Nonkeen „Oddments of the Gamble“

Bands pflegen gelegentlich einen romantischen Gründungsmythos, der die Musiker mit einer speziellen Aura umgibt. Der des Trios Nonkeen erzählt die Geschichte der Hamburger Schüler Nils Frahm und Fredric Gmeiner, die sich mit dem ostdeutschen Austauschschüler Sebastian Singwald anfreunden, der in den 1980er Jahren vorübergehend als Austauschschüler in ihre Klasse kommt. Alle drei Jungen verbindet ihre große Vorliebe für alte Kassettenmaschinen, mit denen sie unzählige Klänge und Töne aufzeichnen und teilen. Die Freundschaft der drei bleibt auch im getrennten Deutschland erhalten und mündet schließlich nach dem Fall der Mauer irgendwann ins Projekt Nonkeen.

Im Februar 2016 erschien das von der Kritik viel gelobte Debütalbum „The Gamble“, eine im Wesentlichen meditative, jazzorientierte Collage aus Geräuschen, arpeggierenden Klängen, Perkussionen und warmen, dicht gewebten atmosphärischen Synthie-Passagen. Nur ein knappes halbes Jahr später legten die Nonkeen unlängst mit „Oddments of the Gamble“ nach, bei dem es sich jedoch weniger um ein Nachfolgealbum und anders als der Titel suggeriert schon gar nicht um die Verwertung minderwertiger Reste handelt, sondern um die konsequente musikalische Fortsetzung des exzellenten Debüts. Kein Wunder. Denn die Stücke von den „Oddments“ sind bei denselben Aufnahmesessions entstanden, passten jedoch dann nicht mehr auf „The Gamble“. Glaubt man dem Pressetext, wurde schließlich per Münzwurf entschieden, welche Titel den Weg ins Debüt schaffen sollten.

Wie schon bei „The Gamble“ dominieren auch auf den „Oddments“ analoge Klangexperimente, bei denen die Band auf jene vor Jahrzehnten entstandenen Tonaufnahmen zurückgreift, und eine collageähnliche Mischung aus warmen, fließenden Keyboardklängen, massiven Drum-Attacken und verschiedenen Delay- Echoeffekten. Bisweilen erinnert das Album an die überbordenden Studioexperimente von Krautrockgruppen wie Can und die Postrockbands der 1990er Jahre, die diesen Spirit fortsetzten. Doch auch wenn „Oddments“ die gleiche musikalische DNA aufweist wie sein Vorgänger, sind seine Tracks doch um einiges härter, vielfältiger und, wie Stücke wie „Obviously Algebra“, „Kassettenkarussell“ und „The Journey of Hello Peter“ zeigen, auf wohltuende Weise chaotisch. Das Kernstück von „Oddments“ – der Track, der das Wesentliche der Musik des Trios am ehesten erfasst – ist vielleicht „Diving Platform“, ein Stück, das mit einem lässigen Basslauf und schimmernden Keyboards eröffnet, um dann zu einer sich hypnotisch wiederholenden Zwei-Akkord-Figur zu mutieren, die sehr schön mit einem frischen Ambient Sound kontrastiert.

Für ein Album, das ausschließlich aus Outtakes besteht, klingt „Oddments of the Gamble“ überraschend geschlossen und ausgefeilt. Viele dieser Songs hätten gewiss auch auf dem exzellenten Debütalbum der Band erscheinen können, hätte der Platz gereicht. Wer weiß, vielleicht haben die Nonkeen noch weiterere tolle Songs in der Pipeline, die sie uns Zuhörern stückweise austeilen, um uns so Einblicke in ihre wunderschöne Klangwelt gewähren. Die „Oddments“ machen auf alle Fälle Lust nach mehr.

Standardbild
Hans Kaltwasser
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