Ramita Navais – Stadt der Lügen

Das Buch hat die Autorin Ramita Navai allen Freunden Teherans gewidmet. Teheran, die schillernde und faszinierende Stadt mit ihrer ganz eigenen und besonderen Geschichte und Hauptstadt eines Gottesstaats. Von Norden bis Süden durchzieht Teheran die legendäre Valiasr Straße, umsäumt von Platanen, ist sie der Inbegriff Teherans, der Ort, an dem die Iraner feiern oder protestieren. Der Norden ist reich, während im Süden die Armut deutliche Zeichen setzt.

Teheran, eine Stadt also voller Widersprüche, in der die Bewohner mit vielen Herausforderungen konfrontiert werden. Um zu überleben, müssen sie oftmals die Wahrheit bearbeiten oder schlicht lügen. Nicht nur mit Worten, sondern auch das Äußere ist häufig nur oberflächlicher Schein, denn unter dem Tschador tragen junge Frauen Jeans und Turnschuhe. Sie dürfen ihre „Kurven“ nicht zeigen, doch das Thema Sex ist allgegenwärtig. Da Sehnsüchte nicht immer erfüllt werden können, zieht es untreue Ehemänner nicht nach Mekka, sondern nach Thailand.

Die Autorin beschreibt in ihrem Buch verschiedene Einzelschicksale, denen Interviews zugrunde liegen: Amir hat schon als Kind seine Eltern verloren und steht Jahrzehnte später dem Richter gegenüber, der seine Eltern zum Tode durch den Strick verurteilt hat. Kann er diesem alten Mann, der jetzt um Vergebung bettelt, verzeihen?

Oder die schöne  Leyla,  die als Prostitutierte ihrem verbotenen Beruf nachgeht, schnell die mächtigsten Männer zu ihren Freiern zählen kann, aber ihrem schrecklichen Schicksal nicht entgeht. An einem sonnigen Frühlingstag wurde sie gehängt.

Farideh ist Witwe und lebt in einem angesehenen Viertel im Norden der Stadt. Zum Zeitvertreib nimmt sie an einem Bauchtanzworkshop teil. Doch schon bald bekommt die Sittenpolizei den tanzfreudigen Frauen auf die Spur – vielleicht ist es Denunziation – auf jeden Fall bedeutet es das Ende der Kurse, und Farideh fragt sich ein ums andere Mal, warum sie nicht nach London zu ihrer Freundin zieht, um dort den Rest ihres Lebens zu verbringen. Doch der Versuch scheitert, Farideh zieht zurück in ihre Heimat nach Teheran, in die Stadt, die die Menschen immer wieder zu einem abenteuerlichen Doppelleben mit Lügen zwingt und doch für viele faszinierende Heimat bleibt.

Ramita Navais „Stadt der Lügen“ liefert interessante und erschreckende Einblicke in das Leben der Bewohner Teherans. Zugleich ist das Buch das schillernde Porträt einer Stadt, die viele Putsche, Ungerechtigkeiten und Umwälzungen erlebt hat, Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen war und dennoch in ihren Grundfesten nicht erschüttert worden ist. Ein spannendes, aber auch erschütterndendes Werk, das den Schleier über Teheran lüftet.

Ramita Navai – Stadt der Lügen
Liebe, Sex und Tod in Teheran

Original: City of Lies

Aus dem Englischen von Yamin von Rauch

ISBN: 978-3-0369-5750-0
Verlag: Kein&Aber

Ramita Navai, geboren 1971, war von 2003 bis 2006 »Times«-Korrespondentin in Teheran, jener Stadt, aus der sie als Achtjährige mit ihren Eltern vor der Islamischen Revolution geflüchtet war. Während dieser Zeit entstanden die Interviews, die »Stadt der Lügen« zugrunde liegen. Das Buch hat den Royal Society of Literature Jerwood Award for Non-Fiction gewonnen und wurde bei den Political Book Awards 2015 ausgezeichnet. Für ihre Undercover-Reportage aus Syrien wurde Navai ein Emmy verliehen. Heute lebt die Autorin in London.

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Ingrid
Kunst und Kultur, Musik und Bücher, ohne sie ist ein Leben denkbar, aber für mich sinnlos. Darum habe ich diesen Blog ins Leben gerufen. Es macht viel Spaß, ihn zu gestalten - ich hoffe, den Usern, ihn zu lesen. Nicht alles, was gedruckt wird, muss gelesen, nicht jedes Album gehört werden. Was die User hier finden, gefällt mir und den Gastautoren, die ab und zu Lust haben, etwas zu schreiben.
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