Heute im Kino – TITANE von Julia Ducournau

TITANE, der neue, in diesem Jahr in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnete Film der französischen Regisseurin Julia Ducournau, ist eine düstere, verdrehte Fantasie, ein albtraumhaftes und doch schelmisch-komisches Feuerwerk aus Sex, Gewalt, grellen Farben und hämmernder Musik.

Alexia ist eine Exotiktänzerin in Südfrankreich, deren zwanghaftes Hobby Mord ist. Als sich die Leichen häufen und die Polizei ihr immer näher auf die Fersen zu rücken scheint, verlässt sie das Haus, in dem sie mit ihren Eltern lebt, und nimmt die Identität von Adrien Legrand an, einem Jungen, der viele Jahre zuvor verschwunden war. Nachdem sie ein computergeneriertes Bild des Teenagers gesehen hat, das zeigt, wie Adrien aktuell aussehen könnte, schneidet sie sich die Haare kurz, schnürt sich ihre Brüste ein, zertrümmert ihr Nasenbein an einem Waschbecken und meldet sich bei der Polizei als Adrien.

Halb Mensch, halb Maschine: Nach einem Unfall
bekommt die junge Alexia eine Titanplatte in den
Kopf implantiert – mit ungeahnten Folgen.
© Carole Bethuel

Die Verkleidung funktioniert gut genug, um den Vater des Jungen, Vincent, den ultramaskulinen Chef eines Feuerwehr- und Rettungstrupps, zu überzeugen, dass sie sein vermisster Sohn ist. Doch es gibt eine Komplikation: Alexia ist schwanger. Der Erzeuger der in ihrem Leib heranwachsenden Frucht ist ein Cadillac mit hydraulischer Federung, röhrendem Motor und greller Sonderlegierung, mit dem sie sich eines nachts lustvoll vereinigt hatte. Mit fortschreitender Schwangerschaft rinnt im Bad dunkles Motoröl aus Alexias Brüsten und Vagina. Ein mühsamer Kampf beginnt, ihre falsche Identität gegenüber ihrem Vater und ihrem Umfeld aufrechtzuerhalten.

TITANE ist der zweite Spielfilm von Julia Ducournau. Ihr Debüt „Raw“ war ein verstörend gewalttätiger, witziger Body Horror über Sex, Kannibalismus und fleischliche Begierden. Diesem Filmstil, der auf viszerale Schockeffekte, grausame Absurdität und hintergründige Metaphorik gepaart mit hohem thematischen Anspruch setzt, bleibt die Regisseurin in TITANE treu. Auch hier trägt die Gewalt oft komische Züge. Grausamkeit kollidiert mit Zärtlichkeit und Erotik gesellt sich zu tiefer Abscheu.

Alexia ist ein seltsames, bedrohliches Mischwesen aus biologischem Organismus und Maschine, ein Cyborg, dessen Körper durch künstliche Bauteile ergänzt wurde. Als Kind verursachte und überlebte sie einen Autounfall. Seitdem trägt sie eine Titanplatte im Schädel. Das erklärt den Titel des Films, freilich nicht ihre Faszination für Motoren, die wohl schon vor dem Unfall bestand, oder die Blutrünstigkeit, die ihr erwachsenes Ich antreibt. Mit ihrer großen erotischen Anziehungskraft verführt sie Männer und Frauen, bevor sie mit einem Metallstiel angreift, der gleichzeitig als Haarnadel dient. Nachdem sie ihn durch das Ohr eines Mannes getrieben hat, wischt sie ihn sauber, als hätte sie gerade den Ölstand im Motor ihres Autos geprüft.

Neon-Chic: Alexia (Agathe Rousselle) treibt sich
am liebsten in Untergrund-Clubs der AutotunerSzene herum.
© Carole Bethuel

Ducournau inszeniert Alexias Verbrechen mit einer raffinierten Mischung aus Slapstick und Horror. „Wie viele von Euch sind denn noch da?“, fragt sie, als an einem scheinbar ruhigen Abend mit Einzelmord unversehens immer mehr Menschen und damit potenzielle Zeugen auftauchen, die einer nach dem anderen abgeschlachtet werden. „Ich bin erschöpft“, beklagt sie sich bei einem ihrer Opfer, das tatsächlich Mitleid mit ihr zu haben scheint.

Nichts in TITANE ist so, wie es auf den ersten Blick erscheint

Alexia ist eine eiskalte Serienmörderin. Doch sobald sie zu Adrien wird, bei Vincent einzieht und sich seinem Team anschließt, wirkt sie weniger wie ein Raubtier als vielmehr wie ein verletzlicher, isolierter Außenseiter. Geschickt schafft Ducournau es hier, die Wahrnehmung des Zuschauers zu manipulieren und Sympathie für das Monster zu erzeugen.

Verzweifelter Vater: Vincent (Vincent Lindon)
würde alles tun, um seinen verschwundenen
Sohn zurückzubekommen.
© Carole Bethuel

Auch Vincent, der zunächst wie eine Inkarnation proletarischer Virilität erscheint, hat seine Macken und Komplikationen. Er ist ein wahrer Macho, der seine Feuerwehr straff wie eine Militäreinheit führt. So lieben ihn seine Jungs, aber mit sechzig Jahren lässt seine körperliche Leidensfähigkeit nach. Nachts spritzt er sich Steroide in den Hintern, sein Körper ist eine gequälte Fassade, die mit der Nadel kaum noch zu durchdringen ist. Obwohl noch kräftig gebaut, kann er sich nicht mehr so anstrengen wie früher. Das wird in einer Szene deutlich, als er verzweifelt versucht, einen Klimmzug zu machen, es aber nicht schafft, die Stange zu erreichen. Und seine Feuerwache ist ein Hexenkessel ungebremster Männlichkeit und mühsam unterdrückter Homoerotik. Vincent besteht darauf, dass Adrien/Alexia einer der Jungen sein wird, der freilich mit einigen besonderen Privilegien ausgestattet ist. „Für euch bin ich Gott“, sagt er zu den Männern und fügt hinzu, dass sein Sohn Jesus ist, aber auch, wie der Zuschauer weiß, eine Art Madonnenfigur, die ein auf wundersame Weise gezeugtes Kind in sich trägt.

Durch die stroboskopische Aggression der Bilder, die Ducournau auf die Leinwand bannt, kann man ihre Ideen über Geschlechteridentität, die Natur der Liebe, Fürsorge in einer Welt der Gewalt, die Lust und Intimität, die Menschen und Maschinen verbinden, nur erahnen. So ist es kein Wunder, dass diese Themen angesichts von Ducournaus furiosem Sinn für Sensationen nicht ganz zusammenpassen. Die hektische, brutale Intensität, die den ersten Teil des Films antreibt, bevor Alexia zu Adrien wird, verpufft in der Mitte, als der Erzählmotor stottert. Natürlich sorgt die Schwangerschaft für Spannung, aber die Situation wird doch zunehmend merkwürdig statisch, die Provokationen wirken mechanisch. Trotz seines rücksichtslosen Stils und Tempos scheint TITANE nicht zu wissen, wohin er letztlich will. Delirierender, mit vielfältigen Metaphern gespickter Body Horror oder Familienmelodram.

Dessen ungeachtet sind die Rollen hervorragend besetzt. Agathe Rousselle spielt die erwachsene Alexia mit abweisender, mürrischer Anziehungskraft. Ihre Eiseskälte ist immer von einem Hauch von Melancholie durchzogen. Und Vincent Lindon brilliert in der Rolle des harten, aber zärtlichen Vaters, der trotzig beschließt, das ihm zurückgegebene Kind bedingungslos zu lieben und die Ungereimtheiten nicht zu hinterfragen.

Titelbild: Alexia (Agathe Rousselle) räkelt sich auf der Motorhaube ihres
geliebten Cadillacs. © Carole Bethuel

Standardbild
Hans Kaltwasser
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