Rock-Archiv – John Lennon: IMAGINE

Heute vor 50 Jahren erschien IMAGINE. John Lennons berühmtestes Album ist nicht das, was es zu sein scheint. Sowohl bei seiner Veröffentlichung als auch unmittelbar nach Lennons Ermordung war es ein riesiger kommerzieller Erfolg. Kritikern gilt es vielfach als unvermeidliche Rückkehr des Stars zum konventionellen Pop nach der wilden Flut von Avantgarde-Experimenten, Protestsingles, intimen Urschreitherapiebekenntnissen und Live-Rave-Ups der Periode 1968-1970.

Doch jenseits des titelgebenden Tracks und der Beteiligung von Phil Spector und George Harrison ist IMAGINE eine seltsame, verworrene Sammlung eklektischer Pretiosen, die auf einzigartige Weise den wütenden politischen Aktivisten Lennon mit dem friedensbewegten Träumer und liebevollen, anbetenden Ehemann verbindet. 

Inmitten der Jams und dem cleveren Mix aus orchestralem Pomp und punkigen Lo-Fi des Co-Produzenten Spector wird das Interesse des Hörers an den zehn Songs des Albums unweigerlich vor allem auf fünf der bemerkenswertesten Lieder von Lennons Karriere gelenkt.

„Gimme Some Truth“ ist wohl einer der größten und gleichzeitig unterbewertetsten Protestsongs, die jemals aufgenommen wurden. Ein beeindruckendes Produkt der Spannung zwischen Lennons bissigem Zorn über die perfide Heuchelei der politischen Führer und der Schönheit Beatles-ähnlicher Melodien und Arrangements.

Der Song „How?“ ist sowohl schön als auch tiefgründig; eine ruhige, orchestrale Ballade, die die ewige Verwirrung des Menschseins mit bescheidener Anmut einfängt.

Für alle, die „Jealous Guy“ nur in der unsäglich verhunzten Version der britischen Artrock-Band Roxy Music kennen, wird das Original mit seiner mutigen und ungeschminkten Darstellung männlicher Bedürftigkeit und Unsicherheit eine berührende Offenbarung sein.

„How Do You Sleep?“ ist eine sarkastische Attacke auf den ehemaligen Freund und Ex-Kollegen Paul McCartney und noch heute ein bizarres Hörerlebnis. Ein Track, bei dem lässiger, lakonischer Blue-Eyed Soul mit prahlerischer Arroganz auf Lennons bösartige Indiskretionen trifft.

Und dann ist da natürlich noch „Imagine“. Für viele ist der Song eine der größten Hymne des 20. Jahrhunderts. Eine scheinbar einfache, dunkle, sehnsuchtsvolle, betörend-verstörende Melodie mit Anklängen an Beethovens Mondscheinsonate. Ein Song darüber, wie die Welt wohl wäre ohne all das, was die Menschen trennt: Besitz, Religion, nationale Grenzen. Lennon hat das Lied, das bis heute in den Bann zieht, an einem Frühjahrsvormittag 1971 in nur wenigen Stunden geschrieben.

Die restlichen Songs halten dieses Niveau nicht. „Crippled Inside“ und „I Don’t Wanna Be a Soldier Mama“ sind  schnörkellose,  unterhaltsame Roots-Rock-Jams, die als Protestsongs getarnt sind.  

„Oh My Love“ und „Oh Yoko!“ sind die ersten von vielen albernen Huldigungen an Lennons Ehefrau Yoko. Und „It’s So Hard“ ist eine von sexuellen Anspielungen durchsetzte Suche nach einer anständigen Melodie.

Dessen ungeachtet ist IMAGINE insgesamt ein Album mit abrupt wechselnden Stimmungen verbunden mit einem Sinn für Spaß und Unfug, der in Lennons Werk nie wieder auftauchen sollte. Genau diese Spontaneität und Freude sind es, die es bis heute zu Lennons populärstem Solo-Werk machen, wenn nicht sogar zu seinem Besten.

Standardbild
Hans Kaltwasser
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