Meisterhafter Komödiant: Jean-Baptiste Molière zum 400. Geburtstag

Die Theaterwelt feiert am 15. Januar den 400. Geburtstag von Jean-Baptiste Molière, eines französischen Dramatikers, Schauspielers, Theaterdirektors und Dichters, dessen bissigen Komödien für viele französische Schulkinder noch immer den Einstieg in die Welt des Theaters bilden. Molière verfasste eine Vielzahl von Theaterstücken, die die Jahrhunderte überdauert haben und zu Klassikern wurden. Manche nennen ihn auch den französischen Shakespeare. Mit dem großen englischen Dramatiker verbindet ihn, dass er der Kunstform der Komödie zu einem ebenbürtigen Stand neben der Tragödie verholfen hat. Aber auch, dass Zweifel an der Urheberschaft seiner Werke nie ganz ausgeräumt wurden. Dennoch ist der Name tief im Kulturbewusstsein der Franzosen verwurzelt, die ihre Sprache auch als „La Langue de Molière“ bezeichnen.

Wenig bekannter Star

Molières Komödien waren schon zu seinen Lebzeiten ein großer Erfolg. Am Hof des Königs von Frankreich, Ludwig XIV, des „Sonnenkönigs“ stieg er gar zu einem echten „Star“ auf. Und dennoch: Wer sich auf die Suche nach persönlichen Spuren im Leben Molières begibt, der mit bürgerlichem Namen Jean-Baptiste Poquelin hieß, findet nicht viel. Keine Tagebücher, keine Briefe, noch nicht einmal Notizen zu seinen Werken. Das einzige seiner vier Kinder, das bis zum Erwachsenenleben überlebte, verlor seine Manuskripte. Wir kennen weder den Ursprung seines Künstlernamens, den er spätestens seit dem Juni 1644 benutzte, noch sein genaues Geburtsdatum. Allerdings gibt es einen Taufschein vom 15. Januar 1622, der zwei Jahrhunderte später entdeckt wurde.

Unruhige Wanderjahre

Dem Vater bereitet Molière offenbar viel Kummer. Eigentlich soll der junge Jean-Baptiste das hoch angesehene und einträgliche Amt eines königlichen Raumausstatters und Dekorateurs vom Vater übernehmen. Doch Molière zeigt wenig Neigung zu einer bürgerlichen Karriere. Deshalb überträgt er das ungeliebte Amt auf seinen jüngeren Bruder. Mithilfe eines Vorschusses auf das mütterliche Erbe und gemeinsam mit seiner Geliebten, der vier Jahre älteren Madeleine Béjart, gründet er das L’Illustre Théâtre, eine Theatergruppe, die allerdings schon kurz darauf bankrottgeht. Molière wird in Schuldenhaft genommen, aus der ihn der Vater freikauft. Der Welt des Theaters kehrt er trotz des Misserfolges nicht den Rücken. Mit Madeleine Béjart schließt er sich der von einem französischen Aristokraten unterstützten Wanderbühne des Schauspielers Charles du Fresne an, deren Leitung er später übernimmt.

Am königlichen Hof

Nach dreizehn Lehr- und Wanderjahren und Erfolgen auf der Straße begegnet Jean-Baptiste Molière in Rouen dem jüngeren Bruder des Königs, der die Truppe nach Paris an den Hof holt. Hier gewinnt er die Gunst des erst 20-jährigen Ludwig XIV, der selbst ein Spötter Gefallen an den bissigen Komödien Molières findet und trotz ständiger Kämpfe mit Neidern und der Zensur seine schützende Hand über ihn hält. Auch bei dem aufstrebenden jungen Bürgertum erfreut sich der Dramatiker großer Popularität. Entgegen dem falschen Narrativ stirbt Molière am 17. Februar 1673 jedoch nicht auf der Bühne und ausgerechnet in der Rolle des hypochondrischen Argan, sondern kurz nach der Vorstellung zu Hause in der Rue de Richelieu.

Die Comédie-Française

Sieben Jahre nach seinem Tod gründet König Ludwig XIV. die Comédie-Française als Zusammenschluss der Truppe Molières mit einer anderen. Sie ist die älteste Theatergruppe der Welt, die unter dem Namen „La Maison de Molière“ bekannt ist und seit ihrer Gründung jedes Jahr seine Werke aufführt. Sie hat seinen Sitz seit 1799 in der Rue de Richelieu in der Nähe des Louvre und beschäftigt heute 400 Mitarbeiter, darunter 60 Schauspieler, und verfügt über eine Kostümabteilung mit 50.000 Ausstattungsteilen.

Jean-Baptiste MolièreSchöpfer unvergesslicher Charaktere

Molière schuf Figuren, deren Schwächen oft auf die Spitze getrieben werden, die uns dabei aber auch über unsere allgemeinen menschlichen Schwächen lachen lassen. Allen voran steht wohl der Tartuffe aus dem gleichnamigen Stück – ein schleimiger Betrüger, der sich als Priester verkleidet, um einen naiven, wohlhabenden Aristokraten zu überreden, ihm sein Vermögen und die Hand seiner Tochter zu geben, während er hinter seiner Frau her ist.

Zu den weiteren Schlüsselfiguren der Komödien Molières gehören der habgierige Familientyrann Harpagon aus „Der Geizige“, der seine Gesinde ermahnt, die Möbeln nicht zu sehr abzureiben aus Angst, sie könnten schneller verschleißen und jeden verdächtigt, seine Kassette mit Gold gestohlen zu haben, die er im Garten vergraben hat. Auch der Hypochonder Argan aus dem Stück „Der eingebildete Kranke“, mit dem Molière die Quacksalber in der Ärzteschaft auf die Schippe nimmt, die die Angst der Menschen vor dem Tode ausnutzen, gehört zu jenen überzeitlichen Charakteren.

Heuchlerisch, machtgierig und raffsüchtig, das sind die Männer, über die sich Molière in seinen Komödien lustig macht. Zudem haben sie wie in „Die Schule der Ehefrauen“ Angst, dass ihre Gattinnen fremdgehen könnten. Geradezu visionär erscheint im Vergleich hierzu die Gestaltung der weiblichen Charaktere, die ausgesprochen schlau, frei von Zwängen und souverän agieren. 

Außergewöhnliches Theaterprojekt zur Eröffnung des Jubiläumsjahres

Am 15. Januar wird mit zahlreichen Festakten, Veranstaltungen und Projekten in ganz Frankreich und Europa der überragenden kulturellen Leistung von Jean-Baptiste Molière gedacht. Die Comédie-Française eröffnet das Jubiläumsjahr mit einer außergewöhnlichen Neuinszenierung des „Tartuffe“, jenem Stück, das die katholische Kirche empörte und beinahe die Karriere Molières beendet hätte. Während die Urfassung 1664 die Zustimmung des Königs Ludwig XIV. erhielt, zog die bitterböse Satire den Zorn katholischer Eiferer auf sich. Damals konnte der Vorwurf der Pietätlosigkeit einen Dramatiker leicht auf den Scheiterhaufen bringen. Hier begnügte sich die Kirche mit einem Verbot. Molière schrieb das Stück deshalb um, um anzudeuten, dass sein Ziel nicht die Verunglimpfung der Religion oder die Verspottung der Gläubigen war, sondern die Heuchelei jener, die Tugend und Frömmigkeit nur vortäuschen.

Der Trick funktionierte. 1669 wurde eine neue, längere und zahmere Fassung des Stücks zugelassen, die bei seiner Premiere am Hof und im Bürgertum begeisterten Anklang fand. Molière muss nach Meinung der Romanistin Marine Souchier geahnt haben, dass sich mit seinem Stück, das über Nacht zum Kultobjekt geworden war, Geld verdienen ließ. Wohl deshalb ließ er die Eintrittspreise an der Theaterkasse erhöhen. Vier Jahrhunderte später wird die „Tartuffe“-Neuinszenierung des prominenten belgischen Regisseurs Ivon van Hove an der Comédie-Française, deren Premiere live in sieben Ländern übertragen wird, die Theaterkassen klingeln lassen: Denn ihr liegt eine mithilfe filigraner Methoden vollzogene Rekonstruktion zugrunde, die dem ursprünglichen, bitterbösen, schonungslosen Text ziemlich nahekommt und einmal mehr die große Modernität des Klassikers Molière deutlich macht.    

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Ingrid
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