Musik, Klima und die Verhaltensökonomie

Wenn wir shoppen, in ein Konzert oder ins Kino gehen, müssen wir zuvor eine Entscheidung treffen. Wie fällt diese aus? Und folgt sie jeweils einem bestimmten Muster? Zählt hier das Modell des Homo öconomicus, der immer rational vorgeht? Es geht davon aus, dass der Homo oeconomicus seinen persönlichen Nutzen maximieren will. Aber gilt das auch bei Entscheidungen wie eine Konzertwahl oder welche Musik man hören will. Oder ob jemand gegen den Klimawandel aktiv wird oder nicht? Das Gestrüpp menschlicher Entscheidungsfindung ist dicht und manchmal unzugänglich. Es wird jedoch durch die neue Theorie der Verhaltensökonomie durchlässiger und verständlicher.

Kostenlos – ein Motiv um Musik zu hören?

Das neue Album kostenlos herunterladen oder so viel bezahlen, wie man möchte – mit dieser Entscheidung überraschte die Band Radiohead im Jahr 2007 ihre Fans. Es war ein Versuch, die von der Piraterie schwer angeschlagene Musikindustrie wiederzubeleben. Am Ende wurde das damals neue Album In Rainbows über zwei Millionen Mal heruntergeladen und die Band meldete einen Gewinn.

Wie bewerten wir, was wir mögen?

Wie lässt sich diese Großzügigkeit der Fans erklären? Eine mögliche Antwort ist, dass die Fans nicht immer das billigste Angebot wollen, sondern sich für die freundliche Geste der Band revanchieren möchten, indem sie etwas zurückgeben. Stellen Sie sich nun einen Musikhörer vor, der gebeten wird, eine Bewertung für einen Song abzugeben, den er gerade gehört hat. Wie könnte er dabei vorgehen? Der Hörer könnte bei seiner Bewertung mentale Abkürzungen, so genannte „Heuristiken“, verwenden. Hörer könnten ihre Bewertung darauf stützen, wie sie sich während des Liedes gefühlt haben oder wie vertraut es für sie klang oder ob ihnen vielleicht einfach der Titel gefallen hat.

Die Erklärungen für beide Beispiele lassen sich mit Hilfe der Verhaltensökonomie finden. Die Verhaltensökonomie ist ein Zweig der Wirtschaftswissenschaften, der die traditionellen Annahmen revidiert, dass Individuen vollkommen rational und rein eigennützig handeln und auf der Grundlage, der ihnen zur Verfügung stehenden Informationen optimale Entscheidungen treffen können.

Stattdessen geht die Verhaltensökonomie von einer realistischeren Sichtweise des menschlichen Verhaltens aus und bezieht Erkenntnisse aus verschiedenen Disziplinen wie der Psychologie und den Neurowissenschaften mit ein. Die Verhaltensökonomie wurde bereits erfolgreich auf eine Vielzahl von Bereichen angewandt, in denen es um Entscheidungen geht, vom Klimawandel bis zur Förderung einer gesunden Lebensweise. Sie besitzt auch das Potenzial, die großen Probleme der Musikindustrie anzugehen. Die Verhaltensökonomie kann auf vielfältige Weise zur Verbesserung der Entscheidungsfindung im Musikbereich eingesetzt werden.

„Choice overload“ führt zu negativen Auswirkungen

Die Nutzung von Musik-Streaming-Diensten bietet den Hörern zwar sofort eine vielfältige Auswahl an Liedern, aber genau das kann bei den Menschen zu einer kognitiven Verzerrung (bias) führen, die als choice overload bekannt ist. Eine zu große Auswahl kann sich negativ auf das Hörerlebnis auswirken, z. B. durch häufiges Wechseln der Lieder, die Wahl der ersten Musikvorschläge oder das Schließen der Musik-App insgesamt. Experimente haben gezeigt, dass die Einteilung der Musik in verschiedene Kategorien (z. B. Genre, Stimmung, Aktivität) diese negativen Auswirkungen verringern kann, insbesondere wenn die Musik-Apps auf den Nutzer zugeschnitten sind. Quelle: Max Planck Gesellschaft

Originalpublikation: Anglada-Tort, M., Masters, N., Steffens, J., North, A., & Müllensiefen, D. (2022). The Behavioural Economics of Music: Systematic Review and Future Directions. Quarterly Journal of Experimental Psychology. Advance online publication. https://doi.org/10.1177/17470218221113761

Fünf vor zwölf war gestern

Die menschliche Psyche strebt nach Gleichgewicht. Das bedeutet auch, sie will Bestehendes bewahren. Dabei wird vergessen, dass Veränderung das einzig stetige ist. Der gewohnte Zustand ist etwas sehr Vergängliches und lässt sich auf Dauer beim besten Willen nicht aufrechterhalten.
Der Grund für den Mangel an Veränderungsbereitschaft liegt in typischen kognitiven Irrtümern (bias), die als Status-quo-Verzerrung bezeichnet werden, so der Autor des Sachbuchs „Fünf vor zwölf war gestern“, Dr. Guido Wenski.

Menschen entscheiden sich bewusst oder unbewusst dagegen, in bestimmten Situationen zu handeln, weil sie den gegenwärtigen Zustand intuitiv besser finden als einen möglicherweise unklaren neuen Zustand.

Zitat aus dem Buch des Autors Dr. Guido Wenski

Zur Zeit findet die Weltnaturkonferenz in Kanada statt. Eine wichtiges Zusammentreffen der Staatengemeinschaft, um das Artensterben, das vielfach längst begonnen hat, zu stoppen. Auch hier haben sich Referenzpunkte verschoben, aber so langsam, dass wir lauernde Gefahren zunächst nicht wahrgenommen haben. Das Übersehen allmählicher negativer Veränderungen wird als Boiling Frog-Syndrom bezeichnet. Eine Metapher dafür, dass wir nicht auf Bedrohungen reagieren, die langsam vonstattengehen und nicht sogleich sicht- und fühlbar sind. Oder wenn der Kaufkraftverlust die Kapitalrücklagen auf dem Konto langsam, aber sicher reduziert.

Mit vielen Beispielen verdeutlicht der Autor in seinem Buch eindrucksvoll und schonungslos, wie bedrohlich sich solche Denkfehler auswirken und was wir dagegen tun können. Denn jeder einzelne von uns kann und sollte gegen die bedrohlichen Folgen solcher Denkfehler kämpfen.

Der Autor Dr. Guido Wenski machte sich nach langjähriger Tätigkeit in der Industrie als Verhandlungstrainer, Berater und Autor selbstständig. Im Verlag Springer Nature sind von ihm mehrere Bücher erschienen. Psychologische und verhaltensökonomische Erkenntnisse konnte er bereits als aktiver Verhandler für vorteilhafte Geschäftsabschlüsse nutzen.

Fünf vor zwölf war gestern

Autor Dr. Guido Wenski

ISBN 9789403674834
https://publish.bookmundo.de

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Ingrid
Kunst und Kultur, Musik und Bücher, ohne sie ist ein Leben denkbar, aber für mich sinnlos. Darum habe ich diesen Blog ins Leben gerufen. Es macht viel Spaß, ihn zu gestalten - ich hoffe, den Usern, ihn zu lesen. Nicht alles, was gedruckt wird, muss gelesen, nicht jedes Album gehört werden. Was die User hier finden, gefällt mir und den Gastautoren, die ab und zu Lust haben, etwas zu schreiben.
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