Live At Fabrik – JAZZ aus der Hamburger Fabrik

Der NDR setzt seine Serie der Veröffentlichung von Archivaufnahmen von Konzerten in der kultigen ehemaligen Maschinenfabrik in Hamburg Altona mit zwei großartigen CDs fort: PHARAOH SANDERS QUARTET LIVE AT FABRIK und BASIE ALL STARS LIVE AT FABRIK.

Der im September 2022 verstorbene Pharaoh Sanders gilt zusammen mit John Coltrane, in dessen Band er spielte, als Wegbereiter des Free Jazz. Die zwei Musiker, beide Tenorsaxofonisten, radikalisierten in den 1960er-Jahren ihren Sound mit langen, dissonanten Soli. Vor allem Sanders verblüffte sein Publikum mit der unverwechselbaren Klangsprache seines Instruments, die von einem heiseren Krächzen bis hin zu hartem Geschrei reichen konnte. Als Coltrane starb, entwickelte Sanders gemeinsam mit Alice Coltrane einen weniger rauen kosmischen Jazz. Mitte der 1970er-Jahre griff er zunehmend auf Material aus dem Great American Songbook zurück, das er verstärkt mit afrikanischen Elementen in seiner Musik anreicherte.

Live At Fabrik

Alle diese Phasen und Stadien seiner Karriere kommen auf Live At Fabrik zusammen, manchmal im selben Stück. Das Quartett, das er bei dem Hamburger Konzert anführt, besteht aus exzellenten Musikern. Am Klavier sitzt der einfühlsame Jazzpianist John Hicks, dessen rhythmischer Schwung Bands von Swing bis Avantgarde belebte. Idris Muhammad am Schlagzeug und Curtis Lundy am Bass sorgen für das rhythmische Fundament des Quartetts, das an diesem Abend in großartiger Form ist.

Vier der fünf Stücke sind Eigenkompositionen von Sanders, die von einem Cover ergänzt werden. Das Album beginnt mit Sanders‘ Allzeitklassiker „You’ve Got To Have Freedom“, das hier in einem achtzehnminütigen Workout dargeboten wird. Hicks schüttelt die Klavierlicks lässig aus seiner rechten Hand, während Sanders sich abrupt mit wütenden, kreischenden polytonalen Klängen einmischt, die später einer einfachen, sanfteren Melodielinie weichen. Lundys zupft oder streicht zu Beginn geräuschvoll die dicken Saiten seines Kontrabasses, nimmt sich aber im Laufe des Stücks zurück. Gegen Ende des anarchischen Titels brilliert Muhammad mit einem furiosen Schlagzeugsolo.

Es folgen „It’s Easy to Remember“, bei dem Lundy mit einem ruhigen und nachdenklichen Bass-Solo glänzt, und „Dr. Pit“ eine Hommage an Allen Pit, den Gründer des Theresa-Labels, für das Sanders in den 1980-er Jahren mehrere Alben aufnahm. „Dr. Pit“ ist ein hochenergetisches Stück, bei dem die vier Musiker alle Register ihres Könnens ziehen. „Energie ist Freude“, hatte einst der englische Dichter William Blake geschrieben. An diesem aufgewühlten, lodernden anarchischen Feuerwerk hätte der Lyriker womöglich seine helle Freude gehabt.

Der Auftritt schließt mit dem Stück „The Creator has a Master Plan“, bei dem Sanders die Hälfte der Zeit dafür verwendet, die Band vorzustellen. Die Zugabe „Greetings to Idris“ ist ein weiterer Burner.

Wie kein anderes Ensemble verkörperte das Count Basie Orchestra den Big-Band-Swing in seiner erhabensten Form: riffbasierter, flüssiger und lässiger Kansas-City-Jazz, der auch im Jahr 2023 noch unwiderstehlich ist.

BASIE ALL STARS

Über das Album BASIE ALL STARS LIVE AT FABRIK dürften sich deshalb vermutlich vor allem die erfahrenen älteren Anhänger des legendären Bandleaders freuen. Das exzellente neunköpfige Ensemble besteht aus hochkarätigen Musikern. Darunter sind die Trompeter Harry „Sweets“ Edison und Joe Newman, der Posaunist Benny Powell, der Altsaxofonist und Leader Marshall Royal sowie die beiden Tenorsaxofonisten Buddy Tate und Billy Mitchell. Mitchel, Newman und Edison erhalten reichlich Raum für ihre Soli. Unterstützt werden sie dabei gekonnt von Nat Pierce am Piano, John Heard am Bass und Gus Johnson am Schlagzeug.

Die Setlist, die das Ensemble am 5. Mai 1981 in der Fabrik in Hamburg spielt, offenbart keine innovativen Überraschungen, das ist auch nicht der Sinn der Sache, sondern wohlklingende Nostalgie, die schöne Erinnerungen weckt. Zu hören ist eine Reihe von Basie-Allzeitklassikern, darunter „Shiny Stockings“, „Little Pony“, „Everything Happens To Me“ und Basies Eigenkomposition „Bluesbird Blues“, mit der das Album eröffnet.

Beide Konzertmitschnitte der Reihe „Live At Fabrik“ sind großartige Alben, die Jazz auf höchster Genussstufe bieten. Nicht zuletzt der gute Klang macht sie zu einem großen Vergnügen. 

Pharaoh Sanders Quartet Live at Fabrik Hamburg 1980, Label: Jazzline

Basie All Stars Live At Fabrik Vol. 1 Hamburg 1981, Label Jazzline

Standardbild
Hans Kaltwasser
Artikel: 423

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.