THE KING’S LAND von Nicolaj Arcel

Der Film THE KING’S LAND spielt im Dänemark des 18. Jahrhunderts, als die Agrarreformen die starren sozialen Hierarchien des Feudalismus allmählich aufbrachen. Noch schwelgt der Adel in Luxus, das einfache Volk fristet vielfach ein Dasein als Leibeigene.

Mads Mikkelsen ist Ludvig Kahlen, ein ehemaliger, aus bescheidenen Verhältnissen stammender Kriegsveteran, der es in der preußischen Armee zum Leutnant gebracht hat und jetzt nach Dänemark zurückkehrt. Er träumt davon, ein Stück Land in der jütländischen „Heide“ urbar zu machen, um die damals in Dänemark noch unbekannte Kartoffel anzubauen. Der karge Landstrich gilt seit jeher als unbezähmbar. Im Gegenzug erhofft sich Kahlen einen Adelstitel. Der königliche Hof, der ihn für einen Emporkömmling hält, ist zunächst dagegen. Doch der König möchte das Land unbedingt besiedeln, um mehr Steuern erheben zu können. Kahlen erhält deshalb von den zynischen Ministern schließlich die Erlaubnis, die Heide zu bewirtschaften unter der Bedingung, dass er das Projekt mit seiner mageren Armeepension finanziert. So können sie dem König versichern, dass sein Land bewirtschaftet wird, obwohl sie insgeheim überzeugt sind, dass Kahlen scheitern wird.

Im Auftrag des Königs: Trotz aller Zweifel am Hofe erhält der einstige Soldat Ludvig Kahlen (Mads Mikkelsen) das Einverständnis des Königs, das raue Brachland Jütlands zu kultivieren. © Henrik Ohsten – Zentropa

Der Heideboden ist so hart, dass Kahlen ihn mit seinen primitiven Werkzeugen kaum aufbrechen kann. Ein Pastor, der sein Vorhaben unterstützt, bietet ihm Hilfe an. Johannes und Ann Barbara, ein junges Ehepaar, sind auf der Flucht vor ihrem Dienstherrn, dem Adeligen Frederik de Schinkel. Kahlen nimmt die beiden nur zögernd auf. Schinkels Leute werden, so befürchtet er, nach den beiden suchen.

Der harte Erdboden ist beileibe nicht Kahlens einziger Widersacher. Schinkel will ihn von dem Land vertreiben, das er als das seinige reklamiert. Auf den ersten Blick wirkt der Adelige läppisch und albern, doch schon bald wird er sich als widerliches, sadistisches Scheusal entpuppen, das Kahlens Vorhaben mit allen Mitteln zum Scheitern bringen will.  

Geld, Intrigen und Gewalt: Der skrupellose Gutsherr Frederik De Schinkel (Simon Bennebjerg) greift zu allen Mitteln, um Ludvig Kahlen zu beseitigen. © Henrik Ohsten – Zentropa

Zudem muss sich Kahlen auch mit umherstreifenden Banden auseinandersetzen, die im nahe gelegenen Wald hausen und ihm das Leben schwer machen. Hinzu kommt zu allem Überfluss ein entlaufenes, rauflustiges Roma-Mädchen (Melina Hagsberg), das vor seiner Haustür auftaucht und sich wie eine Klette an ihn hängt. Auch dass der an weiblicher Gesellschaft nicht gewöhnte, wortkarge Soldat zum Objekt der Begierde in einer Dreiecksbeziehung mit Schinkels hochgeborener schöner Cousine (Kristine Kuthath Thorp) wird, macht die Situation nicht einfacher. Schon bald eskaliert der schwelende Konflikt und entwickelt sich zu einer blutigen Auseinandersetzung mit überraschendem Ausgang.

Eine gefährliche Romanze: Edel Helene (Kristine Kujath Thorp), die schöne Verlobte des Gutsherrn, entdeckt bei Ludvig Kahlen (Mads Mikkelsen) ihre Leidenschaft. © Henrik Ohsten – Zentropa

Der Film THE KING’S LAND basiert auf der Vorlage des Romans „Kaptainen og Ann Barabara“ von Ida Jessen und erzählt die stark fiktionalisierte reale Geschichte eines der ersten Landwirte Westjütlands.

Rasmus Videbæks malerische Kameraarbeit fängt die Landschaft in grandiosen Bildern ein und macht aus der windgepeitschten Heide ein Terrain für Bastarde, Narren, dekadente Aristokraten und Verrückte. Das Innere von Schinkels prächtigem Anwesen wird nachts von Hunderten von Kerzen beleuchtet, ein Effekt, der an Kubricks legendären „Barry Lyndon“ erinnert. Kostüme und Produktionsdesign sind unaufdringlich und wirken sehr lebendig.

Die moralischen Schattierungen des Films sind bei weitem nicht so subtil wie Mikkelsens exzellentes Schauspiel. Zunächst hochmütig gegenüber Johannes und Ann Barbara und geradezu gemein gegenüber dem Kind, deutet Mikkelsen Abgründe an, die Kahlen zu verbergen sucht. Worin besteht der Schmerz dieses kantigen, rätselhaften Mannes? Manchmal zeigen sich in seinen Augen und Mundwinkeln winzige Anzeichen menschlicher Emotionen, die ihn weich erscheinen lassen und auf eine Veränderung hindeuten. 

Auch Amanda Collin spielt ihre Rolle als Kahlens kühle Haushälterin, die ihren Arbeitgeber allmählich aufzutauen vermag, brillant und sorgt für einige Überraschungen.  

Schinkel, der von Simon Bennebjerg als höhnisch grinsender Degenerierter dargestellt wird, vergewaltigt regelmäßig die weiblichen Bediensteten seines Schlosses, wehrt sich gegen eine von ihnen und lässt schließlich einen unzufriedenen Arbeiter zu Tode kochen, während ein Kinderchor dramatische Barockgesänge anstimmt. Der unstillbare Hunger Schinkels nach Süßigkeiten und seine ungehemmte Wollust zeigen indessen allmählich, dass er die Kontrolle über sich und sein Schicksal verloren hat.

Historiendramen wie THE KING’S LAND sind leider rar geworden. Manche ZuschauerInnen werden mit dem Film vielleicht nicht zurechtkommen, aber aus Gründen, aus denen ihnen die anderen lieben. Er ist bildgewaltig, mäandernd gemächlich zwischen seinen Handlungssträngen und hat es nicht eilig, Dramatik zu liefern. Aber er ist auch ein Film voller Emotionen und wird von einem wirklich beeindruckenden Mikkelsen getragen.

Titelbild: © Henrik Ohsten – Zentropa

Hans Kaltwasser
Hans Kaltwasser
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