Wer bin ich? Das Ich eines Menschen wächst im Schatten seiner wichtigsten Bezugspersonen – deren Eigenschaften, Verhaltensweisen und Werte finden meist ganz unbewusst ihren Weg. Sie gestalten das Selbstbild und die Identität einer Person auf einzigartige Weise.
Als der Vater des Autors Kurt Tallert in seinem Buch „Spur und Abweg“ ein Schuljunge war, konnte er sich aufgrund seiner Erfahrungen einordnen – einst wurde er vom Biologielehrer vor seiner Klasse noch als jemand, dessen Gesicht den „Goldenen Schnitt“ aufwies und später als Mitglied der Hitlerjugend in einer Peergroup. Unmittelbar danach wurde er von den Nazis als Halbjude etikettiert und die zuvor bestehende Gewissheit war obsolet. Und mehr noch, den jungen Mann deportierten sie in ein Konzentrationslager.
Als der Vater stirbt, ist der Sohn gerade zwölf. Doch die Geschichte seines Vaters, der später als Bundestagsabgeordneter in Bonn wirkte, ließ den Autor nie los – ein Erbe, das tief in ihm brannte. Erinnerungen, auch jene, die narrativ vermittelt werden, sind wertvolle Einsichten in die gegenwärtige Realität. Für den Sohn sind Waldlichtungen keine idyllischen Orte, sondern mögliche Schauplätze, an denen die Schüsse der NS-Mörder durch die Luft schneiden.
Dem Autor eröffneten die Aufzeichnungen seines Vaters Einblicke in bemerkenswerte Notizen wie etwa aus dem Jahr 1996: Gespräche mit Kollegen über das Misstrauensvotum gegen Willy Brandt sowie abschließend über das Kriegsende, offenbarten, dass sie sich nicht von den Nazis befreit gefühlt hätten, außer sie wären Juden gewesen. Solche Sätze sind noch im ausgehenden 20. Jahrhundert gefallen!
Erinnerungen, Aufzeichnungen, Briefe, Texte, Fotografien und Bilder, sind für den Autor und letztlich auch für die Leser*innen Spuren, die ein Leben rekonstruieren – ein vergangenes sowie ein damit verknüpftes gegenwärtiges. Eines Vaters, der nach der Befreiung in Deutschland bleibt, Journalist wird und Mitglied des Bundestags, der ein Leben lang seinen Platz sucht, und das des Sohnes, dem immer noch die Spuren eines schrecklichen Verbrechens der Nazis traumatisch anhaften. Ein bewegendes Debüt, das selbst tiefe Spuren hinterlässt, weil es zum Nachdenken anregt und zur Vorsicht mahnt.
Spur und Abweg von Kurt Tallert
Bibliografie
Seiten: 240
ISBN: 978-3-7558-0525-0
Verlag: Dumont
Kurt Tallert wurde 1987 in Bad Honnef geboren, studierte Germanistik und Hispanistik und lebt heute in Köln. Unter dem Künstlernamen »Retrogott« prägt er als Rapper, DJ und Produzent seit mehr als zwanzig Jahren die deutsche Hip-Hop-Szene und veröffentlichte zahlreiche Alben. ›Spur und Abweg‹ ist sein schriftstellerisches Debüt, für das er den renommierten Uwe Johnson Preis erhält. Der Preis wird am 26. September 2025 im Schauspielhaus Neubrandenburg verliehen.
Aus der Begründung:
„Der Autor entschließt sich, dem lange verstorbenen Vater nachzuforschen, als er selbst einen Sohn hat. Dies ist nachvollziehbar. Aber dann folgt bereits das Besondere: Kurt Tallert wächst in den frühen 1990er Jahren im Westen Deutschlands als Kind eines Holocaust-Überlebenden auf, während die Eltern seiner Generationsgefährten bereits aus einer anderen Zeit stammen. Besonders ist auch die Form der Recherche, weil Kurt Tallert nachträglich die Prägungen seiner Kindheit rekonstruiert und in Verbindung damit die Biografie des Vaters aus Dokumenten, Tagebucheinträgen, Notizen oder Zeitungsausschnitten zusammensetzt. (…) Tallert füllt beim Erzählen Leerstellen der Vergangenheit und wählt Abwege der Erinnerung, um der Spur seines Vaters folgen zu können. Die Spur verläuft quer durch die Gegenwart.« Und abschließend: »Kurt Tallert belegt eindrucksvoll, dass das Vergangene nicht tot ist, ›es ist nicht einmal vergangen‹.“







