LIONEL SHRIVER – Die Letzten werden die Ersten sein

„Ich habe beschlossen, einen Marathon zu laufen“! Der Mann, der das sagt, ist der frühpensionierte Remington Alabaster, der noch vor wenigen Wochen seine verantwortungsvolle, ihn ausfüllende Tätigkeit im Verkehrsministerium des Bundesstaates New York ausübte und noch nie zuvor, auch nur ein einziges Mal joggen war. Seine Frau Serenata, die Protagonistin des Romans „Die Letzten werden die Ersten sein“ von Lionel Shriver, hört diesen Satz, kann die Aussage deshalb nicht recht glauben.

Sie selbst leidet an ruinierten Knieen, die das Ergebnis eines lebenslangen Festhaltens am täglichen Fitnesstrainings jeglicher Art sind. Insbesondere kilometerlange Joggingstrecken waren ihre Stärke, die sie für einen Schlüssel zu Langlebigkeit und guter Gesundheit hielt. Nun müsste sie sich eigentlich einer Knieoperation unterziehen und ihren Mann unterstützen. Beides lehnt sie ab – aus verschiedenen Gründen.

Serenata bezwingt ihre Skepsis und lässt Remington gewähren. Sie hofft, dass es sich bei dem 40 km-Marathon-Lauf nur um eine einmalige Episode im pensionierten Leben ihres Mannes handelt, die er bald hinter sich lassen wird. Doch es kommt schlimmer. Eine erfolgreiche, junge und hübsche Personal-Trainerin unterläuft ihre Wünsche nach baldiger Normalität. Sie überzeugt Remington davon, dass nun Triathlon angesagt ist. Unter ihrer etwas zu intensiven Anleitung meldet sich Remington für ein Mettle-Man-Rennen an.

Wenig überraschend, dass dies die eigentlich sehr harmonische und von intellektuellem Ausstausch geprägte Ehe zu bedrohen beginnt. Serenatas Blick auf den Sport ist eher biologisch und ohne ideologischen Überbau. Und sie ist entsetzt über die Verherrlichung der Fitness, die nun ihren Mann erfasst und an der die Personal-Trainerin einen erheblichen Anteil hat. Es ist ein Kult geworden und Serenata kennt den Mann, in den sie sich verliebt hat, nicht wieder.

Sie selbst kämpft mittlerweile nicht nur gegen ihren weiteren körperlichen Verfall an. Ihre betörende Stimme, die sie beruflich erfolgreich als Synchron- und Hörbuchsprecherin einsetzt und ihre bisher bewunderte Fähigkeit, Akzente und nicht-weiße Sprachmuster zu sprechen, ist nach neuester Lesart ‚Mimikry‘ und so etwas wie kulturelle Aneignung.

Bissig, komisch und sehr unterhaltsam analysiert Lionel Shriver menschliche Schwächen und Trends, die uns wie Lemminge ins körperliche Verderben oder sonstwohin stürzen lassen. Auch reiferes Alter schützt uns nicht davor. Daraus entstehen ganze Industriezweige, die jegliche Formen des Individualismus eher selten werden lassen, wie Shriver in ihrem Roman bemerkt.

Stattdessen verfolgen wir Pläne, die problematisch sind, da sie uns zu einer Zeit ins Gehirn schießen, wenn unsere Körper nicht mehr mithalten können. Doch, wie die Personal-Trainerin bemerkt, ist der wichtigste Muskel das Gehirn. Den können interessierte Leser*innen eher mit dem Roman von Lionel Shriver „Die Ersten werden die Letzten sein“ bestens trainieren.

LIONEL SHRIVER – Die Letzten werden die Ersten sein

Übersetzt von: Bettina Abarbanell, Nikolaus Hansen
432 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-492-07111-6

Verlag: Piper

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Ingrid
Kunst und Kultur, Musik und Bücher, ohne sie ist ein Leben denkbar, aber für mich sinnlos. Darum habe ich diesen Blog ins Leben gerufen. Es macht viel Spaß, ihn zu gestalten - ich hoffe, den Usern, ihn zu lesen. Nicht alles, was gedruckt wird, muss gelesen, nicht jedes Album gehört werden. Was die User hier finden, gefällt mir und den Gastautoren, die ab und zu Lust haben, etwas zu schreiben.
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