JUMP – Céline Bonacina

Die französische Jazz-Musikerin Céline Bonacina spielt Alt-, Sopran- und vor allem Baritonsaxofon. Nur wenige Saxofonisten entscheiden sich für diesen Mike Tyson unter den Saxofonen. Die imposante Größe des Instruments ist schlicht furchterregend, ein faszinierender Koloss, den man zu zähmen wissen muss. Céline Bonacina gelingt dies mit Bravour, Grazie und Eleganz. Ihr Sound ist mal lieblich, mal verzaubernd, mal kraftvoll, dabei immer klangstark. Im Laufe ihrer fünf Alben hat sie sich als Leaderin zu einer der fesselndsten Musikerinnen der französischen Jazzszene etabliert. Inzwischen scheint das alte Europa zu eng für ein so großes Talent zu sein. Auch in den USA nimmt die Zahl ihrer Fans stetig zu. Die Zeitschrift DownBeat stuft sie regelmäßig als eine der besten Basssaxofon-Spielerinnen ein. Dabei hat die derart geehrte Künstlerin noch nie in den USA gespielt.

JUMP heißt das neue Album von Céline Bonacina, das am 27.10.2023 bei Crystal Records erschienen ist. Ein treffender Name für ein Album, das zu einem kühnen Sprung in die Vielfalt einer Klangwelt ansetzt, in der Sanftheit und überschäumendes Temperament prächtig nebeneinander gedeihen. Die Mehrzahl der neun Kompositionen hat Bonacina selbst geschrieben, zumeist feurige und rhythmisch aufgeladene Stücke, was diese natürlich zum perfekten Festivalmaterial macht. 

Mit ihrer elfenhaften Erscheinung hinter dem riesigen Instrument bietet Céline Bonacina auf dem Cover des Albums einen faszinierenden Anblick. Ihre Beliebtheit auf den europäischen Tourneen vermag dieser Kontrast allerdings nur zum Teil erklären. Denn die Französin erweist sich auch technisch als ausgesprochen agil und eine große virtuose Solistin, die keineswegs um die Ränder ihre Stücke herumschleicht, sondern zu kohärenten Aussagen entwickelt.

Vor allem in den Titeln „Tunnel“ und „Trap“ kommt das zum Ausdruck. Hierbei wird sie von ihren Kollaborateuren tatkräftig und wirkungsvoll unterstützt: Chris Jennings am treibenden Kontrabass und John Hadfield an den wirbelnden Drums sorgen mit ausgeprägter Rock-Ästhetik für viel Wärme und Spannung, während Rachel Eckroth ihrem Fender Rhodes fesselnde Klänge entlockt. Dieses wunderbare Quartett weiß einfach zu begeistern: Die poetischen Exponate in „Lost in Translation“, einem anmutigen musikalischen Märchen, und das Stück „A Light Somewhere“, bei dem fröhlicher Scat-Gesang die optimistische Grundstimmung unterstreicht, sind nur zwei Beispiele dafür. „Hope“ ist dagegen eine spannende Ballade, deren leichthändigen Phrasierungen hier Erinnerungen an der großen Baritonsaxofonisten Gerry Mulligan wecken. 

JUMP von Céline Bonacina ist ein starkes, facettenreiches Album, bei dem nicht einen Augenblick lang Langeweile aufkommt und dessen klaren Kompositionen altbekannten Jazzklängen frische Modernität einhauchen.

Standardbild
Hans Kaltwasser
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