Der Regisseur Paweł Pawlikowski begann seine Karriere als Dokumentarfilmer und wurde dafür mehrfach ausgezeichnet, bevor er sich mit LAST RESORT (2000) und MY SUMMER OF LOVE (2004) dem Spielfilm zuwandte. Sein neuer Kinofilm „Vaterland“, der heute in die deutschen Kinos kommt, trägt ebenso dokumentarische Züge. Er erzählt die Rückkehr des deutschen Schriftstellers Thomas Mann nach Deutschland, nachdem der 2. Weltkrieg beendet ist. Zuvor lebte er seit 1938 mit seiner Familie im Exil in den Vereinigten Staaten von Amerika und hat sich dort als politischer Mensch gezeigt. Für Thomas Mann ist Deutschland auch dort immer gegenwärtig. Mit Vorträgen wendet er sich an die Bürger seiner Exilheimat, mit Radiosendungen will er die Hörer in Deutschland erreichen.
Was bewog den Regisseur, darüber zu erzählen?
Pawlikowski war nicht nicht daran interessiert, einen biografischen Film über Thomas Manns Leben zu drehen. Inspiriert wurde er jedoch von einem bestimmten Moment – Manns Rückkehr nach Deutschland im Jahr 1949. Der Regisseur begann, dieses Ereignis neu zu interpretieren und schuf mit Unterstützung von Henk Handloegten eine sehr persönliche, aber weitgehend fiktive Geschichte.
In einem schwarzen Buick geht die Fahrt von Frankfurt nach Weimar. Er wird, anders als tatsächlich geschehen, von seiner Tochter Erika begleitet. Historisch ist es seine Ehefrau, die nach dieser langen Zeit in den USA mit ihm nach Deutschland reist.

Da Erika jedoch einst Ralleyfahrerin war, ist es für den Regisseur naheliegend, der den Film auch als ein Roadmovie bezeichnet, Erika Thomas Mann in diesem Auto durch das Land fahren zu lassen. Sandra Hüller musste lernen, wie man mit solch einem besonderen Fahrzeug umgeht.
Deutschland ist nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in zwei getrennte Staaten geteilt, mit zwei grundverschiedenen Ideologien. Und beide Staaten sind daran interessiert, den großen deutschen Literaten für sich einzunehmen. In Frankfurt hält Thomas Mann einen Vortrag und stellt sich Journalisten. Diese hinterfragen teilweise sehr kritisch, warum er jetzt nach Deutschland zurückkehrt. Warum er nicht einfach geblieben ist? Anlass ist für Thomas Mann der 200. Geburtstag Goethes, darum auch die ausgewählten Städte Frankfurt und Weimar. In Weimar erhält er die Goethe-Medaille.
Ein tragisches Ereignis überschattet die Reise. Der Sohn Klaus, der eine enge Beziehung zu Erika hat und eigentlich zur Reise hinzukommen wollte, nimmt sich das Leben.

Wie bei seinen früheren Filmen wollte Paweł Pawlikowski die Geschichte seiner Figuren vor dem Hintergrund politischer Umbrüche erzählen, ohne jedoch das Gefühl zu haben, die Geschichte erklären zu müssen: „Ich glaube nicht, dass man Geschichte im Film erklären kann. (….) Für mich wird Geschichte erst dann lebendig, wenn sie anhand konkreter Figuren, Beziehungen und Situationen dargestellt wird, und diese sind immer komplex, oft auch paradox“.
Der ganz in Schwarz-Weiß gedrehte Film zeigt ausgebombte und zerstörte Städte, und während der Festlichkeiten in Frankfurt ist die verblichene Opulenz des Naziregimes inklusive seiner Musik aus der Zeit zu hören. Ein fiktives Treffen Erikas mit ihrem ehemaligen Ehemann Gustav Gründgens, bei dem sich Erika sehr entschieden gegen dessen Meinung zur Vergangenheit stellt, macht deutlich, dass sie nichts für das Nazi-Deutschland übrig hatte.
Die letzte Reise durch sein Heimatland bietet für Thomas Mann, der es in Trümmern liegend vorfindet, gleichsam eine Basis für eine Reflexion auf sein Familienleben, das selbst in der scheinbar nahen Beziehung zwischen Tochter und Vater Brüche zeigt.
Der Film ist ein sorgfältig produziertes Stück Erinnerung an eine Zeit, die viele von uns nicht erlebt haben. Deren Spuren aber bis heute nachwirken. Wie ein Dokumentarfilm zeigt er Düsternis und das Fehlen von Aufbruchstimmung, das Festhalten an Traditionen wie in Weimar, das nur das Gewesene austauschen wollen zugunsten einer neuen Ideologie. Deutlich durch den Auftritt eines russischen Männerchors, der extra zu Ehren Manns engagiert wurde.
Für viele ist Deutschland keine Heimat mehr, und für Thomas Mann, der sich als letzter Vertreter des Großbürgertums sieht und sich aus Deutschland zurückgezogen hat, ebenfalls nicht.
Vaterlan ist ein großartiger Film, der insbesondere durch die brillante schauspielerische Leistung Sandra Hüllers und Hanns Zischlers sehenswert ist.
Spielfilm, Deutschland, Polen, Italien, Frankreich, 82 Minuten
KINOSTART: 03.09.2026 im Filmverleih Neue Visionen
Titelbild: © Agata Grzybowska







