Peter Gabriel mit neuem Album i/o

21 Jahre hat der britische Prog-Rock-Pionier Peter Gabriel seine Fans auf einen Nachfolger zu seinem Album „Up“ warten lassen. Das Warten hat ein Ende, denn heute ist sein neues Album i/o erschienen. Ganz neu sind die zwölf Songs, die es enthält, streng genommen nicht. Denn der Musiker hatte sie bereits in einem aufwendigen, einjährigen Roll-out vorgestellt. Seit Anfang dieses Jahres veröffentlichte der Brite immer, wenn es Vollmond war, einen Song als eine neue Single, deren Cover Art von prominenten Künstlern wie Nick Cave, Ai Weiwei und Cornelia Parker gestaltet wurde.

Die lange Wartezeit bis zur Fertigstellung des Albums war dabei nicht etwa dem Müßiggang des Musikers geschuldet, sondern dessen ausgeprägtem Hang zum Perfektionismus, der ihn die Songs immer wieder überarbeiten und schier endlos mit Arrangements, Melodien und Sounds experimentieren ließ.

Hat sich das Warten gelohnt? Mit 73 Jahren klingt Gabriels Stimme immer noch erstaunlich und hat nichts von ihrem üppigen, nuancierten Reichtum und ihrer Ausdruckskraft verloren. Unterstützt wird er nicht nur von seinen langjährigen musikalischen Kollaborateuren Tony Levin (Bass), David Rhodes (Gitarre), Manu Katché (Schlagzeug) und Brian Eno, sondern auch von diversen Multi-Instrumentalisten, einem Orchester und zwei Chören. Das Ergebnis ist ein stilistisch vielfältiges, beeindruckendes Alterswerk einer Rock-Ikone, das Episches mit Sinfonischem und leise lyrische Songs mit funkigen, groovigen meisterhaft zu einem wohlklingenden Ensemble verbindet.

Konzeptionell spannt das Album einen breiten Bogen von gesellschaftspolitischen und sozialkritischen Themen über existenzielle Reflexionen bis hin zu persönlichen, intimen Klageliedern.

Im titelgebenden Song „i/o“ – die Abkürzung steht für Input/Output – geht es um die pantheistische Vorstellung, dass alles mit allem zu einer unauflöslichen Einheit verbunden ist. Das hypnotische „Panopticum“, eine Kooperation mit Brian Eno, paraphrasiert die Idee des britischen Sozialphilosophen Jeremy Bentham eines totalitären staatlichen Überwachungsapparates, wobei  hier die Herr-Knecht-Dialektik umgekehrt wird und die Überwachten letztlich den Überwachenden kontrollieren. Der Song beginnt mit ruhigen, atmosphärischen Klängen, nimmt aber mit dem energiegeladenen Refrain Tempo und Intensität auf.  

In „The Court“ meditiert der Musiker sozialkritisch über die unsäglichen Mühlen der Bürokratie, während das von einer buddhistischen Ballade inspirierte „Four Kind of Horses“, vor religiösem Fanatismus und Terror warnt. Der atmosphärisch dichte Song ist eine Mischung aus Klängen im Stil von Depeche Mode, geisterhaften Chören und den wirbelnden Keyboards von Brian Eno.

Demgegenüber ist das Stück „Playing for Time“ eine erhabene, mit Jazzakkorden angereicherte Klavierballade, die sich mit der eigenen Sterblichkeit und unserem angeschlagenen blauen Planeten auseinandersetzt. „And so much“ ist ein Klagelied über den unvermeidlichen Verfall unseres zeitlich begrenzten Körpers. Und „And Still“, ein elegisches Stück mit Flöte und Cello, ist eine Hommage an Gabriels kürzlich verstorbene Mutter.

Gewiss, „i/o“ ist schwere Kost, deren 69 Minuten zum Nachdenken anregen. Das Album erscheint als Doppel-CD und Doppel-LP in zwei Abmischungen, die sich nur geringfügig voneinander unterscheiden. Außerdem gibt es in Blu-Ray den ‚Inside Mix‘ in Dolby Atmos, der insbesondere die Herzen Audiophiler höherschlagen lassen dürfte.  

Veröffentlichung: Freitag, 01. Dezember 2023 beim Label Virgin Music

Standardbild
Hans Kaltwasser
Artikel: 423

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