Ich ertrinke in den Wassern meiner eigenen Liebe

Briefwechsel zwischen berühmten Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur, Politik, Literatur und Philosophie sind ausgezeichnete Quellen, um das persönliche Leben dieser Berühmtheiten zu erforschen. Als die Malerin Baladine Klossowska 1920 dem österreichischen Dichter Rainer Maria Rilke erneut begegnete, entflammte zumindest auf ihrer Seite eine Liebe, die sie in einer Fülle von Briefen an ihn offenbarte.

Gleich der erste Brief, den sie nach einem Tag mit Rilke in Genf an ihn schrieb, entstand in einem Rauschzustand, der sie noch gefangen hielt. Der zweite folgte am nächsten Tag, obwohl sie sich nahezu täglich trafen. Rilke ist tief beeindruckt von dieser Frau, die ohne Umschweife zugibt, geschieden zu sein, sich um zwei Söhne kümmern muss, unter prekären finanziellen Bedingungen lebt und ihrem eigentlichen künstlerischen Talent, dem Malen, nicht nachgehen kann. Nach fünf Tagen geht diese intensive Zeit erst einmal zu Ende.

Mouky, jene Bezeichnung, die Baladine in den Briefen an Rilke zunächst für sich selbst verwendet, erhält von ihm zudem ein Echo, in welchem er ebenfalls sein Vermissen ausdrückt. Doch damals weiß sie noch nicht, wie sehr der Dichter die Stille und Einsamkeit schätzt und sie zuungunsten ihrer Nähe auch immer wieder beanspruchen wird. Oftmals sind sie an einem Ort, ohne dass Mouky Rilke zu Gesicht bekommt.

Dagegen kontaktiert er seine großzügige Mäzenin Nanny Wunderly-Volkart (1878–1962), die ihn bis zu seinem Tode 1926 unterstützte, per Brief regelmäßig. Doch Mouky gibt nicht auf, und obwohl sie oftmals verzweifelt, doch voller Hingabe ist, erneuert sie in jedem Brief ihre tiefe Liebe zu dem Dichter. Ihre Verhältnisse und die ihrer Söhne sind weiterhin prekär. Sie leidet außerdem an Rheuma, das sich aufgrund der gegebenen Wohnverhältnisse verschlechtert.

Ein positiver Wendepunkt in ihrer Beziehung ergibt sich durch den neuen Zufluchtsort Rilkes, das Château de Muzot in der Schweiz. Ein Mäzen ermöglichte Rilke den Aufenthalt vor Ort, und Mouky besucht ihn gemeinsam mit ihren Söhnen. Sie richtet das Haus und den Garten nach den Wünschen des Dichters ein. Hier vollendet er auch seine Hauptwerke, wie die „Duineser Elegien“, die er Mouky widmet. Mouky ist auch diejenige, die sein Werke hingebungsvoll liest und seinem Französisch manchmal auf die Sprünge hilft. Sie schreibt Übersetzungen und porträtiert ihn. Jedoch ist seine Gegenwart auch hier nicht gewährleistet. Sie ist auch an diesem Ort häufig allein. Rilke hält sich woanders auf.

Es kommt zu einer Entfremdung zwischen den beiden, obwohl Merline, wie Rilke sie nennt, sich nach wie vor nach ihm sehnt. Jedoch wurde ihre vollkommene Hingabe auch sexuell nicht erfüllt. Sie weiß, dass Rilke in seinen frühen Jugendjahren sexuell missbraucht wurde. Rilke leidet seit längerer Zeit an unbestimmten Symptomen, die schließlich in der Diagnose Leukämie münden. Er vollendet noch die zwei Teile des Sonetts für Orpheus und Mouky, die mittlerweile in Paris ist. Sie kann nichts Weiteres für ihn tun, außer ihn zu lieben. „Auf Wiedersehen, René, auf Wiedersehen!“ beendet sie ihren Brief an ihn.

Im Gegensatz zu Rainer Maria Rilke, dessen Tod sich in diesem Jahr zum 100. Mal jährt, ist die Malerin Baladine, die als letzte Geliebte Rilkes gilt, nahezu vergessen. Die Schriftstellerin Julia Francke, deren Werke mehrfach prämiert und filmisch adaptiert wurden, ehrt mit ihrem Buch „Ich ertrinke in den Wassern meiner eigenen Liebe“ eine herausragende Frau und Künstlerin.

Gleichzeitig entwirft sie das facettenreiche Bild einer Frau, deren Liebe zu einem anderen Menschen letztlich unerfüllt bleibt und die sie zudem daran hinderte, ihren eigenen künstlerischen Weg zu gehen. Zwar sind es auch die gesellschaftlichen Zwänge, politischen Konflikte und Gegebenheiten der damaligen Zeit, die besonders Baldine als Jüdin schwer belasteten.

Julia Francke bekennt sich klar zu jener Frau, welche nachweislich einen bedeutsamen Einfluss auf das Leben Rilkes ausübte, deren intensive Liebeskraft sie nahezu vernichtete. Ein sehr eindringliches und gründlich recherchiertes Werk, das zugleich den Menschen Rilke in seiner Ganzheit sowie seinen Schwächen aufzeigt.

Mouky lebt bis zu ihrem Tode1969 in Paris. Die Posthume Erstausgabe der Gedichte von Rilke (gest. am 29. Dezember 1926), ‎Les Fenêtres. Dix poèmes illustrés par dix eaux-fortes de Baladine.‎ illustriert mit 10 Radierungen von Mouky, Elisabeth Dorothea Klossowski (1886–1969), geb. Spiro. Die Malerin, besser bekannt unter dem Namen „Baladine“ wurde von Rilke „Merline“ genannt.

Verlag: Pfaueninsel
Seitenanzahl 176 Seitn
ISBN 978-3-69131-022-1
Erscheinungsdatum: 03.08.2026

Ingrid
Ingrid

Kunst und Kultur, Musik und Bücher, ohne sie ist ein Leben denkbar, aber für mich sinnlos. Darum habe ich diesen Blog ins Leben gerufen. Es macht viel Spaß, ihn zu gestalten - ich hoffe, den Usern, ihn zu lesen.
Nicht alles, was gedruckt wird, muss gelesen, nicht jedes Album gehört werden. Was die User hier finden, gefällt mir und den Gastautoren, die ab und zu Lust haben, etwas zu schreiben.

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