Mary Gauthier – DARK ENOUGH TO SEE THE STARS

Auf dem Höhepunkt der Pandemie ähnelten die wöchentlichen Livestreams „Sundays with Mary“ der US Singer-Songwriterin Mary Gauthier einer quasi-kirchlichen Veranstaltung mit Beichten, Kontemplationen und einem willkommenen Geist der Gemeinsamkeit. Für Gläubige, die an der Macht der Lieder glaubten, waren die Veranstaltungen Balsam für die wunde Seele. Gauthiers neues Album DARK ENOUGH TO SEE THE STARS macht etwas Ähnliches, indem es Songs präsentiert, die während des Lockdown geschrieben wurden und in ihren Shows zu hören waren. Wie schon der Titel andeutet, siegt die Liebe letztlich über den Tod, wenn auch nicht ohne Kampf.

Gauthiers heisere Altstimme ist das ideale Instrument für ihre freimütigen, nachdenklichen Betrachtungen über Verlust, Heilung und die Notwendigkeit von Hoffnung. Ihre Stimme zittert, wackelt und gleitet, als wäre sie sich nie sicher, wo die nächste Note landen wird, aber sie ist immer an einem Ort, der überzeugt. Zu den gefühlvollen, intelligenten Arrangements tragen unter anderem der Keyboarder Danny Mitchell, die Geigerin Michele Gazich und die Sängerin und Gitarristin Jaimee Harris, Gauthiers Partnerin bei.

Die zehn wunderbaren Songs kreisen um Liebe und Verlust und zeigen, dass Momente des Schmerzes und der Dunkelheit einen Schimmer von Heilung und Licht in sich tragen. Wie man die Sterne nur in der Dunkelheit der Nacht sehen kann und nicht in der Helligkeit des Tages, wird die Liebe stärker, wenn das Herz durch einen Verlust zerbrochen ist, so die Botschaft Gauthiers.   

„Amsterdam“ evoziert, untermalt von Mitchells kaskadenartigen Klaviertönen, einen stimmungsvollen Liebesbrief an eine Stadt voller duftenden „Hyazinthen und Narzissen, Tulpen auf den Fensterbänken“ und eine wartende Geliebte.  

Der Titelsong „Dark Enough To See The Stars“ beginnt sparsam mit Gauthiers wehmütigem Gesang über ihrem virtuosen Fingerpicking. Die ersten Zeilen beschwören das schlimme Gefühl, nach dem Tod lieber Freunde allein und verlassen zu sein. Dann entfaltet Fats Kaplins Pedal Steel ätherische Klänge und macht zusammen mit Harris‘ Harmoniegesang den Song zu einer Hymne der Hoffnung.   

Zu den Höhepunkten des Albums gehören „Thank God for You“, das die heilende Wirkung der Liebe zelebriert, und „How Could You Be Gone“, ein bewegendes Stück über Leben und Tod.

Doch davon abgesehen gelingt es Gauthier vom ersten bis zum letzten Song meisterhaft, das Persönliche zu einer universellen Botschaft zu machen. In „Truckers and Troubadours“ stellt sie liebevoll eine Verbindung zwischen denjenigen her, die „nur auf der Durchreise“ sind, also auch zu uns allen.

Mary Gauthier
Dark Enough To See the Stars

VÖ: Freitag, 03. Juni 2022

Label: Thirty Tigers / M.A.R.S. Worldwide
Vertrieb: The Orchard 

Standardbild
Hans Kaltwasser
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