NÜRNBERG – Filmdrama von James Vanderbilt

Nürnberg, 1945 – Eine schwarze Limousine bahnt sich vorsichtig einen Weg durch eine Menschenmenge, die größtenteils aus US-amerikanischen Soldaten besteht. Sie haben ihre Gewehre schussbereits, als plötzlich ein weißes Taschentuch aus dem Fenster des Wagens flattert. Im Kinodrama „Nürnberg“ hat sich der zweitmächtigste Mann des Naziregimes Reichsmarschall Hermann Göring den Siegermächten ergeben.

Hermann Göring (Russel Crowe) sitzt in der schwarzen Limousine Foto: (c) Kata Vermes

Aber wie sollte mit diesen Menschen umgegangen werden? Einfach erschießen ohne Prozess, wie Winston Churchill es wollte? Oder einen Schauprozess veranstalten, den Joseph Stalin favorisierte? Oder einen echten Prozess durchführen, für den der US-Präsident Harry S. Truman plädierte. Doch in den USA konnte er nicht stattfinden, er musste im Land der vielen Verbrechen, Angriffskriege und Völker- und Menschenrechtsverletzungen geschehen, auch aus juristischen Verfahrensgründen.

Nürnberg, die Stadt, die Symbol für den Aufstieg des Dritten Reiches, der Verkündigung der abscheulichen, menschenverletzenden Nürnbergergesetze im Jahre 1935 und ehemaligen NSDAP-Propaganda- Kulisse war. Hier, in den Ruinen einer vom Krieg gezeichneten Stadt, sollte ein internationales Tribunal über die Nazischergen und Mörder urteilen.

Im Eisenbahnabteil sitzt der Militärpsychiater Dr. Douglas M. Kelley und auch er hat das Reiseziel Nürnberg. Seine Expertise soll den Anklägern helfen, sich ein detailliertes Urteil über die Persönlichkeit des Hauptangeklagten Hermann Göring und den weiteren Angeklagten zu machen, um ihr Verständnis der Anklagepunkte, ihre emotionalen Reaktionen auf ihre Taten und ihre Fähigkeit zur Teilnahme am Gerichtsverfahren beurteilen zu können.

Der Film zeigt Kelley zumeist, wenn er eine Anzahl von Tests mit dem ehemalige Reichsmarschall Hermann Göring durchführt. Und eines ist ihm gleich bei der ersten Begegnung klar. Göring ist intelligent, charismatisch und von einer überbordenden Selbstsicherheit.

Russell Crowe in der herausfordernden Rolle des Hermann Göring und Rami Malek als Psychiater Kelley (c) Scott Garfield

Schließlich gelingen Kelley tiefere Einblicke in die Persönlichkeit Görings mit dem Ergebnis, dass dieser weder Schuldgefühle noch Reue empfindet und bei dem Mann, der für die „Endlösung des Judenproblems“ verantwortlich ist, eine narzisstische Persönlichkeit diagnostiziert sowie Opiatsucht.

Doch ein Psychopath ist weder er noch die anderen. Vielmehr kommt Kelley zu einer zutiefst beunruhigenden Schlussfolgerung: die Angeklagten waren normale Männer – schlau, ehrgeizig und vollkommen rational und unter bestimmten Umständen in der Lage, unaussprechliche Verbrechen zu begehen.

Während im Gerichtssaal die Verhandlungen beginnen, ist nicht sicher, ob die Notizen des Psychiaters ausreichen, den Reichsmarschall schnell zu „Fall“ zu bringen. Denn wenn Göring fällt, fallen auch alle anderen.

„Das Privileg, den ersten Prozess in der Menschheitsgeschichte wegen Verbrechen gegen den Weltfrieden zu eröffnen, bringt eine tiefgreifende Verantwortung mit sich. Die Vergehen, die wir hier verurteilen und bestrafen wollen, waren so kalkuliert, so bösartig und so verheerend, dass sie zu ignorieren von der Zivilisation nicht hingenommen werden kann, denn ihre Wiederholung würde das Ende der Menschheit bedeuten. Robert H. Jackson – Auszug aus der Eröffnungsrede bei den Nürnberger Prozessen 21. November 1945

Im Filmdrama „Nürnberg“ des Regisseurs James Vanderbilt, dessen Drehbuch auf dem Buch „Der Nazi und der Psychiater“ von Jack El-Hai basiert, liefern sich die Oscar®-Preisträger Russell Crowe in der herausfordernden Rolle des Hermann Göring und Rami Malek als Psychiater ein packendes psychologisches Duell.

Jedoch behandelt der Film zudem die Geschichte des Psychiaters Kelley, der ins Rampenlicht gerät und anfänglich annimmt, klassische psychiatrische Lehren aus den Erzählungen und Gesprächen mit den Angeklagten ableiten zu können. Erschrocken muss er jedoch feststellen, dass er sich geirrt hat. Deprimiert und frustriert kehrt er in die Vereinigten Staaten zurück. Während die Angeklagten auf ein gerechtes Urteil warten, ist Kelley noch nicht bekannt, dass sein Lebensende symbolisch das seines Patienten Hermann Göring reflektieren wird.

In der Rolle des Psychiaters brilliert der Schauspieler Rami Malek ebenbürtig mit Russell Crowe, der zweifelsfrei die charakterlichen Grundzüge Görings zum Ausdruck bringt.

„Nürnberg“ ist ein eindringlicher Politthriller, der versucht, das Phänomen der Unbegreiflichkeit zu erläutern, nämlich die Erkenntnis, dass Individuen zu den schrecklichsten Grausamkeiten befähigt sind, während andere diese tolerierten. Eine schwere Last, die bis heute daran arbeiten lässt, solche schrecklichen Missetaten zu bekämpfen und ihnen vorzubeugen. Schon allein deshalb ist der Film, der bis in die Nebenrollen mit renommierten Schauspielern besetzt ist, relevant, lehrreich und bis zum Ende faszinierend.

Regie: James Vanderbilt
Mit: Russell Crowe, Rami Malek, Leo Woodall, John Slattery, Mark O’Brien, Richard E. Grant, Michael Shannon, Colin Hanks, Andreas Pietschmann, Peter Jordan u.v.w.
Produktion: USA 2025
Lauflänge: 148 Minuten – FSK: ab 12 Jahren

Kinostart: 7. Mai 2026

Ttelbild: (C) Scott Garfield

Ingrid
Ingrid

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