Seit wann gibt es Kriege?

Nicht erst seit dem gegenwärtigen verheerenden Einfluss von Kriegen auf das Leben zahlreicher Menschen wird die Frage nach den Ursprüngen von Krieg gestellt. Dabei stehen sich zwei einflussreiche Theorien gegenüber: Thomas Hobbes postulierte Gewalt als inhärenten Zustand des Menschen, wohingegen Jean-Jacques Rousseau die Frühphase gesellschaftlicher Entwicklung primär als friedlich interpretierte. Der Mensch sei von Natur aus gut.

Die Anthropologin Virginia Estabrook verglich das Ausmaß von Gewalt und tödlichen Verletzungen zwischen dem Mesolithikum (Mittelsteinzeit) und den früheren Epochen Mittel- und Jungpaläolithikum. Das Mesolithikum ist durch eine sesshaftere Lebensweise gekennzeichnet. Später, in der Jungsteinzeit, dem Neolithikum, waren Konflikte und Gewalt in den sesshaften Ackerbaugesellschaften Europas weit verbreitet.

Estabrook konnte nicht einfach Häufigkeiten von Traumata in Skelettfunden vergleichen, in älteren Epochen sind möglicherweise weniger Funde erhalten und verfügbar. Daher ordnete Estabrook die Verletzungen nach Schweregrad und verglich die Verteilung der Schweregrade zwischen den drei Zeitabschnitten.

So konnte sie untersuchen, ob Verletzungen in einer der Epochen schwerwiegender waren. Estabrook konnte zeigen, dass tödliche Verletzungen im Mesolithikum signifikant häufiger waren als in den früheren Epochen. Darüber hinaus verglich sie die Anteile von Verletzungen durch Projektile und Klingen mit denen durch stumpfe Gewalteinwirkung zwischen den drei Zeitabschnitten.

Neuhäuser (2025) führte eine neue statistische Analyse der von Estabrook gesammelten Daten durch. Dabei wurden moderne nicht-parametrische statistische Verfahren sowie Trendtests genutzt. Die Re-Analyse konnte den signifikanten Anstieg schwererer Verletzungen und tödlicher Traumata im Mesolithikum bestätigen. Dieser Effekt bleibt auch dann signifikant, wenn das Geschlecht mit im statistischen Modell berücksichtigt wird. Dies ist wichtig, da Männer im Allgemeinen die Hauptakteure in der Kriegsführung sind, auch wenn es archäologische Belege für Kriegerinnen gibt. Zudem konnte Neuhäuser zeigen, dass der Anteil von Projektil- und Klingenverletzungen mit der Zeit signifikant zunahm.

Der ausgewertete Datensatz ist klein, zudem verfügen die Epochen über unterschiedlich viele Funde. Diese Unterschiede in der Stichprobengröße sind aber nicht für die gefundenen Effekte verantwortlich, wie Neuhäuser mit Hilfe von zusätzlichen Simulationen zeigen konnte.

Die Re-Analyse bestätigt also nicht nur Estabrooks Ergebnisse, sondern liefert darüber hinaus deutlichere Resultate. Es gab signifikant mehr tödliche Gewalt und zudem höhere Anteile von Projektil- und Klingenverletzungen in späteren Zeiträumen.

Diese Ergebnisse sind zu erwarten, wenn kriegerische Auseinandersetzungen mit der Sesshaftigkeit im Mesolithikum aufgekommen sind. Davor hat es sicherlich auch individuelle Gewalttaten gegeben, aber Jäger und Sammler haben im Allgemeinen keine Kriege geführt. Es gab kaum Eigentum, keinen Landbesitz, und einem Konflikt konnte man durch Weiterziehen in andere Gebiete ausweichen, ohne den Tod auf dem Schlachtfeld zu riskieren. Zudem waren die Gesellschaften der Jäger und Sammler sehr egalitär, so dass es keine Anführer gab, die Untertanen in einen Krieg zwingen konnten. All das änderte sich mit der Sesshaftigkeit, der Einführung der Landwirtschaft und dem, was wir Zivilisation nennen.

Originalpublikation:

Neuhäuser, M. (2026). Violence and warfare in the European Mesolithic and Paleolithic: A re-analysis. Communications in Statistics: Case Studies, Data Analysis and Applications (published online ahead of print). https://doi.org/10.1080/23737484.2026.2632974

Ingrid
Ingrid

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