Lesen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz

Das Lesen stellt eine fundamentale Kulturtechnik dar, ist für viele Menschen ein Lebenselixier und wirkt wie Wasser in der Wüste. Längst haben wir uns daran gewöhnt, dass wir auch mit Hilfe technischer Geräte lesen. Dass sich die Entwicklung weiter fortsetzt, ist sehr wahrscheinlich. Dieses Buch weist im Titel bereits daraufhin.

Aber wieviel wissen wir eigentlich darüber, wie sich das Lesen entwickelt hat und wie es den Menschen, seine Seele und seinen Körper beeinflusst und verändert hat? Und wie sehr die Künstliche Intelligenz die Zukunft des Lesens noch verändern wird. In seinem höchst lesenswerten Buch „Lesen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“ widmet sich der Autor Florian Rötzer diesen Fragestellungen. Denn es gibt sie, die Geschichte des Lesens – eine faszinierende Reise durch Worte und Zeiten.

Zunächst weist der Autor in seiner Einleitung auf die indirekte Interaktion des Lesers mit den Autoren und Autorinnen hin. Vielleicht sind sie den Leser*innen bereits bekannt, freudige Erwartungshaltungen entstehen und werden zumeist nicht enttäuscht. Anders dagegen, wenn es sich um eine KI-generierte Erzählung handelt.

Heute schon hat die Schnelligkeit in Zeiten des Internets, Social Media und Co. das Lesen erfasst und verändert. Gerade bei News und Artikeln heißt es: kurze, knackige Überschriften, einfache Worte und bunte Bilder – so bleibt die Aufmerksamkeit wach, und die Leser*innen klicken nicht gleich weg. Widersprüchliches, Kompliziertes oder Ambivalentes finden nicht mehr viel Platz – es gibt keinen Lesewiderstand, sondern es wird oftmals Fastfood geliefert.

Am Anfang war das leere Blatt

Vor der Entwicklung der Sprache kommunizierten die Menschen durch Gesten und Mimik, die unser Sprechen bis heute begleiten. Die Natur sandte Botschaften aus, welche von unseren Vorfahren verstanden wurden. Das Wort „lesen“ hat seinen Ursprung im lateinischen Verb „legere“ – ein Begriff, der das Aufsammeln, Sammeln und Zusammenlesen beschreibt. In diesem Sinne sammelten die Menschen damals Informationen aus der Natur.

Alles änderte sich, als die Schriftsprache dank des Lesens, Schreibens und der Buchdruckerkunst ihren Siegeszug antrat. Der Autor erläutert auch an dieser Stelle sehr ausführlich, und die Informationen dazu sind ebenso überraschend wie spannend.

Jeder große Wendepunkt, so auch die Veränderung durch Künstliche Intelligenz, bringt manchmal harmlose, aber auch ernstzunehmende Gefahren mit sich. KI liest Texte als binär codierte Informationsströme und versteht das Geschriebene nicht, sondern lernt eine wahrscheinliche Wortkombinatorik – aus der trotzdem Unerwartetes geschehen kann.

Florian Rötzer wagt einen Blick zurück und stellt die spannende Frage, ob KI die menschlichen Leser*innen vom Thron stößt oder ob die Kulturtechnik des Lesens durch frische Einflüsse einfach nur einen aufregenden Wandel erlebt. Künstliche Intelligenz verfügt über ein breites Spektrum an Fähigkeiten und übertrifft uns insbesondere in der Geschwindigkeit, mit der sie Informationen erfasst und Lösungen bereitstellt. Am Ende müssen wir, wenn wir können, eine Entscheidung treffen, wie weit die KI unser Leseverhalten bestimmen darf. Die Politik hätte bereits deutlich vor dem Erscheinen dieser lernenden Künstlichen Intelligenz wichtige Entscheidungen dazu liefern müssen, um möglichen Missbrauch zu verhindern.

Wir alle lieben es zu lesen, weil wir dann träumen und unsere Welt für kurze Zeit verlassen können. Das Buch „Lesen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“ nimmt uns mit auf eine spannende Reise durch das Lesen von gestern bis heute, lässt uns staunen und offenbart uns einmal mehr, wie wunderbar und lehrreich es ist, dieser Kulturtechnik zu frönen.

Das Buch ist bereits im Jahre 2023 im Verlag trancript erschienen, hat aber nichts von seiner Aktualität verloren.

Florian Rötzer ist freier Journalist und arbeitete u.a. bei der taz, der Süddeutschen Zeitung und Frankfurter Rundschau sowie beim Bayerischen und Hessischen Rundfunk. Neben seiner publizistischen Tätigkeit mit den Schwerpunkten Medientheorie und -ästhetik, organisiert er zahlreiche internationale Symposien. 1996 hat er mit Telepolis eines der ersten deutschsprachigen Online-Magazine mitbegründet und war dort bis Ende 2020 Chefredakteur. Unter seiner Leitung erhielt Telepolis den Europäischen Preis für Online-Journalismus in der Kategorie Investigative Reportage (2000) sowie den Grimme Online Award in der Kategorie Medienjournalismus (2002) und den Lead Award für spezialisierte Onlinemagazine (2004).

Ingrid
Ingrid

Kunst und Kultur, Musik und Bücher, ohne sie ist ein Leben denkbar, aber für mich sinnlos. Darum habe ich diesen Blog ins Leben gerufen. Es macht viel Spaß, ihn zu gestalten - ich hoffe, den Usern, ihn zu lesen.
Nicht alles, was gedruckt wird, muss gelesen, nicht jedes Album gehört werden. Was die User hier finden, gefällt mir und den Gastautoren, die ab und zu Lust haben, etwas zu schreiben.

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