, die schwer zu singen oder zu behalten sind, wie große Tonhöhenintervalle oder unbekannte Melodien, hielten dem Übertragungsprozess seltener stand.“

Die Studie zeigte jedoch auch eindeutige kulturelle Unterschiede: So orientierten sich Teilnehmer:innen aus Nordamerika bei der Weitergabe der Melodien eher an kulturellen Konventionen westlicher Musik, wogegen indische Teilnehmer:innen gängige indische Skalen bevorzugten. Dies deutet darauf hin, dass auch die kulturelle Prägung ein wichtiger Faktor für die Entwicklung der Musik ist.

Darüber hinaus stellten die Wissenschaftler:innen fest, dass die kulturelle Überlieferung gemeinsame Vorlieben für Musik innerhalb einer Gruppe weiter verstärken kann – eine Erklärung dafür, warum sich bestimmte musikalische Strukturen schneller verbreiten und im Laufe der Zeit immer beliebter werden. Dies erklärt auch die beobachteten interkulturellen Unterschiede bei der Überlieferung von Musik innerhalb verschiedener Gruppen.

Insgesamt lassen diese Ergebnisse darauf schließen, dass biologische, kognitive und kulturelle Faktoren einen Engpass in der mündlichen Überlieferung von Musik darstellen. Möglicherweise haben ähnliche Beschränkungen auch bei der Entwicklung der Musik in der frühen Menschheit eine Rolle gespielt.

Die Resultate dieser Studie liefern somit neue Erkenntnisse hinsichtlich der Entstehung interkultureller Unterschiede und Gemeinsamkeiten bei der mündlichen Überlieferung von Musik. Darüber hinaus können sie auch auf andere Bereiche kultureller Überlieferung angewendet werden, wie beispielsweise die menschliche Sprache oder soziale Normen.

An der Stdudie war ein Forschungsteam des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik (MPIEA) in Frankfurt am Main, der University of Oxford und der University of Cambridge beteiligt.

Originalpublikation:
Anglada-Tort, M., Harrison, P. M. C., Lee, H., & Jacoby, N. (2023). Large-Scale Iterated Singing Experiments Reveal Oral Transmission Mechanisms Underlying Music Evolution. Current Biology. Online Advance Publication. https://doi.org/10.1016/j.cub.2023.02.070

Titelbild: (MPI für empirische Ästhetik / F. Bernoully) 

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Ingrid
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