Die Fußball-Weltmeisterschaft startet heute, und mit ihr stehen internationale Profi-Fußballer und ihre Leistungen im Rampenlicht. Die Frage, welche Faktoren tatsächlich entscheidend sind, damit Fußballer eine erfolgreiche Karriere hinbekommen, hat Björn Bremermann, bislang Co-Trainer des Frauenteams von Werder Bremen und nun Chef-Coach der dortigen U-19-Mannschaft, umgetrieben. Er sorgt für einen wissenschaftlichen Blick auf den Profi-Fußball: An der Universität Vechta untersucht er im Rahmen seiner Doktorarbeit welche Rolle die Persönlichkeit von Fußballern für eine Profi-Karriere spielt.
Damit will er wissenschaftliche Erkenntnisse für die Entwicklung von Leistungs-Sportler*innen verfügbar machen. Welche Eigenschaften haben Profi-Spielern geholfen – oder auch Probleme bereitet? Und umgekehrt: Wie hat die Profikarriere sie als Menschen verändert?
Für seine Untersuchung hat er Spieler aus den Bundesligen bis rauf zur Nationalmannschaft und Champions League befragt. Warum er keine Frauen befragt hat, erklärt er im Interview mit WiN.
„Ein Nationalspieler hat mir über seinen Einsatz bei der WM 2006 berichtet. Er habe gegen Argentinien „einfach nur Fußball gespielt“, ohne sich Gedanken über die Bedeutung des Spiels zu machen. Diese Fähigkeit, Druck auszublenden, scheint einer der wichtigsten Faktoren zu sein.“
Björn Bremermann, Werder Bremen-Trainer & Doktorand, Universität Vechta
Herr Bremermann, man könnte denken, in Deutschland ist Fußball National-Sportart Nummer 1 – da weiß man langsam alles, was es zu wissen gibt. Haben Sie tatsächlich eine Wissenslücke im deutschen Fußball entdeckt?
Ja, zumindest eine Lücke, die aus meiner Sicht wissenschaftlich noch nicht ausreichend ausgeleuchtet ist. Im Fußball hält sich das Narrativ, dass „Charakter“ oder „Mentalität“ einen riesigen Einfluss auf Karrieren haben.
Aber welche Rolle spielt Persönlichkeit tatsächlich für nachhaltige Karrieren im Profifußball? Und umgekehrt: Was hat die Profikarriere mit ihnen als Menschen gemacht? Genau dieses Zusammenspiel wollte ich wissenschaftlich besser verstehen.
Dazu habe ich Profis befragt, und da es sich um qualitative Interviews handelt und teilweise sehr persönliche Einblicke gegeben wurden, habe ich Vertraulichkeit zugesichert.
Was haben Sie in Ihrer Doktorarbeit bislang herausgefunden – können Sie sagen, welche Persönlichkeitsmerkmale eine entscheidende Rolle im Profifußball spielen?
Am Ende ist ein roter Faden erkennbar. Viele der interviewten Spieler haben beschrieben, dass im Profifußball extrem viele Akteure technisch und taktisch hervorragend ausgebildet sind. Der Unterschied entsteht aber häufig im Umgang mit enormem Druck.
Ein Nationalspieler hat mir beispielsweise über seinen Einsatz bei der WM 2006 in Deutschland berichtet. Er stand im legendären Viertelfinale gegen Argentinien auf dem Platz als die Mannschaft in dem k.o.-Spiel 0:1 hinten lag und das eigene Ausscheiden vor Augen hatte. Er habe in diesem Moment aber „einfach nur Fußball gespielt“, ohne sich permanent Gedanken über die Bedeutung des Spiels zu machen.
Genau diese Fähigkeit, Druck auszublenden oder mit ihm umgehen zu können, scheint auf absolutem Topniveau einer der wichtigsten Faktoren zu sein. Der Nationalspieler sprach selbst davon, dass du ohne diese Fähigkeit nicht auf dem höchsten Niveau spielen kannst, weil du dort immer mit der größtmöglichen Aufmerksamkeit und Erwartungshaltung konfrontiert wirst.
Auf der anderen Seite geht es weiterhin auch um fußballerische Qualitäten. Ein reines „Mentalitätsmonster“ wird es nicht in die Bundesliga schaffen.
Sind denn auch Merkmale erkennbar, die absolute Top-Spieler vom Rest unterscheiden? Wenn man sich Akteure wie Christiano Ronaldo anschaut, ist es vielleicht ein unerschütterliches Selbstbewusstsein?
Man könnte annehmen, dass alle Spieler über ein stabiles Selbstbewusstsein verfügen. Das kann ich so aber nicht bestätigen. Du tust dir damit keinen Gefallen, nach zwei guten Spielen die Erwartungshaltung zu entwickeln, dass es nun immer so weiter geht. Und genauso bist du nach zwei schlechten Spielen auch nicht gleich unfähig auf diesem Level zu spielen. Viele Spieler berichten, dass es wichtig ist, sowohl Misserfolge als auch Erfolge gesund einordnen zu können.
Es gibt ganz oben aber offenbar schon so etwas wie eine besondere Ambition, erfolgreich zu sein. Ein Spieler, der bei Bayern München gespielt hat, sagte mir, das Kabinenleben sei anders. Jeder wollte sich immer verbessern – in jedem Training, in jedem Spiel gewinnen.
Dieser unabdingbare Wille, sich zu verbessern und zu gewinnen, war ein anderer als in Mannschaften, die nicht im Topregal sind. Die Spitzenspieler gingen mit der Haltung ins Spiel: Wir gewinnen heute. Egal gegen wen.
Am Ende geht es auch darum, wie Ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse in der Praxis ankommen werden. Sie waren selbst Trainer bei Werders Frauen-Team und wechseln nun zur U-19. Wie kann ein Trainer mit Ihrem Wissen konkret umgehen?
Ein zentraler Punkt ist für mich, Spieler stärker als individuelle Menschen wahrzunehmen. Im Fußball wird oft noch sehr kollektiv gedacht – große Kabinenansprache, gleiche Ansprache für alle. Die Interviews haben aber gezeigt, dass Spieler sehr unterschiedlich auf Druck, Kritik oder Motivation reagieren.
Zu mir ist einmal eine Spielerin gekommen, die ihre Leistungsfähigkeit nicht abrufen konnte. Sie fühlte sich schwer belastet. Im Einzelgespräch haben wir Gedankenmuster reflektiert und verändert. Das Feedback war, dass es für sie gut und spannend war.
Der eine Spieler braucht vielleicht eher Ruhe und Vertrauen, der andere klare Konfrontation oder emotionale Aktivierung. Gute Trainer schaffen es häufig, dafür ein Gespür zu entwickeln und unterschiedliche Zugänge zu einzelnen Spielern zu finden.
Und darüber hinaus bedarf es einen – gerade im Frauenfußball – sensiblen und somit bewussten Umgang. „Wie kommuniziert der Trainer mit mir? Nimmt er mich wahr? Spricht er auch außerhalb des Platzes mit mir?“ All das sind latente Interaktionen, die sich aber wiederum auf den Kopf und die Emotionen von Spielern und Spielerinnen auswirken.
Hier zeigt sich eine die sinnvolle Verzahnung von Praxis und Wissenschaft. Als Lehrer an sozial schwachen Schulen habe ich oftmals die Erfahrung gemacht, dass ich einen positiven Einfluss auf Kinder und Jugendliche nehmen konnte, weil ich eine gute und belastbare Beziehung zu ihnen aufbauen konnten. Sie haben glaube ich gespürt, dass mir ihre Entwicklung und ihre Zukunft wichtig waren.
Persönlichkeitsveränderung ist punktuell möglich. Aus der Wissenschaft weißt du, dass sich dein Gehirn dann nachhaltig verändern kann, wenn es emotional wird und Teile des limbischen Systems anspricht. Man spricht hier von Neuroplastizität, also der neuronalen Veränderung im Gehirn.
Dann haben Sie aber auch die andere Richtung betrachtet: Wie sich die Eigenschaften von Spielern durch die Karriere verändern. Welche Ergebnisse haben Sie dazu gewonnen?
Auch hier bleiben wir beim emotionalen Lernen. Besonders prägend war es beispielsweise dann, wenn Krisen in Karrieren aufgetreten sind oder man sich Dinge von inspirierenden Mitspielern abgeschaut wurden.
Ich hatte beispielsweise einen Spieler, der ein extremes Talent in der Jugend war und nicht mehr als das Nötigste machen musste. Als er in eine Profikabine kam und da auf einen Spieler getroffen ist, der Mitte 30 war und mehrfache internationale Titel gewonnen hat, hat er sich seine Routinen abgeschaut und somit seine Arbeitsethik verändert: Vor dem Training war er öfter im Kraftraum, nach dem Training ging es in die Sauna, oder zur Massage.
Tatsächlich haben Sie ausschließlich männliche Spieler für Ihre Untersuchung befragt. Sie selbst waren Co-Trainer der Frauen-Mannschaft bei Werder Bremen – an fehlender Wertschätzung wird das also kaum liegen. Wie kommt es, dass Sie keine Frauen befragt haben?
Für die Untersuchung war es wichtig, möglichst vergleichbare Karrierebedingungen zu betrachten. Der Männer-Profifußball verfügt aktuell über andere strukturelle Rahmenbedingungen – etwa hinsichtlich medialen Drucks, wirtschaftlicher Dimensionen oder Konkurrenzsituation –, weshalb ich mich zunächst auf dieses Feld konzentriert habe.
Der Frauenfußball hat sich in den vergangenen Jahren rasant entwickelt und wird sich aus meiner Sicht auch weiterhin stark entwickeln. In meiner Arbeit habe ich allerdings auch ehemalige Spieler für ihren Rückblick auf ihre Karriere interviewt. Und gerade Im Frauenfußball wären die Rahmenbedingungen teilweise sehr unterschiedlich gewesen. Heute würde die Stichprobe anders aussehen.
Mal eine nicht-wissenschaftliche Frage nach Ihrer Meinung: Glauben Sie denn, dass Ihre Erkenntnisse auch auf weibliche Spielerinnen übertragbar sind?
Ich glaube, dass es sehr ähnlich ist und auch auf andere Bereiche wie Schule, Universität, Wirtschaft übertragbar. Nicht immer der intellektuell stärkste Schüler ist derjenige, der einmal ist, sondern der fleißigste, der sich von einer schlechten Note nicht beirren lässt. In der Wirtschaft: Manche sind nicht die besten, aber arbeiten über Jahre fleißig weiter und kommen eines Tages nach oben, weil sie eine andere Persönlichkeitsstruktur mitbringen.
Herr Bremermann, vielen Dank – und viel Erfolg mit all Ihren Persönlichkeiten auf dem Platz!
Titelbild: Trainer und Doktorand Bremermann beim Training mit Werder Bremen-Spielerinnen
Source: Hubert Hill – Copyright: Universität Vechta
Quelle: idw-online.de







