Seine Werke zu Kommunikation, Rationalität und Soziologie haben ihn zu einem einflussreichen Philosophen und zu einer der wichtigsten intellektuellen Persönlichkeiten gemacht. Jetzt ist der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas im Alter von 96 Jahre in Starnberg gestorben.
Über mehrere Jahrzehnte war Habermas regelmäßig ein kritischer Beobachter und Kommentator wichtiger politischer Themen. In seinem umfangreichen Werk, das die Grenzen akademischer und philosophischer Disziplinen überschritt, entwickelte er eine Vision der modernen Gesellschaft und der sozialen Interaktion. Seine zweibändige „Theorie des kommunikativen Handelns“, in dem er sich mit Klassikern soziologischen Denkens wie Max Weber, Emile Durkheim und Talcott Parsons, aber auch mit Sprachphilosophen wie John Searle auseinandersetzte, gehört zu seinen bekanntesten Werken.
Habermas wurde am 18. Juni 1929 in Düsseldorf geboren und wuchs im nahegelegenen Gummersbach auf, wo sein Vater die örtliche Handelskammer leitete. Mit 10 Jahren wurde er Mitglied im „Jungvolk“, einer Jugendorganisation der Hitlerjugend. Zum Zeitpunkt der Niederlage Nazi-Deutschlands war Habermas 15 Jahre alt. Ohne die Auseinandersetzung mit der Realität der Nazi-Verbrechen hätte er nach seinem eigenen Bekenntnis nicht den Weg in die Philosophie und Gesellschaftstheorie gefunden.
Zu der in den späten 1960er Jahren in Deutschland entstehenden linken Studentenbewegung hatte er ein ambivalentes Verhältnis. Zwar engagierte er sich in ihr, warnte nach einer flammenden Rede des SDS-Kopfes Rudi Dutschke, die er als deplatziert empfand, aber auch vor der Gefahr des „linken Faschismus“. Später erkannte er, dass die Studentenbewegung die Liberalisierung der deutschen Gesellschaft entscheidend vorangetrieben hatte.
Mit dem Historiker Ernst Nolte und anderen, die eine neue Sichtweise auf das Dritte Reich und die deutsche Identität forderten, führte Habermas in den 1980er Jahren den sogenannten Historikerstreit, in dem er ihnen vorwarf, durch ihren Vergleich der Nazi-Gräueltaten mit dem Tod von Millionen Menschen in der Sowjetunion unter Stalin das Ausmaß der Nazi-Verbrechen zu relativieren.
1998 begrüßte Habermas den Machtantritt der Mitte-Links-Regierung unter Gerhard Schröder. Dem „technokratischen“ Ansatz und dem seiner Meinung nach fehlenden politischen Weitblick von Schröders konservativen Nachfolgerin Angela Merkel stand er dagegen kritisch gegenüber.
Besonders kritisch äußerte sich Habermas wiederholt über das begrenzte Interesse deutscher Politiker, Wirtschaftsführer und Medien an der aktiven Gestaltung eines politisch wirksamen Europas. Für die Pläne des 2017 neu gewählten französischen Präsidenten Emmanuel Macron und dessen Art über Europa zu sprechen, fand er stattdessen lobende Worte.
Titelbild:Image by Gerd Altmann from Pixabay




