IN DER NACHT DES 12. – Filmtipp

Es gibt wohl kaum einen Krimi, der so wenig auf Spannung und Nervenkitzel angewiesen war wie Dominik Molls IN DER NACHT DES 12. Gleich zu Beginn liest man auf einer Titelkarte, dass die französische Kriminalpolizei jedes Jahr 800 Mordfälle aufklärt. Einige werden nie aufgeklärt. Von einem dieser Fälle handelt der Film. Obwohl wir wissen, dass es um die Geschichte eines ungelösten Falls geht, hat man dennoch ständig das Gefühl, hinter der nächsten Ecke verbirgt sich ein Durchbruch. Oberflächlich betrachtet beschreibt der Film das nüchterne kriminalistische Prozedere, mit dem die routinierten Ermittler alle üblichen Techniken anwenden, um einen Mörder aufzuspüren. Andererseits jedoch taucht er verstörend tief in die dunklen Abgründe der menschlichen Psyche ein. Ein Film über Menschen, die an ihre Grenzen stoßen und die Enttäuschungen, die damit einhergehen.

Das von Dominik Moll gemeinsam mit Gilles Marchand geschriebene Drehbuch basiert auf einem realen Fall. In einem kleinen, beschaulichen Dorf in den französischen Alpen verlässt eine junge attraktive Studentin in den frühen Morgenstunden eine Party und stößt kurz darauf mit einem Fremden zusammen, der sie mit Benzin übergießt und bei lebendigem Leib in Brand setzt.

Um die eigene Achse: Die Ermittler Yohann (Bastien Bouillon) und Marceau (Bouli Lanners) lässt dieser Fall nicht mehr los.
© Fanny de Gouville / Ascot Elite Entertainment

Der junge Kommissar Yohan Vivès (Bastien Bouillon) und sein älterer Partner Marceau (Bouli Lanners) stecken den Tatort ab und sammeln forensische Beweise. Doch außer einem Mobiltelefon, das am Tatort gefunden wird, gibt es kaum eine Spur, die zur Ergreifung des Täters führen könnte. Eine Suche nach der Nadel im Heuhaufen beginnt.

Im Visier des Ermittlerteams: diverse Männer, jeder gleichermaßen verdächtig. Yohann (Bastien Bouillon), Jérôme (Paul Jeanson), Willy (Théo Colbi), Fred (Johann Dionnet) und Nadia (Mouna Soualem) sind kurz davor, das Rätsel zu lösen.
© Hautetcourt / Ascot Elite Entertainment

Die Art des Mordes lässt auf extremen Hass oder Rachegelüste schließen, doch Stephanie (Pauline Serieys), die beste Freundin des Opfers, sagt, dass Clara ein lieber, gutmütiger Mensch war, der keine Feinde hatte. Gab es einen Freund? Ja, einen Barkeeper namens Wesley. Hatte sie noch andere Sexualpartner? Verlassene oder eifersüchtige Liebhaber?

Von Fragen, die zurückkehren: Nanie (Pauline Serieys), die beste Freundin des Opfers, bringt Yohann auf ungemütliche Gedanken.
© Hautetcourt / Ascot Elite Entertainment

Als Vivès und Marceau ihre Nachforschungen über Claras Liebesleben vertiefen, treffen sie auf eine Reihe unheimlicher Männer. Der Barkeeper Wesley zum Beispiel, der ihnen erzählt, dass er eine feste Freundin hat und sich nur von Clara „verführen“ ließ. Dann sind da noch Jules, der über einen privaten Witz lacht, während er über den Mord spricht, und Gabi, der, nachdem Clara ihn abservierte, einen gewalttätigen Rap-Song geschrieben hat, in dem er textet, sie hätte es verdient, dass man sie abfackelt. Verdächtig erscheint auch Daniel, ein Versager, der in einer Hütte lebt und behauptet, einer ihrer Liebhaber gewesen zu sein. Und da ist Vincent, ein Macho-Soziopath, der einige Jahre im Gefängnis saß, weil er seine Ex-Frau verprügelt hat.

Vivès und Marceau begegnen all diesen Figuren mit einer Mischung aus Entsetzen und Unglauben. Wie ist es möglich, dass so viele junge Männer eine derart zynische, egoistische und brutale Einstellung zu Frauen entwickeln? Claras Liebhaber haben nichts gemeinsam, außer einer gefühllosen, abgestumpften Einstellung gegenüber Frauen, die sie als bloße Sexualobjekte benutzen. Vivès beschleicht zunehmend das Gefühl, dass zwischen Männern und Frauen etwas nicht stimmt. Es fällt schwer, den Täter als mörderischen Psychopathen zu sehen, wenn die Verachtung für Frauen die allgegenwärtige gesellschaftliche Norm ist. Vivès sagt es zu der Richterin (Anouk Ginsberg), die darauf besteht, dass drei Jahre nach Ablauf der ersten Untersuchungen der Fall wieder aufgenommen wird.

Dass IN DER NACHT DES 12. nicht in eine Kriminalgeschichte à la Dirty Harry oder Beverly Hills Cops abdriftet, ist eine der großen Stärken dieses Films. Er handelt von Menschen aus Fleisch und Blut, die sich bei ihren Vorgesetzten darüber beschweren, dass sie ihre Überstunden nicht nehmen dürfen. Oder fluchend herumsitzen, weil der billige Drucker mal wieder nicht funktioniert.

Regisseur Dominik Moll, der schon mal als die französische Version von David Lynch bezeichnet wurde, gibt dem Mord und dem Geheimnis, das ihn umgibt, zwar eine Rolle, aber der rote Faden ist vor allem die bei den Ermittlern wachsende Vermutung, dass beinahe jeder aus dem Dorf als Täter infrage kommen könnte.

Wenn sich am Ende alle Puzzleteile ein wenig zusammenzufügen scheinen, macht es sich Moll storytechnisch vielleicht doch ein wenig einfach. Aber abgesehen davon ist IN DER NACHT DES 12. ein sehr gut gemachter Polizeifilm, der den Zuschauer von der ersten Sekunde an fesselt. Zudem ist er hervorragend besetzt, allen voran mit dem Belgier Bouli Lanners in der Rolle des depressiv gestimmten Marceau, der die Ermittlungen zunehmend behindert, weil sein Leben auf der Kippe steht. 

Standardbild
Hans Kaltwasser
Artikel: 404

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