Marianne Faithfull with Warren Ellis: SHE WALKS IN BEAUTY

Böse Zungen könnten behaupten, dass schnöde Eitelkeit sie zu diesem Projekt getrieben hat: Marianne Faithfull rezitiert auf ihrem neuen Album SHE WALKS IN BEAUTY Gedichte der englischen Romantik über Tod, Vergänglichkeit und Sehnsucht , die ihr langjähriger Begleiter Warren Ellis mit minimalistischen Piano- und Synthie-Klängen musikalisch untermalt.

Tatsächlich zeigte sich ihre Leidenschaft für Lyrik allerdings schon früher, spätestens seit ihrem bahnbrechenden Comeback-Album „Broken English“ aus dem Jahre 1979. Das Werk enthielt auch den Bluesrock „Why’d Ya Do It?“, dessen Text der britische  Anarcho-Poet Heathcote Williams schrieb. Auf „My Secret Life“ ließ sie sich bei den Songs „Sleep“ und „The Wedding“ von dem  irischen Dichter Frank McGuinness inspirieren. 1998 brachte sie ihr Album „The Seven Deadly Sins“ mit den Songs von Berthold Brecht und Kurt Weill heraus. Und beim Titel ihres letzten Albums „Negative Capability“ bediente sie sich einer Wortschöpfung des englischen Dichters John Keats. 

Gedichte von Lord Byron, John Keats, Percy Bysshe Shelley, William Wordsworth …

SHE WALKS IN BEAUTY ist vielmehr ein künstlerisch ehrgeiziges Projekt wie auch eine Hommage an die Dichter der englischen Romantik, die die Grande Dame der Boheme bereits als Teenager liebte und die sie durch alle Höhen und Tiefen ihres wechselvollen Lebens als mächtige Talismane begleitet und getragen haben. Das Album enthält einige der schönsten Gedichte von Lord Byron, John Keats, Percy Bysshe Shelley, William Wordsworth, Thomas Hood und Alfred Lord Tennyson, die sie mit ihrer heiseren, abgekämpften Raspelstimme zu neuem Leben erweckt. Man kann ihre Erfahrungen in jedem Wort, das sie spricht, heraushören. Ihr Vortrag ist präzise und doch warmherzig, umarmt den Zuhörer wie einen alten, vertrauten Freund, den man eine Weile nicht gesehen hat.

Wie Faithfulls bewegenden Rezitationen, so unterstreichen auch die meditativen Kompositionen von Ellis mit Beiträgen von Nick Cave und Brian Eno die ungebrochene Modernität der Dichter, die die emotionale Wirkmacht der Gedichte unterstreichen. In Byrons „She Walks in Beauty“, dem titelgebenden Song, mit dem das Album eröffnet, schwebt Faithfull gleichsam auf einer zarten, mystischen Klanglandschaft aus Wellen, Vogelstimmen, Synthies, Loops, Straßengeräuschen, Klavier und Cello.

Wunderbar ist die Britin bei „The Bridge of Sighs“, einem ergreifenden Gedicht des Lyrikers Thomas Hood über eine obdachlose Frau, die sich von der Londoner Waterloo Bridge stürzt. Man spürt an der bebenden Stimme von Faithfull, dass die unglückselige Protagonistin für sie nicht nur eine bemitleidenswerte lyrische Figur ist, sondern eine vertraute Seelenverwandte, der sie sich aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen auf innigste verbunden fühlt.

In der 12. Strophe kotzt sie ihre Wut aus

„The bleak wind of March/Made her tremble and shiver;/But not the dark arch/Or the black flowing river/Mad from life’s history/Glad to death’s mystery/Swift to be hurl’d – Anywhere, Anywhere/Out of the world!“.

Nick Cave untermalt den verbalen Raptus mit einem minimalistischen Klavier. John Keats Ballade „La Belle Dame Sans Merci“, ein Märchen über eine Femme fatale, die einen Ritter mit einem Zaubertrank zu einem verhängnisvollen, horrorähnlichen Tagtraum verführt, untermalt Ellis mit gruseligen, irrlichternden Klängen.  

Wie das Lesen der Gedichte selbst ist SHE WALKS IN BEAUTY ein großartiges Album, das sich mit jedem Abspielen mehr und mehr lohnt, da die vielen nuancierten Feinheiten und der Subtext sich erst allmählich offenbaren und durch die unaufdringliche musikalische Begleitung erschließen. Die kompositorischen Interpunktionen von Ellis dienen dabei einem ähnlichen Zweck wie die melodischen Hooks in traditionellen Popsongs.

Leicht hätte SHE WALKS IN BEAUTY indessen als unvollendete letzte Aufnahme von Marianne Faithfull enden können. Zu Beginn des Projektes erkrankte sie schwer an Covid-19 und musste auf die Intensivstation. Aber mit der ihr eigenen hohen Resilienz ist sie erneut dem Tod von der Schüppe gesprungen, hat sich erholt und ist ins Studio zurückgekehrt, um die letzten Gedichte aufzunehmen.

Wie heißt es doch gleich bei Keats, den sie in „Ode to a Nightingale“ rezitiert: “Thou wast not born for death, immortal bird“ – „Du Vöglein wurdest nicht zum Tod geboren!“

www.mariannefaithfull.org.uk

Standardbild
Hans Kaltwasser
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