Das Schriftstellerdasein ist oftmals ein einsames. Das weiß auch der Ich-Erzähler des Kriminalromans aus der Serie der Halland-Krimis „Hinter dem Nebel“ von Christoffer Carlsson. Anrufe vom Verleger durchbrechen den Alltag am Schreibtisch und sind nicht immer angenehm. Doch eine andere Meldung, die ihn erreicht, bringt den Auror sehr viel stärker aus dem Gleichgewicht. Ein Freund und ebenfalls Schriftsteller, Johan Oskarsson, der lange nicht mehr in Kontakt mit ihm getreten war, meldet sich per SMS, bleibt aber bei einem Rückruf unerreichbar. Und nur einige Stunden später meldet sich der Polizist Vidar mit der Nachricht, dass eben dieser Schriftsteller tot ist. Nach Lage der Dinge handelt es sich um einen Selbstmord. Er wurde erhängt in seiner Pension aufgefunden,
Vidar will den Fall schnell zu den Akten legen, doch der namenlose Autor glaubt nicht an Selbstmord, sondern dass Johan ermordet wurde. Warum sonst ist er Stunden gefahren, um die Schriftstellerin Ingrid Klinga zu besuchen, deren Biografie er im Begriff ist zu schreiben? Zudem ist ihm aufgefallen, dass sein Freund als Linkshänder sein Handy in der rechten Hosentasche bei sich trug.
Er beginnt zu recherchieren und findet Anzeichen dafür, dass jemand Johan zum Schweigen bringen wollte. Denn die Biografie der berühmten schwedischen Autorin führt tief hinein in die dunklen 1950er-Jahre. Schließlich will er das Buch weiterschreiben und sucht nach den Spuren der jungen Frau vom Lande, die den Sprung in die Universitätsstadt Uppsala geschafft hat, um Soziologie zu studieren. Ihr eigentliches Ziel ist es jedoch, Schriftstellerin zu werden.
Ingrid findet schnell Anschluss und bei ihrer Kommilitonin Vera eine Wohngelegenheit. Sie taucht in einen Ozean neuer Begegnungen ein und wird prompt von der schwedischen Polizei als Spionin für ihren engsten Freundeskreis angeworben. Die Regierung Schwedens hält ihre Absichten, die Kernenergie auch im militärischen Bereich zu entwickeln, vertraulich. Darüber hinaus wird in Schweden nicht nur in der aktuellen Zeit intensiv über atomare Bedrohungen aus Russland diskutiert. Deshalb sind kommunistisch orientierte Student*innen höchst verdächtig.
Ingrid gerät in einen Strudel aus Liebe, Verrat, Verzweiflung. Sie weiß nicht mehr, wer sie eigentlich ist. Doch die Versprechungen, ihr erstes Buch bei einem Verlag zu promoten, lassen sie nicht aussteigen, sondern weitermachen.
Zwei ihrer Freunde werden wegen des Verdachts der Spionage verhaftet und nehmen sich in der Untersuchungshaft das Leben. So enden zunächst die Recherchen, doch die Geschichte verzweigt sich und findet noch mehr Tote, die anscheinend auf das Konto der schwedischen Geheimpolizei gehen. Am Ende, als längst der Ukrainekrieg begonnen hat, gerät auch das Leben des Autors und Rechercheurs in Gefahr. Wird auch er liquidiert, weil er zu viel weiß?
Dem schwedischen Autor Christoffer Carlsson gelingt auch in seinem vierten Halland-Krimi „Hinter dem Nebel“ eine ganz ungewöhnlich fesselnde Geschichte, die über einen Kriminalfall hinausgeht. Mit feinem psychologischen Gespür und unter weitgehendem Verzicht auf übliche, zum Genre gehörende Beschreibungen fokussiert er sich auf Emotionen, Reflexionen und Sprache. Wie vergangene Zeiten unser Verhalten prägen, die Geheimdienstarbeit oft eine einsame und misstrauische Reise ist und der heiße Antrieb, Karriere zu machen, Moralvorstellungen gelegentlich über Bord wirft. Ein echter Page-Turner, der politische Fakten und Fantasie zu einem dichten Netz verwebt – atmosphärisch und literarisch hervorragend!
Verlag: Rowohlt Kindler
Übersetzt von: Ulla Ackermann
ISBN: 978-3-463-00082-4
464 Seiten
Reihe: Die Halland-Krimis
Autor: Christoffer Carlsson







