Patrick Zachmann. Voyages de mémoire

Der französische Fotograf Patrick Zachmann ist seit 1985 Mitglied der berühmten Fotoagentur Magnum. In den späten 1970er-Jahren bis Anfang der 1990er-Jahre recherchierte er über das Leben von Juden in Frankreich und war selbst auf der Suche nach der eigenen Identität. Von Paris bis Marseille, von streng orthodox bis nichtreligiös, von den Textilgroßhändlern im Pariser Sentier-Viertel bis zum letzten Schriftsetzer der kommunistischen Tageszeitung Naye Prese in jiddischer Sprache, fing er die unterschiedlichen Facetten des französischen Judentums ein, dies vor dem Hintergrund der antisemitischen Anschläge, die nach dem Zweiten Weltkrieg erstmals wieder in den 1980er-Jahren einsetzten.

Parallel führten ihn zahlreiche Reportagen außerhalb Frankreichs, so nach Südafrika, als Nelson Mandela freigelassen wurde; nach Chile, wo er die ehemaligen Lager für politische Gefangene aufspürte; nach Ruanda, wo er sechs Jahre nach dem Völkermord an den Tutsi Überlebende porträtierte. Im selben Jahr reiste er nach Auschwitz-Birkenau, wo seine Großeltern väterlicherseits ermordet wurden: Die staatenlosen polnischen Juden waren nach dem Ersten Weltkrieg nach Frankreich emigriert und 1942 verhaftet und deportiert worden.

Gleichsam als Kontrapunkt dazu reiste er in den 2010er-Jahren wieder nach Polen und in die Ukraine, wo er die fröhlichen chassidischen Wallfahrten und andere „aus der Zeit gefallenen“ Rituale dokumentierte.

Schließlich unternahm er eine „Reise in umgekehrte Richtung“ nach Algerien und Ostmarokko, wo seine Mutter herstammt, zu den Spuren des nordafrikanischen Judentums, das seit Menschengedenken im Maghreb beheimatet war und heute nurmehr eine „verschwundene Welt“ ist, genauso wie das Jiddischland seiner Familie väterlicherseits. Sein Weg kreuzte dann das Schicksal von Migranten, die das Mittelmeer überqueren, und es entstand darüber der Film Mare Mater.

Die Ausstellung zeigt rund 200 Fotografien, darunter zahlreiche unveröffentlichte Bilder, vom Ende der 1970er-Jahre bis 2015, die der Fotograf mit Kommentaren versehen hat, sowie den Film La Mémoire de mon père. Die Ausstellung offenbart einen humanistischen Blick und wirft universelle Fragen von Exil, Verschwinden und Vergessen auf. Eine ausducksvolle Foto- und Erinnerungsreise.


Patrick Zachmann. Voyages de mémoire.

vom 26.05.-20.08.2023 im Kunstfoyer der Versicherungskammer Kulturstiftung München

Titelfoto: Nelson Mandela (c) Patrick Zachmann

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Ingrid
Kunst und Kultur, Musik und Bücher, ohne sie ist ein Leben denkbar, aber für mich sinnlos. Darum habe ich diesen Blog ins Leben gerufen. Es macht viel Spaß, ihn zu gestalten - ich hoffe, den Usern, ihn zu lesen. Nicht alles, was gedruckt wird, muss gelesen, nicht jedes Album gehört werden. Was die User hier finden, gefällt mir und den Gastautoren, die ab und zu Lust haben, etwas zu schreiben.
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