In die Sonne schauen

Es kommt nicht jeden Tag vor, dass man einen Film sieht, der mit nichts vergleichbar ist, was man bisher gesehen hat, und einen dazu bringt, die Vorstellung davon, was ein Film sein kann, zu hinterfragen. Genau das ist der Fall bei „In die Sonne schauen“, dem zweiten Spielfilm der Regisseurin Mascha Schilinski. Viel Lob von der Fachkritik bekam er bereits in Cannes. Jetzt wurde er für einen Oscar nominiert.

Der Film spielt an vier verschiedenen Zeitpunkten auf einem riesigen Bauernhof in der Altmark im Nordosten Deutschlands und erzählt die Erinnerungen von vier jungen Mädchen, die einen Zeitraum von etwa hundert Jahren umfassen. Alma (Hanna Heckl) an der Wende zum 20. Jahrhunderts, Erika (Lea Drinda) in den 1940er Jahren während des Krieges, Angelika (Lena Urzendowsky) in den 1980er Jahren und Lenka (Laeni Geiseler) in der Gegenwart sind die Heldinnen dieser generationsübergreifenden, düsteren Chronik.

Zu Beginn lernen wir Alma und ihre Schwestern kennen. Sie spielen in dem weitläufigen Gebäude, streiten sich, ärgern die Magd. Im Bauernhaus herrscht eine gewisse verstörende Unruhe. Geheimnisse und Vorahnungen liegen in der Luft. Trotz ihrer Jugend beginnt Alma, den Tod zu fürchten. Sie sieht Dinge, die sie beunruhigen: Da ist der beinamputierte junge Onkel Fritz, der sich nachts vor Schmerzen in seinem Bett windet und von einer Magd gepflegt wird. Lüsterne Knechte greifen nach den Röcken der Dienstmädchen.

Alma mit ihrer Oma (Hanna Heckt) © Studio Zentral

Und da sind die makabren „Totenfotos“ von verstorbenen Familienmitgliedern, die an der Wand der Wohnstube hängen und die sie immer wieder betrachtet. Am faszinierendsten ist ein Porträt, das die Leiche ihrer Schwester auf dem Sofa liegend zeigt, neben ihr eine Puppe, im Hintergrund eine verzerrte Gestalt. Das Mädchen sieht Alma zum Verwechseln ähnlich. Es sind Momente wie diese, die den atmosphärischen Ton für den Beginn unheimlicherer Ereignisse im weiteren Verlauf des Films setzen.

Jahre später empfindet Erika eine morbide, quasi-erotische Faszination für ihren beinamputierten Onkel Fritz. Sie entwickelt ihr eigenes Fantasiebild von sich selbst als Amputierte, umwickelt sich ein Bein und humpelt an den Krücken des Onkels herum. In einer Rückblende erfahren wir in einer erschreckenden Szene elterlicher Grausamkeit, warum Fritz sein Bein verloren hat.

Onkel Uwe (Konstantin Lindhorst)

In einer späteren Episode, in der alten DDR, arbeitet die junge Angelika auf dem Bauernhof. Sie wird von ihrem widerwärtigen Onkel Uwe (Konstantin Lindhorst) missbraucht und ist sich träumerisch bewusst, dass Uwes Sohn – also ihr Cousin Rainer (Florian Geisselmann) – sie heimlich liebt.

Angelika (Lena Urzendowsky)

Noch später, im wieder vereinten Deutschland der Gegenwart, freundet sich Lenka mit einem seltsamen, intensiven Mädchen aus der Nachbarschaft namens Kaya an, dessen Mutter gestorben ist.

Kaya (Nina Geiger)

Schilinksis „In die Sonne schauen“ verzichtet auf eine lineare Struktur ihrer Geschichte und bedient sich einer collageartigen Erzählweise, die ohne Vorwarnung zwischen den Jahrzehnten und Figuren hin und herspringt und erst allmählich und schrittweise die Verbindungen zwischen ihnen offenbart. Das Verbindende ist nicht nur der Bauernhof, sondern auch der Fluss, in dem die Mädchen schwimmen gehen und in dem es vor widerlichen Aalen wimmelt.

Ähnlich wie Michael Hanekes „Das weiße Band“ oder Peter Weirs „Picknick am Valentinstag“ ist der Film so etwas wie eine Geistergeschichte. Fabian Gampers Kamera schleicht wie ein Geist durch das düstere Haus und zeichnet diskret die Ereignisse auf, wie sie sich ereignen, und fängt dabei Momente der Qual, Angst und Trauer ein, während der Ambient-Soundtrack unruhig pulsiert.

Alle Fotos: © Studio Zentral

Hans Kaltwasser
Hans Kaltwasser
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