John Irving – Straße der Wunder

Die Vergangenheit umgibt den mexikanisch-amerikanischen Schriftsteller Juan Diego Guerrero wie Gesichter, die ihn anblicken. Immer wieder glaubt er, auch den einzigartig beißenden Geruch nach Feuer und Qualm seiner Heimatstadt riechen zu können. Mehr als 40 Jahre ist das jetzt her, dass er und seine kleine Schwester Lupe in der südmexikanischen Stadt Oaxaca in den 1970er Jahren Müllkippenkinder waren. In der Hütte von Rivera, die fensterlos und nur mit einer Tür versehen war, hausten sie, wobei Rivera so eine Art Vaterrolle für die Kinder angenommen hatte. Dass Rivera einmal derjenige sein würde, der Juan Diego unbeabsichtigt schwer verletzen sollte, so dass er von da an humpeln musste, hätte er sich nicht träumen lassen. Denn der Müllkippenbesitzer mochten die beiden Kinder wirklich. Ihm und dem Jesuiten Bruder Pepe war es nicht entgangen, dass der Junge Juan Diego sich selbst das Lesen beigebracht hat. Bücher, die eigentlich der Verbrennung zum Opfer fallen sollten, bewahrte Juan Diego davor, und las sie. Lupe, seine jüngere Schwester, macht das Doppel der Wundersamen komplett mit ihrer Fähigkeit, Gedanken lesen zu können. Präzise weiß sie, was sich in den Köpfen der Menschen tummelt. Vielleicht weil diese Gedanken oftmals so böse sind, kann niemand ihr Gebrabbel richtig verstehen, außer ihrem Bruder, der als ihr Sprachrohr und Übersetzer gilt. Ist Lupe bei der Voraussage der Zukunft auch weniger genau, so ahnt sie doch, dass der Wechsel ins Waisenhaus, wo der Jesuit Pepe sie hingebracht hat, für die Geschwister nur von kurzer Dauer sein wird.

Als wenig später der junge Jesuit Edward Bonshaw aus Iowa in Oaxaca ankommt, ist er Scholastiker und Bewunderer des „Wundersamen“ und wollte „vor keinem Wind weichen“. Doch als er die beiden Geschwister gemeinsam mit Flor, einem schönen Transvestiten, in den „Circo las Maravillas“ (Wunderzrikus) bringt, wird er in seinen Grundfesten erschüttert. Er verliebt sich in Flor, und nun ist Edwards Zukunft durch das Wunder der Liebe ins Wanken geraten.

Doch was ist mit der Zukunft von Lupe und Juan Diego? Können der behinderte Junge, der humpelt, aber über einen fantastischen Geist verfügt, und seine gedankenlesende Schwester eine Zukunft in diesem Wunderzirkus haben? Lupe weiß, dass das nicht möglich ist. Und um ihren Bruder zu retten, braucht es entweder wirklich ein Wunder oder einen Plan. Der Löwe Hombre, dessen Gedanken Lupe ebenfalls lesen kann, weiß nicht, dass er dabei eine entscheidende Rolle spielen wird. Und niemand ahnt, dass Lupe, um ihren Bruder zu retten, alles riskiert …

Wie verführerisch ist es, einem religiösen Zauber zu erliegen oder an Wunder zu glauben? Und der Wunderglaube wächst gerade da, wo die Armut am größten ist, und doch sind es nicht die Müllkippenkinder, die an ein Wunder glauben. Sie sind Außenseiter, aber nicht nur weil sie arm sind, sondern weil sie jeweils über aussergewöhnliche Fähigkeiten verfügen. Sie sind dem Zauber der Vorstellungskraft verfallen, der sich in der Literatur ebenso kraftvoll zeigen kann wie in der Kunst, die uns einholt, wenn wir Bücher lesen oder träumen, uns Geister und Dämonen erleben lässt und Flügel verleiht. Aber dies wäre kein Roman von John Irving, wenn er sich nicht auch kritisch mit dem kolonialen Katholizimus und den Kirchenregeln auseinandersetzen würde. Regeln, die Armut zementieren und Auswegslosigkeit vermitteln. Dagegen ist Religion umso wirksamer, wenn sie barmherzig ist.

John Irvings Roman handelt von einer Welt voller zauberhafter und auch verstörender Bilder, von menschlicher Größe und intoleranter Mäßigkeit, doch letzlich ist „Straße der Wunder“ auch ein Roman über die Kraft der Imagination und der Worte. Ein erzählerisches Meisterwerk, das verzaubert.

John Irving
Straße der Wunder

Roman
Übersetzung: Hans M. Herzog
784 Seiten

ISBN 978-3-257-06966-2

Verlag Diogenes

John Irving liest in Berlin
23. Mai 2016, 20.00 Uhr
Großer Sendesaal im Haus des Rundfunks
Masurenallee 8-14
14057 Berlin
Deutschland
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Hamburg
25. Mai 2016, 20.00 Uhr
Thalia Theater
Alstertor 1
20095 Hamburg
Deutschland
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München
27. Mai 2016, 20.00 Uhr
Residenztheater
Max-Joseph-Platz 1
80539 München
Deutschland
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Zürich
28. Mai 2016, 20.00 Uhr
Schauspielhaus Pfauen Zürich
Rämistr. 34
8001 Zürich
Schweiz

Standardbild
Ingrid
Kunst und Kultur, Musik und Bücher, ohne sie ist ein Leben denkbar, aber für mich sinnlos. Darum habe ich diesen Blog ins Leben gerufen. Es macht viel Spaß, ihn zu gestalten - ich hoffe, den Usern, ihn zu lesen. Nicht alles, was gedruckt wird, muss gelesen, nicht jedes Album gehört werden. Was die User hier finden, gefällt mir und den Gastautoren, die ab und zu Lust haben, etwas zu schreiben.
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