Joy von Jonathan Lee

Joy, ihr positiv besetzter Name könnte stimmig sein. Denn in ihrem Leben ist es bisher, wenn man ihre Karriere betrachtet, gut gelaufen. Joy Stephens hat alles erreicht. Die Ernennung zur Partnerin in der Londoner Anwaltskanzlei Hanger, Slyde & Stein ist die letzte perfekte Stufe auf der Karriereleiter zum Erfolg. Und dabei ist sie erst Anfang dreißig. Verheiratet mit Dennis, hat sie eine Affäre mit Peter, ihrem ältesten Freund in der Kanzlei. Doch das ist jetzt vorbei und besitzt, wie beinahe alles, kaum noch Bedeutung. Zwar blitzt bei Joy nochmals Ärger auf, als sie müde und doch aufgekratzt um ein Uhr morgens nach Hause kommt und die Haustür steht offen. Ihr Plan sich umzubringen ist dadurch nicht zu stoppen. Auch wenn ihre Gefühle echt sind, als sie ihren Mann Dennis mit einem Escort-Model erwischt.

Joy hat ihren Abgang beschlossen. Als sie sich dann vor aller Augen zehn Meter in die Tiefe stürzt, war das nicht der Plan. Passiert das vielen Selbstmordkandidaten, dass etwas so richtig schief läuft? Dass das Leben, der Alltag sich nicht einfach den Selbstmordplänen beugt und ausgerechnet dieser funkelnde Glaspalast inmitten der flirrenden Lichter Londons der Ort des Geschehens wird? Hat Joy nun Glück oder Pech gehabt?

Der Mensch ist des Menschen Schicksal. Dieser Satz stammt von Bertold Brecht und ob der Autor Jonathan Lee ihn kennt, weiß ich nicht. Sein ironischer und sehr tiefgründiger Roman läuft bemerkenswert treffend in diese Richtung. In Monologen lässt er die Menschen um die Protagonistin, die auch selbst zu Wort kommt, sprechen. Sie breiten sich atmosphärisch aus und geben die Sichtweisen des Ehemannes, der Freundin, der Kolleg*innen und des Ex-Geliebten wieder. Entwerfen ein schillerndes und teilweise schauriges Bild der heutigen Zeit, die, so scheint es, „nicht mehr ist als ein riesiger strukturloser Datenstrom“, anziehend und abstoßend zugleich.
Der Roman Joy von Jonathan Lee deckt die menschlichen Schwächen auf, ohne zu verschweigen, dass sie gerade das Leben lebenswert machen. Eine erzählerische Glanzleistung und unwiderstehliche Lektüre.

Joy von Jonatha Lee
Aus dem Englischen von Cornelia Holfelder-von der Tann

Hardcover Leinen
384 Seiten
VÖ: 24. Januar 2024
Verlag: Diogenes

Jonathan Lee

Jonathan Lee, 1981 in Surrey, England, geboren, studierte Literatur, lebte eine Zeit lang in Südamerika und arbeitete sieben Jahre in einer Anwaltskanzlei in London. Inzwischen lebt er in New York, wo er sich nach Stationen bei renommierten Verlagen der Arbeit an Romanen und Drehbüchern widmet. Der ›Guardian‹ nennt Jonathan Lee »eine bedeutende neue Stimme der englischen Literatur«.

Ingrid
Ingrid

Kunst und Kultur, Musik und Bücher, ohne sie ist ein Leben denkbar, aber für mich sinnlos. Darum habe ich diesen Blog ins Leben gerufen. Es macht viel Spaß, ihn zu gestalten - ich hoffe, den Usern, ihn zu lesen.
Nicht alles, was gedruckt wird, muss gelesen, nicht jedes Album gehört werden. Was die User hier finden, gefällt mir und den Gastautoren, die ab und zu Lust haben, etwas zu schreiben.

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