Muddy Gurdy – HOMECOMING

Muddy Gurdy ist ein 2012 gegründetes Blues-Trio aus Frankreich, bestehend aus den Musikern Marc Glomeau (Perkussion), Tia Gouttebel (Gitarre, Gesang) und Gilles Chabenat (Drehleier). HOMECOMING heißt ihr drittes soeben erschienenes Album.

Die Instrumentierung des Albums ist ebenso ungewöhnlich wie seine Entstehung. Aufgenommen wurde es nicht in einem klassischen Tonstudio, sondern an ungewöhnlichen Orten wie Scheunen und kleinen Kirchen in der Auvergne, in der Mitte Frankreichs, wo die Band zu Hause ist. Selbst in den Krater eines erloschenen Vulkans sollen die Musiker mitsamt ihren Instrumenten hinabgestiegen sein, um einen Titel aufzunehmen. Außerdem arbeitete die Band mit einigen Volksmusikern aus der Region zusammen wie dem Dudelsackspieler Louis Jacques und dem Mundharmonikaspieler Guillaume Vargoz, der sein Instrument auf eine völlig andere Art und Weise spielt, als man dies von afroamerikanischen Spielern wie zum Beispiel John Lee Hooker gewohnt ist.  

Das Album umfasst elf Titel, vier davon sind Eigenkompositionen, der Rest sind Coverversionen mehr oder minder bekannter Bluessongs. Die Musik der Band ist dabei von den vertrauten Merkmalen des Blues ziemlich weit entfernt, dennoch fängt sie die Traurigkeit, Dramatik und Tiefe des Genres kongenial ein: HOMECOMING – das ist kein amerikanischer Blues, sondern eher der persönliche, individualisierte Bluesstil Dreier höchst talentierter Musiker.

Maßgeblichen Anteil am Sound der Band hat vor allem Chabenats Drehleier, dem es gelingt, die hypnotische Essenz des Blues perfekt mit dem Klang seines Instruments zu verbinden, so als ob sein Instrument immer schon zum Blues gehört hätte. Dabei ist die „Vielle à roué“ ein traditionell europäisches Instrument, dessen Geschichte in der französischen Region um mehr als eintausend Jahre zurückreicht.

Bereits das Stück „Down in Mississippi“ des Bluesgitarristen J.B. Lenoir setzt mit dem klagenden, sich windenden Klang der Drehleier den Ton des Albums. Doch auch bei anderen Liedern dominiert Chabenats Instrument, so beim Song „You Gotta Move“, einem traditionellen Spiritual, das vor allem durch die Rolling Stones berühmt wurde.

Der Song beginnt mit Gouttebels rauem, nur von ihrer Slide-Gitarre begleiteten Singsang, bevor Glomeaus Schlagzeug einsetzt und dem Stück mit seinen spacigen Beats Schwung verleiht. Über all dem jammt dann Chabanets Drehleier, und es klingt, als ob drei verschiedene Bands übereinander spielen. Dennoch funktioniert der Song nicht nur, er ist brillant, erinnert weniger an eine Bluesband, sondern eher an Velvet Underground in ihrer besten Zeit.

Obwohl überwiegend auf Englisch gesungen wird, finden sich in den Texten auch ein paar Brocken Französisch. Wie in der Eigenkomposition „Land‘s  Song“, einem düster stampfenden Worksong mit einem Gastauftritt des Sängers Maxence Latrémoliere. Dessen schneidender, in Französisch gesungener Solopart mag den durchschnittlichen US-Farmern unverständlich sein, bringt aber dennoch die Stimmung treffend zum Ausdruck: Wut und Frustration der Bauern über die Unwägbarkeit des Wetters und damit die Ergiebigkeit der Ernte mischen sich mit der Ehrfurcht vor dem Land.

HOMECOMING ist ein ungewöhnlich starkes Album mit berühmten Blues-Songs, aber in wunderbaren Arrangements, die unsere Ohren noch nie zuvor so gehört haben. 

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Ingrid
Kunst und Kultur, Musik und Bücher, ohne sie ist ein Leben denkbar, aber für mich sinnlos. Darum habe ich diesen Blog ins Leben gerufen. Es macht viel Spaß, ihn zu gestalten - ich hoffe, den Usern, ihn zu lesen. Nicht alles, was gedruckt wird, muss gelesen, nicht jedes Album gehört werden. Was die User hier finden, gefällt mir und den Gastautoren, die ab und zu Lust haben, etwas zu schreiben.
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