Otis Redding Sings Soul

Als Otis Redding am 8. Juli 1965 die Stax-Studios betrat, um sein drittes Album aufzunehmen, war er noch ein junger schwarzer Soulsänger, dessen Bekanntheit sich in Grenzen hielt. Zwei Tage später hatte sich das Blatt gewendet. In nur 24 Stunden hatte der Mann aus Georgia zehn von elf Songs für sein Album „Otis Blue: Otis Redding Sings Soul“ aufgenommen, das heute unbestritten als das größte Soul-Album der 60ziger Jahre gilt. Trotz der großen Eile, mit der „Otis Blue“ produziert worden war, entstand ein Album auf allerhöchstem Niveau, das ohne die damals häufige musikalische Füllmasse auskam. Mit Tom Dowd war ein großartiger Toningenieur am Mischpult, der die Studiotechnik in den 60ziger Jahren nach vorne gebracht und mit vielen Musiklegenden wie Dizzy Gillespie, Miles Davis, Ray Charles und John Coltrane gearbeitet hatte. Unterstützt wurde Redding von der großartigen Houseband von Stax Records, zu der die Mitglieder von Booker T and the MG’s, Isaac Hayses an den Keyboards und natürlich die Stax-Bläser gehörten.

Und dann natürlich Redding selbst, der sich seines gesanglichen Talents zunehmend bewusst wurde und bereit war, in die Fußstapfen des kurz zuvor ermordeten Sam Cooke zu treten, des bis dahin größten Soulsängers Amerikas. Klar, „Otis Blue“ enthält auch Coverversionen von Cooke, den Temptations und den Rolling Stones. Doch das, was Redding in diesen Sessions anpackte, wurde zu ehrlichem, erdigem, atemlos treibenden oder gefühlvoll-sanften Soul, voller Wut, Trauer, Qualen, Freude und Stolz. Seine Version des Stones-Hits „Satisfaction“ ist kraftvoller, schweißtreibender als das Original und setzt mit seinen Bläserattacken Akzente, die Keith Richards anstelle seines verzerrten Gitarrenriffs vorgeschwebt hatten. Reddings Cover des Motown-Erfolgs „My Girl“ befreit die Melodie vom leicht klebrigen Schmelz des Originals der Temptations. Cover wie diese zeigten eindrucksvoll, dass Redding jedes Material zu seinem eigenen machen konnte.

Und auf „Otis Blue“ debütierte Redding als Songschreiber exzellenter Soulballaden wie „I’ve been loving you too long“, bei dem Reddings schmerzerfüllte, zärtliche und bettelnde Stimme gegen die Wut der fetzigen Bläserattacken ankämpft, und Songs wie „Respect“, den Aretha Franklin zwei Jahre später zum Welthit machen sollte.
Mancher mag bei so viel Lob vielleicht versucht sein, hier nach dem Haar in der Suppe zu suchen, doch Fehlanzeige. Der kraftvolle, erdige, raue Sound des Albums, die fetzigen Rhythmen der optimistischen Stücke, der Wehmut und Schmerz der Stimme Reddings machen „Otis Blue“ auch heute noch zu einem Meisterwerk.

Cover-Otis-Redding-Sings-Soul

Zum 50jährigen Jubiläum hat Rhino die ursprünglich 2008 erschienene und lange vergriffene 2-CD Collector’s Edition Deluxe-Ausgabe jetzt wieder herausgebracht, die Stereo- und Monofassungen von „Otis Blue: Otis Redding Sings Soul“ sowie bis dahin unveröffentlichte alternative Mixe und eine Auswahl von Reddings explosiven Live Alben „Live At the Whisky A Go Go“ und „Live in Europe“ enthält.

Standardbild
Hans Kaltwasser
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