Singen aus Liebe? Evolution oder Kultur?

James Blake singt einen häufig gecoverten Song und beweist damit nochmals, dass er Songs anderer zu seinen eigenen machen kann. „The First Time Ever I Saw Your Face“ performte er in der Tonight Show Starring Jimmy Fallon.

https://youtu.be/HdcEGjDcWrM

Eine Coverversion, die unter die Haut geht, und das Thema ist Liebe. Das wirft die Frage auf, welche Bedeutung die Ergebnisse einer Studie haben, die gerade im „Journal Behavioral and Brain Sciences“ erschienen ist. Denn diese behauptet, Liebe ist nicht der Grund, warum wir singen oder Musik komponiert wird. Zumindest äußern die Wissenschaftler in ihrer neuen Evolutionstheorie Zweifel darüber, ob Liebe als Ursprung herhalten kann.

Die Forscher stellen auch andere Theorien über den Ursprung der Musik in Frage, darunter die, dass das Musizieren aus einem Bedürfnis nach sozialer Bindung heraus entstanden ist. Die Theorie der sexuellen Selektion ist jedoch vielleicht die am weitesten verbreitete Theorie. Sie geht auf Charles Darwin zurück. Er glaubte, Musik sollte ähnlich wie Vogelgesang mögliche PartnerInnen anziehen.

Doch wenn die Theorie der sexuellen Selektion zuträfe, müssten Männer überlegene musikalische Fähigkeiten und Frauen hochselektive Hörfähigkeiten entwickelt haben, so die Wissenschaftler. Aus einfachen Beobachtungen und wissenschaftlichen Experimenten geht jedoch hervor, dass beide Geschlechter in jedem Bereich ein ähnliches Begabungsniveau aufweisen.

Theorie der sozialen Bindung

Auch diese findet vor den Augen der Forscher wenig Gnade. Sie stellen fest, dass es viel effizientere Möglichkeiten für Gruppen gibt sich zu binden, als den zeitaufwändigen Prozess des Musizierens. So seien Gespräche und gemeinsames Essen effektiver. Die Theorie berücksichtige auch nicht, dass Musik oft für andere aufgeführt wird, die an der Entstehung der Musik nicht beteiligt sind.

Wer soll zuhören?

Das Publikum ist der Schlüssel, sagen die Autoren, um den Nutzen von Musik zu verstehen. Tiere verwenden oft Vokalisationen, um ihr Territorium zu signalisieren, andere vor Eindringlingen zu warnen und abzuschrecken. Und es gibt Hinweise darauf, dass dies auch eine zentrale Funktion der menschlichen Musik ist. Sie soll helfen Allianzen zu bilden. Aufwändige musikalische Darbietungen von Kriegstänzen bis hin zu Militärkapellen und sogar College-Marschkapellen werden oft dazu benutzt, die Stärke einer Koalition zu zeigen und Außenstehende zu beeindrucken.

Menschliche Babys werden hilflos geboren und benötigen jede Art von Hilfe der Eltern. Die oder andere Betreuer brauchen eine zuverlässige Möglichkeit, dem Kleinkind zu signalisieren, dass sie sich kümmern. Durch die Stimme erhält das Kleinkind ein Signal, dass der Erwachsene auf seine Bedürfnisse achtet. Während Erwachsene sich dem Kind so mitteilen, können sie nicht gleichzeitig mit anderen Menschen sprechen. Sie richten ihre Aufmerksamkeit ganz auf das Kind. Und das Kind weiß, wo sich Mama oder Papa befinden.

Die Forscher sehen darin zwingende evolutionäre Gründe für die menschliche Entwicklung von Musik: Koalitionsbildung und Eltern-Kind- Beziehung. Und Musik ist universell; in jeder Kultur, die die Wissenschaftler studiert haben, konnten sie Musik finden. *


Heute gehört Musik selbstverständlich zu unserer Kultur und macht unser Leben einfach schöner. Und aus Liebe zu jemandem zu singen oder Musik zu machen sind höchst häufige Motive. Und Publikum dafür gibt es auch reichlich.

*Journal Reference:

Samuel A. Mehr, Max M. Krasnow, Gregory A. Bryant, Edward H. Hagen. Origins of music in credible signaling. Behavioral and Brain Sciences, 2020; 1 DOI: 10.1017/S0140525X20000345

Foto:Image by TeeFarm from Pixabay

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Ingrid
Kunst und Kultur, Musik und Bücher, ohne sie ist ein Leben denkbar, aber für mich sinnlos. Darum habe ich diesen Blog ins Leben gerufen. Es macht viel Spaß, ihn zu gestalten - ich hoffe, den Usern, ihn zu lesen. Nicht alles, was gedruckt wird, muss gelesen, nicht jedes Album gehört werden. Was die User hier finden, gefällt mir und den Gastautoren, die ab und zu Lust haben, etwas zu schreiben.
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